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Sarah (v.l.), Melanie und Julia möchten ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen, auch ihre Gesichter nicht zeigen. Ihre Kommilitonen wissen nichts von ihren psychischen und chronischen Erkrankungen. (Foto: phs)
Sarah (v.l.), Melanie und Julia möchten ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen, auch ihre Gesichter nicht zeigen. Ihre Kommilitonen wissen nichts von ihren psychischen und chronischen Erkrankungen. (Foto: phs)

Wenn die Kraft nicht zum Aufstehen reicht

Lüneburg. Melanie (Name geändert) liegt im Bett, ihr Wecker klingelt, sie drückt die Schlummertaste. Zehn Minuten später ertönt dasselbe Geräusch, wieder der Knopf. Stunden sp äter hat Melanie ihre Bettdecke noch immer nicht zurückgeschlagen, zu weit und zu beschwerlich ist der Weg ins Badezimmer. Dort müsste sie ihre Zähne putzen, ihre Haare zurückbinden, Socken, Hose und Pullover anziehen. Die Vorlesung hat ohnehin schon längst begonnen, aufstehen lohnt nicht mehr. Wieder ein Tag, den Melanie im Bett verbringt.

Sie ist 19 Jahre alt, steckt mitten in ihrem 3. Bachelorsemester. „Seit ich 15 bin, leide ich an einer Depression und Angststörung“, sagt sie und blickt auf ihre Hände. Sie sitzt zusammengesunken in einem Café der Leuphana Universität, ihr Gesicht ist blass. Zurzeit stehen Prüfungen an – für Melanie die Hölle. „Ich puste aus dem letzten Loch.“ Was ihr an manchen Tagen hilft, ist die Gewissheit, dass sie nicht alleine ist. An der Uni gibt es viele junge Menschen, die ihre Krankheit nicht offen ausleben. Zu groß ist die Angst vor einem Stigma.

Ein anderer Morgen. Melanie hat es in die Vorlesung geschafft, sie sitzt ganz hinten im Hörsaal. Vor ihr liegen Block und Stift, konzentriert versucht sie, den Worten ihres Dozenten zu lauschen. Plötzlich wird ihr heiß, das Gefühl, dass ihre Brust gleich explodieren könnte, wird von Sekunde zu Sekunde stärker. Kalte Schweißperlen laufen ihren Rücken hinunter. Mund und Nase wollen keinen Sauerstoff mehr einziehen, sie verweigern ihr den Dienst. Melanie stopft ihre Sachen in ihre Tasche, stolpert benommen aus dem Hörsaal.

Frühzeitig hat sie sich an das Archipel gewandt, ein AStA-Referat, das Studenten mit chronischen, psychischen Erkrankungen, Handicaps und Lernbeeinträchtigungen eine Anlaufstelle bietet. „Ich wollte meine Probleme gleich zum Studienstart tackeln, mit Leidensgenossen in Kontakt kommen.“ Anfangs ist Melanie oft zu Treffen gegangen, genoss den Austausch. Wieder senkt sie den Blick. „Ich war lange nicht mehr da.“ In ihrem Umfeld wisse niemand von ihrer Depression, nicht mal ihre Mitbewohnerin, die sie täglich sieht.

Melanie glaubt, dass sie belächelt wird, wenn sie anderen gegenüber äußert, dass sie psychisch krank ist. „Man hat mir schon mal gesagt, dass das in meinem Alter ja gar nicht möglich ist.“ Sie möchte sich nicht „nackt machen“, macht es lieber mit sich selbst aus. „Das ist eine Veranlagung, es gibt Fälle in meiner Familie“, sagt sie fast schon entschuldigend. „Ich bin zu ehrgeizig.“ In Stresssituationen wolle sie alles bestmöglich schaffen, nicht schlechter abschneiden als andere. Das Motto in ihrem Studiengang: „Friss oder stirb.“

Ein schwarzer Tag für Sarah (Name geändert), wieder einmal. Der Schmerz breitet sich schlagartig aus, hinter den Augen, an der Stirn, den Schläfen. Es ist unerträglich. An Seminare und Vorlesungen kann sie jetzt nicht mehr denken, dringend müssen Medikamente her. Sarah weiß genau: Wenn sie die Schmerzen nicht sofort behandelt, kann der Anfall bis zu 1,5 Stunden dauern. Ihr wird schlecht bei dem Gedanken. Doch ihre Sauerstoffflasche zum Inhalieren steht zu Hause.

Es handelt sich um eine sehr seltene Schmerzerkrankung, unter 100 000 Menschen gibt es gerade einmal zehn Betroffene. Sie äußert sich durch extreme Beschwerden im Kopf. Die Diagnose wurde gestellt, als Sarah 13 Jahre alt war. Seit 17 Jahren lebt sie nun damit – mal besser, mal schlechter. „Manchmal habe ich bis zu acht Schmerzanfälle am Tag, dann geht gar nichts mehr.“ Sie sei dann nur damit beschäftigt, die Schmerzen zu behandeln. „Seit zwei, drei Jahren ist es chronisch, ich nehme jeden Tag prophylaktisch Medikamente.“

Weihnachten steht bevor, doch an eine entspannte, besinnliche Zeit kann die Studentin nicht denken. Da ist diese Gruppenarbeit, diese Kommilitonin, die Druck macht, Ergebnisse sehen will. Das Gefühl, nicht mithalten zu können, erdrückt Sarah. Doch da ist auch der Drang, alles geheim zu halten, eben nicht „zu der mit der chronischen Krankheit“ zu werden.

Das Letzte, was Sarah will, ist Mitleid. „Ich möchte mir keinen Vorteil verschaffen, alles hinbekommen. Dabei bin ich permanent am Stresslevel.“ Die letzte Prüfung konnte sie nicht ablegen, danach fiel die Entscheidung, erstmals beim Prüfungsamt einen sogenannten Nachteilsausgleich zu beantragen. Kein leichtes Unterfangen, die Studentin stieß auf viele Hürden. Atteste wurden als nicht aussagekräftig bewertet, „zuletzt sagte man mir sogar, dass chronische Erkrankungen nicht ausgleichsfähig seien, weil sie ein Persönlichkeitsmerkmal sind“.

Julia (Name geändert) sitzt in der Mensa, vor ihr auf dem Tisch steht ein Ta­blett. Darauf liegen ein Messer, eine Gabel und ein Teller. Es gibt Reis. Pur, ohne Sauce, ohne Gemüse. Die Menge musste die 26-jährige Studentin einschätzen. Isst sie zu wenig, könnte die Dosis Insulin, die sie sich gerade gespritzt hat, dazu führen, dass sie unterzuckert. Dann breitet sich schlagartig die Müdigkeit aus, die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, Julia wird träge.

Der Alltag von Julia ist Management pur. Sie leidet an Diabetes Typ 1, vor Kurzem wurde zudem mit Zöliakie eine Glutenunverträglichkeit diagnostiziert. Ihr Leben mit zwei Krankheiten beschreibt sie als Teilzeit-Job, ständig muss sie ihren Blutzuckerspiegel messen, händisch ihre Bauchspeicheldrüse regulieren. Arztbesuche und Kontrolluntersuchungen sind für Julia Alltag. „Wenn ich wollte, könnte ich mich nur damit beschäftigen.“ Doch sie weiß, dass sich Stress und Blutzucker nicht gut verstehen.

Julia war es auch, die die Idee hatte, eine Selbstvertretung für junge Studenten mit Handicap ins Leben zu rufen. Denn die Zahl steigt seit Jahren. In den seltensten Fällen sind die Krankheiten auf den ersten Blick sichtbar. Das Besondere am Archipel ist, dass die Referenten nicht wie sonst durch das Studierendenparlament, sondern aus dem Kreis der Betroffenen heraus gewählt werden.

Julia sitzt mit Melanie und Sarah in dem Café, das Trio ist in ein Gespräch vertieft, wirkt vertraut. Sie haben sich beim Archipel kennengelernt. Was es für sie bedeutet? „Das ist mein Safe Space, es ist gut zu wissen, dass andere auch ihr Päckchen zu tragen haben“, sagt Melanie. Sarah und Julia nicken, auch für sie sei das Archipel ein geschützter Raum. „Wir sitzen nicht zusammen und bemitleiden uns. Jeder kann dort sein, wie er ist und wie er sich gerade fühlt“.

Erreichbar ist das Referat per E-Mail unter archipel@asta-lueneburg.de

Hintergrund

Psychische Erkrankungen besonders häufig

Das Studentenwerk hat insgesamt rund 55 000 Studenten befragt und die Ergebnisse 2016 im 21. Sozialbericht veröffentlicht. Elf Prozent der Studenten haben angegeben, dass sich ihre gesundheitlichen Beeinträchtigungen erschwerend auf das Studium auswirken würden. Der Anteil beeinträchtigter Studenten ist damit gegenüber 2012 um vier Prozent gestiegen. Frauen haben anteilig etwas häufiger als Männer eine studienerschwerende Beeinträchtigung.

Besonders häufig sind es psychische Erkrankungen (47 Prozent), für 18 Prozent geht die stärkste Studienbeeinträchtigung von einer chronisch-somatischen Krankheit aus. Die Folgen sind beim Studienverlauf zu spüren: Mehr als ein Drittel der Studenten hat bereits mehr als zehn Hochschulsemester absolviert. Sie wechseln häufiger ihren Studiengang oder ihre Hochschule, unterbrechen ihr Studium mehr als doppelt so häufig wie diejenigen ohne Beeinträchtigung.

Von Anna Paarmann

4 Kommentare

  1. „in anderer Morgen. Melanie hat es in die Vorlesung geschafft, sie sitzt ganz hinten im Hörsaal. Vor ihr liegen Block und Stift, konzentriert versucht sie, den Worten ihres Dozenten zu lauschen. Plötzlich wird ihr heiß, das Gefühl, dass ihre Brust gleich explodieren könnte, wird von Sekunde zu Sekunde stärker. Kalte Schweißperlen laufen ihren Rücken hinunter. Mund und Nase wollen keinen Sauerstoff mehr einziehen, sie verweigern ihr den Dienst.“
    Eine typische Panikattacke. Und die Schulmedizin verordnet Pillen, die einen noch mehr müde, dumpf und abwesend machen. Die einen zu einem anderen Menschen,einem anderen Ich machen. Lieber eine vernünftige Therapie und die Literatur von Luise L. Haye. „Heile Dich selbst“, denn eine anderer wird und kann es nicht tun. Pillen gegen Depressionen Bluthochdruck usw. bringen Miliarden an Gewinn. Aber keine Heilung.

  2. Es ist manchmal tröstlich, andere Betroffene kennenzulernen, die verstehen, was man durchmacht.