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Thomas Hapke (v.l.), Maik Brunken und Christopher Bohlens überprüfen das Feinstaubgerät am Platz Am Sande, es hängt mittlerweile an der LZ-Fassade auf Höhe des ersten Stockwerks. (Foto: t&w)

Deutlich über dem Grenzwert

Lüneburg. 20 sechseckige Symbole leuchten auf der Karte über dem Wort „Lüneburg“ auf. Manche sind gelb eingefärbt, andere orange, einige gehen ins Rötliche. Grüne Hexagone sind am Dienstagmittag nicht zu finden – kein gutes Zeichen. Eine Skala am Bildschirmrand gibt Aufschluss: Die Feinstaubbelastung in der Region ist hoch, am Platz Am Sande misst das Gerät, das die LZ aufgehängt hat, um 18.30 Uhr einen Wert von 118. Damit ist der EU-Grenzwert von 50 deutlich überschritten.

Christopher Bohlens wirft einen Blick auf die Karte,
 die die Lüneburger Sensoren im Internet darstellt. Ein
Ampelssystem zeigt die Feinstaubbelastung auf. (Foto: t&w)

Hintergrund dieser Online-Karte, auf die jeder zu jeder Zeit zugreifen kann, ist ein sogenanntes Citizen Science Projekt. Bedeutet: Jeder Bürger kann mitmachen, sich ein Feinstaubmessgerät unters Fensterbrett oder an den Balkon hängen und die Daten im Internet abrufen. Weltweit sind rund 3200 solcher Sensoren aktiv, alle 180 Sekunden übertragen sie Messwerte zu den Parametern Feinstaub, Temperatur und Luftfeuchte. Das Thema ist zurzeit aktueller denn je: Es hat durch die Diesel-Problematik und Fahrverbote in Innenstädten neue Brisanz erlangt.
Initiator in Lüneburg ist Christopher Bohlens, er studiert Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften an der Leuphana, engagiert sich bei der Open Knowledge Foundation Deutschland, ein Verein, der sich für offenes Wissen, offene Daten, Transparenz und Beteiligung einsetzt. Für das Projekt „Code for Germany“ wurden in 25 deutschen Städten sogenannte Open Knowledge Labs (OK Labs) gegründet, der Startschuss fiel in Stuttgart aufgrund der Dieselproblematik.

Wesentliche Verursacher sind Holzfeuerungsanlagen

Beteiligt sind auch Maik Brunken vom Verein FabLab Lüneburg und Thomas Hapke, dessen Frau Franziska Vorstandsmitglied beim BUND Elbe-Heide ist. „An unserem Haus hängt der erste private Sensor in Lüneburg“, erzählt er. Die Installation sei auch aus einem privaten Inte­resse heraus geschehen. „Wir wohnen auf dem Kreideberg, viele Nachbarn heizen mit Holz.“ Ein großes Thema. Das Umweltbundesamt hatte neulich mitgeteilt, dass in Deutschland Feinstaub-Emissionen aus kleinen Holzfeuerungsanlagen die aus den Lkw- und Pkw-Motoren mit etwa 21 000 Tonnen übersteigen. Diese Erkenntnis hält Hapke, der an der TU Hamburg-Harburg arbeitet, gerade in Lüneburg für relevant. „Wir haben hier viele eng­räumige Straßenführungen, viele Einfamilienhäuser.“

Fortschritt: Emissionen bereits reduziert

Laut Umweltbundesamt konnten die Gesamt- und Feinstaubemissionen in Deutschland im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts drastisch reduziert werden. Wurden zu Beginn der 90er-Jahre im Jahresmittel Werte um 50 Mikrogramm pro Kubikmeter (EU-Grenzwert, gilt seit 2005) gemessen, treten heute Werte zwischen 15 und 20 auf.

Zwei Workshops hat Christopher Bohlens bislang angeboten, unter Anleitung konnten Lüneburger dort ihre Geräte selbst zusammenbauen. Sponsoren haben ermöglicht, dass die Teilnehmer nur 5 Euro zahlen mussten. Jeder hat ein kleines Handbuch bekommen, darin ist Schritt für Schritt erklärt, wie das Gerät ­installiert wird. Am Sonnabend, 10. März, um 11 Uhr haben Interessierte wieder die Möglichkeit, an einem solchen Workshop teilzunehmen. Eine Anmeldung ist erforderlich.

Es ist ein Versuch, die Stadt mit einem dichten Messnetz auszustatten. Kritik, dass es in Lüneburg nur die Station an der Zeppelinstraße gibt, gibt es seit Jahren. Dabei kann sie weit draußen im Hafen nicht die Feinstaubbelastung in der Innenstadt erfassen. „Man kann sehr wohl erkennen, dass es einen Unterschied gibt zwischen den umliegenden Gebieten und der Stadt“, sagt Bohlens, der sich aber keine wissenschaftliche Auswertung zutraut. „Die Maßnahmen überlassen wir der Politik.“

Individualverkehr sollte vermieden werden

Tipps hat der Projektleiter dennoch, schließlich setzt er sich seit Jahren mit dem Thema Feinstaub auseinander. „Bei hohen Werten sollte man sich nicht unnötig lange draußen aufhalten.“ Auch rät er, auf Dieselfahrzeuge zu verzichten oder beim Kauf auf die neueste Abgasreinigungstechnologie zu achten. „Auch der Individualverkehr sollte vermieden werden, lieber auf den öffentlichen Nahverkehr oder das Fahrrad zurückgreifen.“ Viel Feinstaub werde stets auch an Silvester durch Raketen und Böller und zu Zeiten der Osterfeuer erzeugt. „Da kann man sich natürlich fragen, ob das sein muss. Jeder hat es selbst in der Hand.“

▶ Mehr Informationen über das Projekt gibt es unter www.feinstaub-lueneburg.de, die Karte mit den Messwerten ist zu finden unter lueneburg.maps.luftdaten.info/#11/53.2525/10.4144.

„Noch ist Lüneburg kein Hotspot“

Prof. Dr. Markus Quante gibt für die LZ eine wissenschaftliche Einschätzung zu den Ergebnissen der Feinstaubsensoren ab

Lüneburg. Platz Am Sande, Scharff- und Scholze-Kreuzung, Vor dem Bardowicker Tore und Stadtring: Prof. Dr. Markus Quante fallen sofort Knotenpunkte im Lüneburger Stadtgebiet ein, die mehr belastet sein dürften als andere. Ein bürgernahes Projekt wie das, das Christopher Bohlens gestartet hat, schätzt der Wissenschaftler als sehr nützlich ein. „Auch mit preiswerten Sensoren, die einigermaßen flächig verteilt sind, kann man Hotspots herausbekommen“, sagt er. Für die LZ hat Quante die Messwerte auf der Online-Karte verfolgt.

Prof. Dr. Markus Quante
forscht zu Luftqualität.
(Foto: A/t&w)

Seine Beobachtungen haben die Vermutung bestätigt, dass die Feinstaubbelastung in der Innenstadt höher ist als im Umland. Ausnahmen gibt es dennoch: So sind die Messwerte beispielsweise an einem Tag auch in Reppenstedt in die Höhe geschossen. „Die Konzentration ist abhängig von den Quellen, neben dem Verkehr sind das in der Region insbesondere Hausheizungen und Kaminfeuer.“ Auch könne die Belastung bei bestimmten Wetterlagen höher ausfallen, zum Beispiel wenn der vertikale Austausch der Luftschichten eingeschränkt ist. „Wenn der Wind zusätzlich extrem schwach ist, sammeln sich die Partikel in den Luftmassen an.“

Sensoren zeichnen ein grobes Bild ab

Quante lehrt an der Leuphana zu Klimawandel und Stofftransporten in der Atmosphäre und forscht am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht zu Luftqualität in Hafenstädten. Die Sensoren, die in der Region bislang installiert wurden, würden durchaus ein grobes Bild abzeichnen. „Es deutet sich an, dass auch in Lüneburg die Grenzwerte kurzzeitig überschritten werden. Es gibt an manchen Tagen Werte, die denen am Hamburger Stadtrand ähnlich sind“, sagt er. In Lüneburg seien es vor allem die Hauptverkehrsadern und Kreuzungen, die hervorstechen. „Dort, wo viel angefahren und gebremst wird. Nicht der Auspuff allein sorgt für Feinstaub­emissionen, es ist auch der Abrieb der Reifen und Bremsen.“

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt Quante zu bedenken, dass man die Werte nicht immer ganz genau nehmen dürfe. Die Sensoren seien jüngst von der baden-württembergischen Landesanstalt für Umwelt untersucht worden, dabei sei herausgekommen, dass bei sehr hohen Luftfeuchten und Feinstaubbelastungen die Geräte dazu tendieren, zu hohe Werte anzuzeigen.

Dennoch würde er es befürworten, wenn die Stadt die Anregungen des Projekts nutzt und in ein hochwertiges Instrument investiert. „Dann könnte man an den jeweiligen Hotspots mit einem geeichten Gerät messen.“ Er gibt zu bedenken, dass die Stoffe auch dann wirken, wenn der Grenzwert nicht überschritten ist. „Woher wissen die Personen, die sagen, dass Lüneburg kein Problem hat, dass das auch so ist?“ Sich auf die Messstelle am Flugplatz zu berufen, sei nicht ausreichend. Auch sei diese vom Ministerium explizit als Hintergrundstation ausgewiesen. ap

Wie schädlich ist Feinstaub eigentlich?

Mit Feinstaub ist der Staub gemeint, dessen Körner kleiner als zehn Mikrometer (zehn Millionstel Meter) sind. Die größten Verursacher von Emissionen sind Hausfeuerungsanlagen, Gewerbebetriebe, industrielle Anlagen und der Straßenverkehr. Dieser ist in Ballungsgebieten eine besondere Feinstaubquelle. Feinstaub gelangt nicht nur aus Motoren in die Luft, sondern auch durch Bremsen- und Reifenabrieb und die Aufwirbelung des Staubes auf der Straßenoberfläche.

Es sind nicht nur direkte Emissionen, die Feinstaub verursachen können. Auch gasförmige Schadstoffe wie Ammoniak, Schwefeldioxid und Stickstoffoxide reagieren in der Luft miteinander und bilden sogenannten sekundären Feinstaub.

Die gesundheitlichen Auswirken wurden bislang nur zum Teil erforscht, sicher ist aber, dass kleinere Staubpartikel bis in die Lungenbläschen vordringen, von dort in die Blutbahn gelangen und sich im Körper verteilen können. Die Folgen sind abhängig von der Größe und Eindringtiefe der Teilchen: So kann es zu Schleimhautentzündungen und lokalen Entzündungen im Rachen, der Luftröhre und den Bronchien führen, zudem erhöht sich die Thrombosegefahr. Das Bundesumweltministerium warnt außerdem vor Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen. Besonders gefährdet seien Kleinkinder, Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder Vorerkrankungen und ältere Menschen. ap

Von Anna Paarmann

2 Kommentare

  1. Aus meiner Sicht sind die Meßgeräte nicht in der richtigen Höhe angebracht. Mit dem Fokus auf betroffene Kinder (viele mit Atemwegserkrankungen), dürften diese Meßgeräte nicht in „luftiger Höhe“, sondern in einer Höhe von 1,5m angebracht werden. Es wäre keine Überraschung, wenn diese realen Meßergebnisse sich noch einmal deutlich von den bisherigen unterscheiden würden.

  2. „Aus wissenschaftlicher Sicht gibt Quante zu bedenken, dass man die Werte nicht immer ganz genau nehmen dürfe. Die Sensoren seien jüngst von der baden-württembergischen Landesanstalt für Umwelt untersucht worden, dabei sei herausgekommen, dass bei sehr hohen Luftfeuchten und Feinstaubbelastungen die Geräte dazu tendieren, zu hohe Werte anzuzeigen.“

    Es wäre meine Frage gewesen ob diese Abflussrohre geeicht und hinsichtlich der Genauigkeit ihrer Sensoren (z.B. durch das Bundesumweltamt oder den TÜV) amtlich geprüft wurden. Aber das wird die Initiatoren der Aktion, sowie Umweltverbände und die Grünen (im Stadtrat) nicht davon abhalten eine dramatische Lage in Lüneburg darzustellen und ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge zu beantragen/fordern. Das würde mich nicht überraschen oder wundern. Eigentlich warte ich schon darauf. Dann müssen wir uns wohl bald von einer zentralen Anlaufstelle der Busse in der Innenstadt verabschieden. Vermutlich auch vom ZOB am Bahnhof. So kann man den ÖPNV dann natürlich auch schmackhaft und als Alternative interessant machen.