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Chorleiterin Eva Pankoke hat ein halbes Jahr lang mit 17 Schülern des Johanneums für das Konzert in Tokushima geprobt. Dort durften sie Beethovens „Ode an die Freude“ aufführen. Foto: t&w

Ein Teil der japanischen Kultur

Lüneburg. Wenn Mathilde Liebenberg und ihre Mitschüler vom Johanneum an ihren einwöchigen Aufenthalt im japanischen Tokushima zurückdenken, fallen ihnen vor allem drei Dinge ein: Toiletten-Schlappen, beheizte Klobrillen und ein Privatsphäre-Knopf. Da sei der Besuch des eigenen Badezimmers nach der Rückkehr ernüchternd ausgefallen, sagt die 16-Jährige und lacht. Überhaupt hat die japanische Kultur einen bleibenden Eindruck hinterlassen, einzig die Tatsache, dass dort in großen Mengen kalter Fisch serviert und verzehrt wird, mochte Mathilde nicht recht überzeugen. Lange wird sie aber sicher von einem Moment zehren: dass sie und 16 weitere Mitglieder des Schülerchors mit einem 3000 Mann starken Chor in einem Konzertsaal Beethovens „Ode an die Freude“ singen durften.

Städtepartnerschaft zwischen Naruto und Lüneburg

Vor 100 Jahren, im Juni 1918, wurde Beethovens 9. Sinfonie zum ersten Mal auf japanischem Boden gespielt – vom Orchester und Chor des deutschen Kriegsgefangenenlagers. Eine Städtepartnerschaft zwischen Naruto und Lüneburg wurde 1974 begründet, seit 2007 gibt es eine solche Verbindung auch zwischen Niedersachsen und Tokushima. Den 100. Jahrestag dieser Aufführung nahm die Präfektur zum Anlass, 100 Schüler aus Niedersachsen für das Konzert einzuladen.

Für Eva Pankoke, Leiterin des Schulchors im Johanneum, keine leichte Entscheidung. Sie musste 17 von insgesamt 50 Sängern auswählen. Vertreten sind in diesem Ensemble Siebt- bis Zwölftklässler, aber auch Ehemalige suchen ihre Schule noch für die Proben auf. „Gesetzt waren die Oberstufenschüler und die aus Jahrgang 10, unter den Jüngeren musste ich drei Sänger auslosen“, sagt die Pädagogin.

Johanniter singen sonst eher Popmusik

Sie selbst habe großen Respekt vor dem 4. Satz Beethovens berühmter Vertonung. „Das ist ein wahnsinnig hohes und schweres Stück, die Schüler mussten sechs Töne höher singen als sonst.“ Normalerweise würde ihr Chor überwiegend Pop-Musik singen, seltener klassische Stücke. „Anfangs war ich echt ängstlich, ob wir das hinbekommen.“

Jede Menge Proben taten ihr Übriges, Pankoke behielt die Auserwählten nach der normalen wöchentlichen Gesangseinheit stets eineinhalb Stunden länger in der Schule, übte zusätzlich noch an manchen Sonnabenden. Ende November kamen die fünf niedersächsischen Schulen in Wolfenbüttel zusammen, ein Dirigent aus Japan wurde dazu extra eingeflogen. Zwei Tage lang standen Gesamt- und Stimmproben an, am 8. Februar reiste die Gruppe dann nach Japan. „Am ersten Tag gab es dann eine Probe mit allen Schülern, das waren ungefähr 400 Leute“, sagt Pankoke. Am nächsten Tag seien dann im Konzertsaal erstmals alle 3000 Sänger zusammengekommen.

Sinfonie ist dort fast eine Art Lebensmotto

Dass der Konzertsaal eigens für diese Aufführung umgedreht werden musste, der Chor dort aufgestellt wurde, wo sonst das Publikum sitzt, der Gouverneur der Präfektur Tokushima schon die Proben aufmerksam verfolgte, zum Konzert sogar eine Delegation des Kultusministeriums anreiste, hat die Schüler nicht so beeindruckt wie der Aufenthalt selbst. „Die 9. Sinfonie ist dort fast eine Art Lebensmotto, es verbindet Länder. Ein Teil davon sein zu dürfen, war einfach toll“, schwärmt Mathilde, der auch die Ausflüge in einen Buddhistischen Tempel, ins Deutsche Haus oder der Besuch einer Indigo-Färberei in Erinnerung geblieben sind. Sophia Zürneck (17) hat vor allem die Gastfreundschaft beeindruckt. „Man hat sich da echt wohl gefühlt, die Japaner sind super hilfsbereit und zuvorkommend.“

Von Anna Paarmann