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Einmal im Monat kommt Tiertherapeutin Monika Möhlmann (links) in das Adendorfer DRK-Altenheim. Dann dürfen Bewohner wie Dora Vogel (rechts) Zeit mit ihren Tieren wie zum Beispiel dem Kaninchen „Hensel“ verbringen. Foto: phs

„Hensel“ und „Finchen“ wecken Erinnerungen

Adendorf. Es ist ein kalter, aber sonniger Wintermorgen, an dem sich Monika Möhlmann aus Himbergen im Landkreis Uelzen mit ihrem Auto auf den Weg macht. In ihre m Kofferraum hat die 59-Jährige Taschen und Körbe sorgfältig verstaut, gefüllt mit Dingen wie einer Plastikplane und Decken, Ästen, Grünzeug, Heu und Stroh. In vier Plastikboxen transportiert Möhlmann ihre Kaninchen „Hensel“ und „Finchen“ sowie acht Meerschweinchen, mit Namen wie „Löwenköpfchen“, „Wilde Hilde“ oder „Schneeweißchen“. Das Ziel an diesem Morgen: das DRK-Altenheim in Adendorf. Dorthin fährt Möhlmann einmal im Monat, um den alten Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Denn Monika Möhlmann ist Therapeutin für tiergestützte Intervention.

Als sie in Adendorf eintrifft, ist zunächst Auspacken angesagt. Mit einem Gepäckwagen transportiert sie zusammen mit ihrer Praktikantin Jasmin Jessel, die derzeit selbst eine Ausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention macht, die Taschen und die Tierboxen über den Fahrstuhl hoch auf die Ebene Zwei.

Dort sitzen im Gemeinschaftsraum bereits rund 20 Seniorinnen in einem großen Kreis, teils auf Holzstühlen, teils in ihren Rollstühlen. Manche sind in sich gekehrt, wirken abwesend – wie in einer anderen Welt. Ihre Blicke wandern ins Leere. Es ist der Wohnbereich Zwei – in dem überwiegend stark demente Menschen leben. Durch die Fenster des Gemeinschaftsraumes fällt Licht, doch trotz des heiteren Wetters ist die Atmosphäre gedrückt. Das soll sich bald ändern – dank Monika Möhlmann und ihren Tieren.

Langsam entsteht auf dem Boden des Gemeinschaftsraumes ein kleines Nagetier-Paradies – bestehend aus all den Dingen, die die Tiertherapeutin eingepackt hat. Und natürlich dürfen auch die bunten Tiertunnel nicht fehlen, denn „die mögen die Tiere“, sagt Möhlmann. Einige der Heimbewohnerinnen scheinen sich noch an die letzten Besuche von Monika Möhlmann zu erinnern, sie beobachten neugierig, was die Tiertherapeutin dort vorbereitet.

„Guten Morgen kleine Tierchen“

Möhlmann gibt zunächst jeder Frau einen Zweig oder verschiedene Kräuter in die Hand, „damit sie erraten, was es ist und um schon einmal die Sinne und das Gedächtnis anzuregen.“ Dann holt sie die Tiere aus ihren Boxen. Sofort hoppeln die auf ihrer Decke herum, beginnen zu fressen, laufen durch ihre Tunnel – und die Seniorinnen tauen langsam auf.

Die ersten rufen „Guten Morgen kleine Tierchen“ und „Ich will auch eines halten“ – und schon bald haben einige der Frauen ein Meerschweinchen auf einer Decke auf dem Schoß. Sie streicheln die Tiere vorsichtig, füttern sie mit Salatblättern, sprechen mit ihnen wie mit kleinen Babys. „Einige können es kaum erwarten, eines zu nehmen, andere brauchen etwas Zeit“, erklärt die Tiertherapeutin. „Manche hingegen sind unsicher und möchten lieber nur beobachten.“

„Die Meerschweinchen sind mir zu klein“

Eine, die sofort sicher ist, was sie will, ist Dora Vogel. Seit vier Jahren lebt die 84 Jahre alte Lüneburgerin in dem Adendorfer Altenheim. „Die Meerschweinchen sind mir zu klein“, sagt sie. „Ich möchte lieber einen Hasen.“ Als einen Moment später Hensel auf ihrem Schoß sitzt, in einem Hasensack, damit er „mit seinen kräftigen Krallen nicht kratzen kann“, wie Möhlmann erklärt, strahlt Dora Vogel. „Die lieb ich, die Hasen – die sind so brav“, schwärmt sie.

Langsam kommt Dora Vogel ins Erzählen – darüber, dass sie selbst vom Lande komme, dass sie und ihre Familie Enten, Gänse und andere Tiere hatten – genau der Effekt, den sich Monika Möhlmann von ihren Besuchen verspricht. „Die alten Menschen versetzen sich durch die Tiere in alte Erinnerungen, was sehr förderlich ist bei Demenz“, erklärt sie. „Sie werden richtig wach und erinnern sich plötzlich wieder an so vieles, sie tauen auf und erzählen.“

„Eine total schöne Sache für die Bewohner“

Auch Claudia Schott, Präsenzkraft im Adendorfer Altenheim, ist dabei – „eine total schöne Sache für die Bewohner“, findet sie, und beobachtet gerührt, wie stark sich die Bewohner, mit denen sie täglich spazieren geht, redet und spielt, im Laufe des Besuches verändern. „Sie freuen sich und reden anschließend noch den ganzen Tag davon, erzählen sich gegenseitig von früheren Zeiten“, sagt Schott.

Dann ist es Zeit zu gehen. Nachdem alle Tiere wieder in ihren Boxen verstaut und alle Taschen und Körbe gepackt sind, singen Monika Möhlmann und Jasmin Jessel mit den Frauen ein Abschiedslied – und sogar die, die anfangs in sich gekehrt waren, singen lautstark und auswendig den Text mit, winken strahlend zum Abschied.

Von Patricia Luft