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Nur noch kurze Zeit bewohnen die Heidschnucken Stall und Auslauf auf dem Hof in Zeetze. (Foto: phs)
Nur noch kurze Zeit bewohnen die Heidschnucken Stall und Auslauf auf dem Hof in Zeetze. (Foto: phs)

Das Ende des Schnuckenhofs

Zeetze. Es begann 2004 überraschend mit einem Geschenk von Freunden. Und endet in wenigen Tagen unfreiwillig mit der Übergabe von ein paar Hundert Euro. Mit 60, „mindestens fünf Jahre früher als gedacht“, verkauft Gabriele Eßer schweren Herzens ihre letzten Heidschnucken an einen Schäfer nach Mecklenburg-Vorpommern. Der Schnuckenhof Eßer ist damit als Schnuckenhof Geschichte. Und mit ihm einer der Gründungsbetriebe der Arche-Region Flusslandschaft Elbe.

Bekannt sind Gabriele Eßer und ihr Resthof in dem kleinen Elbdorf Zeetze in der Gemeinde Amt Neuhaus vor allem durch die Schnuckenmärkte und ihre Fleisch-Spezialitäten. Beim Summer‘s Tale Festival in der Westergellerser Heide gehörten Heidschnucken-Bratwürste aus Zeetze zum Programm, auch bei den Arche-Genussmärkten durften diese nicht fehlen, und jeden Herbst bummelten Hunderte über den Jahrmarkt auf ihrem Hof. Mühsam hatte sich die 60-Jährige mit ihrer Schnuckenherde eine Existenz aufgebaut. Vorbei. Kurz vor der Lammzeit 2018 muss Eßer nach einem Oberschenkelhalsbruch die Notbremse ziehen.

Aus Springe an die Elbe

Wie viele Mitglieder der Arche-Region hat auch Eßer die Landlust ins Amt Neuhaus gebracht, im November 2003. Die Pharmazeutisch Technische Angestellte lebte mit ihrer Familie damals in Springe bei Hannover und suchte im 100-Kilometer-Radius ein Haus mit viel Garten. Die Immobiliensuchmaschine zeigte ihr schließlich das Haus in Zeetze an und es „war Liebe auf den ersten Blick“. Mit Mann und Töchtern zog Gabriele Eßer an die Elbe – ohne die geringste Ahnung zu haben von Heidschnucken, Klauenpflege, Hütehunden und Fleichvermarktung.

Freunde aus München hatten die Idee, dass Heidschnucken gut zu der Tierliebhaberin und ihrem neuen Heim passen würden. „Im Frühjahr 2004 standen die plötzlich mit einem Anhänger bei uns auf dem Hof. Geladen zwei Heidschnucken-Damen und einen Bock.“ Aus drei wurden fünf, aus fünf wurden zehn, zuletzt lebten 75 Tiere auf dem Schnuckenhof. Die Arbeit schaffte Gabriele Eßer mit gelegentlicher Hilfe von Nachbarn größtenteils allein. „Bis zu meinem Unfall.“

„Das war einmalig, was meine Nachbarn für mich und die Tiere geleistet haben.“ Gabriele Eßer

Im Dezember stürzte die 60-Jährige im Schafstall und brach sich den Oberschenkelhals, darf bis heute nicht ohne Krücken laufen. Eingesprungen sind in der Not ihre Nachbarn, fütterten und tränkten die Schnucken, halfen bei der Klauenpflege. „Das war einmalig, was die für mich und die Tiere geleistet haben“, sagt Gabriele Eßer. „Doch die Lammzeit konnte ich ihnen nicht zumuten.“ Und auch wenn sie freiwillig ihre Schnucken nicht verkauft hätte, „hatte ich auch im Sinne der Tiere keine andere Wahl“.

Doch wie verkauft man 75 Heidschnucken? Gabriele Eßer versuchte es zunächst über den Zuchtverband, die Arche-Region, die Gesellschaft zum Erhalt alter und gefährdeter Nutztierrassen. Vergeblich. Dann stellte sie einen Hilferuf auf ihre Facebook-Seite und innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich ihr Beitrag wie ein Lauffeuer. 523 Mal geteilt. Mehr als 130 Kommentare. Gesehen von 56 000 Menschen. Nach wenigen Tagen hatte sie die ersten zehn Tiere an eine Hobbyzüchterin verkauft. Unten ihnen auch ihre Lieblingsschnucke Lotte. „Da flossen die ersten Tränen.“

In wenigen Tagen werden Weide, Stall und Auslauf leer, der Schnuckenhof Geschichte sein. Für Gabriele Eßer Zeit, sich neu zu orientieren. Erste Pläne für eine Zukunft ohne Schnucken hat sie bereits. Doch die behält sie vorerst für sich.

Dorfgemeinschaft übernimmt

Schnuckenmarkt gibt es weiterhin

Die Tradition der Schnuckenmärkte in Zeetze geht auch nach dem Ausstieg von Gabriele Eßer weiter. „Der Förderverein der Feuerwehr übernimmt die Organisation des Festes und wird es in diesem Jahr auf dem Dorfplatz veranstalten.“ Auch der Termin steht bereits: Sonnabend, 13. Oktober, von 11 bis 18 Uhr. Es ist der zehnte Schnuckenmarkt in Zeetze.

Von Anna Sprockhoff