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Der Gedenkstein für die 110. Infanterie-Division ist umstritten. Kritiker wollen ihn verhüllen. Foto: be
Der Gedenkstein für die 110. Infanterie-Division ist umstritten. Kritiker wollen ihn verhüllen. Foto: be

Die grüne Verhüllung

Lüneburg. Der umstrittene Gedenkstein für die 110. Infanterie-Division am Springintgut soll verhüllt und die erklärende Tafel abgenommen werden. Das fordern die Grünen in einem Antrag für die Ratssitzung am 15. März. Fraktionschef Ulrich Blanck sagt, der Stein sei umstritten, eine Verhüllung das „mildeste Mittel“, damit umzugehen. Die Tafeln, die die Friedensstiftung Günter Manzke aufgestellt hat, seien irreführend. Das Wort Vernichtungskrieg der Wehrmacht sei in An- und Abführung gesetzt, dies sei „relativierend“ und für Betroffene eine „unerträgliche Darstellungsweise“. Die Stiftung äußert sich zurückhaltend. Oberbürgermeister Ulrich Mädge lehnt die Forderung ab.

Die Grünen wollen zudem eine „Lüneburger Erklärung“ verabschiedet sehen, mit der sich Rat und Stadt von Verbrechen durch Nationalsozialisten und staatliche Organisationen distanzieren. Das geplante Forum zur Lüneburger Erinnerungskultur werde begrüßt. Neben den Grünen beziehen der Dekan der Fakultät Kulturwissenschaften an der Leuphana, Prof. Dr. Ulf Wuggenig, und der ehemalige deutsche Botschafter in Weißrussland, Gebhardt Weiss, Position. Sie fordern Oberbürgermeister Ulrich Mädge ebenfalls zum Handeln auf.

Der Unternehmer und künftige Ratsherr Eberhard Manzke (CDU) hat die Stiftung, die an seinen Vater erinnert, gegründet. Er erinnert daran, dass man für die Schaffung des Friedenspfads Prof. Dr. Werner Preuß und Studenten sowie den Geschichtslehrer Dr. Michael Ebert und seine Schüler eingeschaltet habe. Die hätten erklärende Tafeln für verschiedene Denkmäler in der Stadt erarbeitet. Das Aufstellen sei nach Rücksprache und mit Einvernehmen der Stadt erfolgt. Manzke sieht die Stiftung zu Unrecht in dieser Schärfe kritisiert: „Wer sich die Liste der Mitglieder des Stiftungsrates anschaut, kann sie nicht in die rechte Ecke stellen.“ Man greife die Kritik an der eigenen Arbeit auf. Ende Februar tage der Stiftungsrat, um darüber zu diskutieren, wie man sich verhalten und positionieren wolle.

OB Mädge hält nichts davon, den Stein zu verhüllen. Der Rat habe gerade beschlossen, ein Symposium einzuberufen, das sich mit der NS-Geschichte in Lüneburg beschäftigen soll. Das gelte es abzuwarten: „Bürger aller Generationen sollen einbezogen werden.“ Es sei ein „schmerzhafter Prozess“, sich dieser Geschichte zu stellen, sie zu verhüllen, reiche nicht aus.

Die Kritik an dem Denkmal und der Arbeit der Friedensstiftung ist nicht neu. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) hatte im April 2016 eine Schrift vorgelegt, die im Prinzip die inhaltliche Debatte von heute vorweg nahm. Damals blieb die Broschüre weitgehend unbeachtet. Inzwischen ist der Umgang mit der Geschichte der NS-Zeit zum Politikum geworden. Dabei geht es auch da­rum, dass es an dem 1960 aufgestellten Stein Treffen von Soldatenverbänden, Bundeswehrangehörigen und Vertretern aus Verwaltung und Politik gab. Auch dies soll Thema eines Forums für Erinnerungskultur sein, das bereits die Linke gefordert hatte.

Brisanz hatte die Diskussion bekommen, nachdem Bürgermeister Dr. Gerhard Scharf (CDU) einem Rechtsextremen an dem Stein ein Video-Interview gab, das dieser ins Internet gestellt hatte. Scharf hatte sich dort nicht von rechten Thesen distanziert, im Gegenteil. Die Linke hatte im Stadtrat beantragt, Scharf abzuwählen, der Antrag scheiterte knapp. Scharf hatte sich für seine Äußerungen entschuldigt.

Kulturwissenschaftler Wuggenig und Ex-Botschafter Weiss fordern die Stadt auf, gegen die Äußerungen des rechtsextremen Bloggers vorzugehen. Derweil ist ein erneutes Schreiben des Ehepaars Gottschalk aus Laatzen im Rathaus eingegangen. Die Eheleute hatten unter anderem mehrfach gefordert, dass die Stadt den Gedenkstein verhüllen müsse. Sie hatten auch eine Strafanzeige gegen Oberbürgermeister Ulrich Mädge gestellt. Die Staatsanwaltschaft konnte allerdings keine strafrechtlichen Vergehen feststellen. Nun fordert Bernadette Gottschalk den OB erneut auf, den Stein abzudecken, ansonsten würde sie eine Klage erheben.
Von Carlo Eggeling

Hintergrund

Kriegsverbrechen in Weißrussland

Die 110. ID ist mit einer Sollstärke von 1 5. 000 Mann Ende 1940 in der Scharnhorst-Kaserne aufgestellt worden, sie hatte mehrere Standorte im Norden. Die Wehrmacht verlegte die Einheit im Juni 1941 nach Ostpreußen, von dort aus beteiligte sie sich am Überfall Hitler-Deutschlands auf Russland. Wie auch andere Einheiten sollen die Soldaten äußerst brutal vorgegangen sein. Das ergibt sich unter anderem aus den Forschungsergebnissen von Prof. Dr. Christoph Rass. Der Historiker lehrt an der Uni Osnabrück. Im Kern der aktuellen Debatte stehen Ereignisse aus dem Frühjahr 1944. Soldaten haben bei Ozarichi unmittelbar an der Front Gefangenenlager für Zivilisten eingerichtet. Alte, Kranke, Frauen und Kinder lagen wie ein menschliches Schutzschild zwischen Wehrmacht und der vorrückenden Roten Armee. Menschen kamen um oder wurden ermordet. Die Zahl der Opfer wird auf bis zu 15.000 geschätzt.

One comment

  1. Das Ehepaar Gottschalk aus Laatzen ist bereits in der Vergangenheit sehr unangenehm aufgefallen, als sie provozierten und auf Veranstaltungen zum Volkstrauertag, an dem traditionell den Opfern aller Kriegstoten gedacht wird, mit eigenen Kränzen, die das Gedenken einseitig auf eine bestimmte Opfergruppe lenkten, die allgemeine Trauer für alle Opfer zu stören versuchten.