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Immer mehr Eltern sind stark belastet, viele sind überfordert. Das bekommen auch die Kinder zu spüren. (Foto: t&w)
Immer mehr Eltern sind stark belastet, viele sind überfordert. Das bekommen auch die Kinder zu spüren. (Foto: t&w)

Mehr Kinder in Gefahr

Lüneburg. Sie haben verfaulte Zähne oder blaue Flecken, sind verdreckt, verängstigt und emotional verarmt: Immer wieder sieht Ines Benne vom Jugendamt des Landkreises Lüneburg Kinder und Jugendliche in bedenklichen Lebensumständen. Im vergangenen Jahr aber, „da war es ganz besonders schlimm“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin. Die Fälle von Kindeswohlgefährdungen im Landkreis waren 2017 „fatal hoch“. Mit 420 haben sie sich seit 2015 mehr als verdoppelt.

2015 gab es 194 Fälle, im Jahr darauf waren es 288

Es war „eine außerordentliche Härtesituation letztes Jahr“ für Ines Benne, KES-Leitung (Kindesschutz, Hilfen zur Erziehung und Sozialraumprojekte) und ihre 15 Kollegen beim Jugendamt des Landkreises Lüneburg. Denn sie hatten „unglaublich viele Fälle von Kindeswohlgefährdungen“, berichtet Benne. 2015 lag die Zahl der Kindeswohlgefährdungen im Landkreis bei 194 Fällen, 2016 waren es 288. Den Grund für diesen drastischen Anstieg sieht Ines Benne vor allem darin, dass „es immer mehr belastete Menschen und viele überforderte Eltern gibt“. Es komme immer wieder vor, dass sie Kinder in vermüllten Wohnungen mit Ungeziefer vorfindet. Dazu häufig überforderte, uneinsichtige, chronisch-kranke, depressive oder betrunkene Eltern. Die stellvertretende Jugendamtsleiterin warnt: „Der Unterstützungsbedarf ist hoch.“

Jeder kann betroffen sein

Wenn sich in Familien soziale Krisensituationen zuspitzen, sind fast immer Kinder und Jugendliche die Leidtragenden. Denn gegen Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch sind sie fast immer wehrlos. „Sogar am Bett festgebundene Kinder haben wir schon gesehen“, erzählt die 58-Jährige. Seit 2003 arbeitet Ines Benne beim Jugendamt. Lange genug, um zu wissen, dass „jeder betroffen sein kann“. „Auch gut situierte Eltern können in eine Krise geraten und plötzlich auf Hilfe angewiesen sein“, sagt sie. Genauso könne jedes Kind in Schwierigkeiten geraten, ganz gleich aus welchem Hause es stamme. Und nicht immer liege die Schuld ausschließlich bei den Eltern. „Manchmal sind die Fronten zu Hause einfach so verhärtet oder die Kinder haben sich so zurückgezogen, dass die Eltern hilflos sind und nicht mehr an ihr Kind herankommen.“

„Gute Eltern zu sein bedeutet auch, sich einzugestehen, dass man überfordert ist und sich dann Hilfe zu holen.“ Ines Benne, stellvertretende Jugendamtsleiterin

Manchmal seien es dann die Eltern selbst, die sich beim Jugendamt meldeten. Ein lobenswerter Schritt in Bennes Augen: „Gute Eltern zu sein bedeutet auch, sich einzugestehen, dass man überfordert ist und sich dann Hilfe zu holen. Elternverantwortung heißt, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ In manchen Fällen komme es aber auch vor, dass betroffene Jugendliche sich melden und „uns sagen, dass sie nicht mehr zu Hause wohnen möchten, weil sie sich dort nicht entwickeln können“, berichtet Benne.

Fast immer sind es aber Anrufe oder E-Mails von besorgten Nachbarn oder Verwandten. Manchmal auch von Ärzten, Erziehern oder Lehrern, die bei Ines Benne und ihren Kollegen eingehen. Zwar stelle sich nicht jeder Hinweis oder Verdachtsmoment tatsächlich als Kindeswohlgefährdung heraus, „wir haben manchmal auch total skurrile Anrufe“, sagt Benne. Aber an den meisten Meldungen sei auch etwas dran. Ines Benne mahnt: „Wer sich Sorgen macht, der sollte sich jederzeit bei uns oder in den Sozialraumbüros der Gemeinden melden. Wir müssen jedem Hinweis ausnahmslos nachgehen – und wir sehen lieber einmal zu viel nach als einmal zu wenig.“

Wächter, aber keine Ermittler

Gründe für eine Meldung seien zum Beispiel, wenn man Kinder nie draußen sieht, sie nicht zur Schule gehen, oder auch wenn diese zum Beispiel unbeaufsichtigt bis 23 Uhr draußen herumliefen. Vor allem dann, wenn man Schreie aus der Wohnung höre, Eltern häufig betrunken seien oder sich ständig streiten, vielleicht sogar schlagen, sollte man das Jugendamt informieren, sagt Ines Benne. Denn auch häusliche Gewalt sei eine Kindeswohlgefährdung – selbst dann, wenn die Kinder nicht geschlagen werden, aber in diesen Situationen anwesend sind. „Das ist einfach kein gutes Umfeld für Kinder“, betont die stellvertretende Jugendamtsleiterin, die in solchen Fällen eng mit der Polizei zusammenarbeitet. Trotzdem stellt sie klar: „Wir als Jugendamt haben zwar das Wächteramt, aber wir sind keine Ermittlungsbehörde. Die Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen liegt bei den Eltern.“

Neben der „Hilfe zur Erziehung“, bei der das Jugendamt zum Beispiel gemeinsam mit den Familien Ziele zur Situationsverbesserung erarbeitet, gehört auch die Inobhutnahme zu Bennes Job. Schon oft musste die 58-Jährige Kinder aus ihren Familien holen – „keine schöne Angelegenheit“, sagt Benne – „und unser allerletztes Mittel, um ein Kind zu schützen“. Zwar denken die meisten, wenn sie „Jugendamt“ hören immer gleich, „dass wir kommen und die Kinder holen“, sagt Benne. „Aber das ist das Letzte, was wir wollen.“ Ziel der Jugendamtmitarbeiter sei es hingegen, „dass Eltern und Kinder zusammen leben und das irgendwie gemeinsam hinkriegen – gegebenenfalls mit Hilfe.“

„Da bin ich dann auch fix und fertig“

Immer wieder aber müssen Benne und ihre Kollegen diesen letzten Schritt gehen. Immer dann, wenn zahlreiche Gespräche nicht zur Einsicht und einer längerfristigen Änderung im Zusammenleben von Eltern und Kindern geführt haben. 82 Inobhutnahmen mussten sie im Landkreis Lüneburg im Jahr 2017 vornehmen. Im Jahr 2016 waren es 133 Inobhutnahmen, 125 in 2015 – „eine schwierige Situation, insbesondere für die Kinder, die dann in einer Pflegefamilie oder einem Heim untergebracht werden, wenn keine innerfamiliären Lösungen zu finden sind“, sagt Benne. Denn „jedes Kind will nach Hause, egal wie gut oder schlecht es daheim ist.“ Wenn es zu Hause „Wärme und Geborgenheit gibt“, mache es nichts, „wenn es nicht so schick aussieht – solange dort kein Ungeziefer herumkrabbelt“, sagt Benne. Doch die Sozialpädagogin habe sogar schon Kinder erlebt, die „dermaßen vernachlässigt waren, dass sie sich auf meinen Schoß gesetzt und gesagt haben ‚Du gehst aber nicht, ohne mich mitzunehmen, oder?‘“

Besonders schlimm sei es, „wenn wir Babys in Obhut nehmen müssen“, erzählt Benne. Und erinnert sich an zahlreiche verzweifelte Mütter, die ihr Baby umklammern und nicht loslassen wollen. „Das ist sehr belastend – für alle Beteiligten“, sagt Benne und gibt zu: „Da bin ich dann auch selbst fix und fertig.“ Wie sie all das Leid wegsteckt, das Ines Benne in ihrem Beruf begegnet? „Mit einem Ausgleich zur Arbeit – und einem guten Team, das sich gegenseitig auffängt und auch aufeinander acht gibt.“

Von Patricia Luft