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Wenn Toby Baier ins Mikro spricht, hören ihm regelmäßig Tausende zu. Doch er will seinen Zuhörer gar nicht mit aufregenden Geschichten fesseln - im Gegenteil. Sie sollen möglichst einschlafen.

Ein Typ zum Einschlafen

Buchholz. Alle zwei Wochen sitzt Toby Baier in Kakenstorf (Kreis Harburg) auf seiner Couch im Arbeitszimmer, legt die Füße hoch und spricht in ein Mikro. Mit ti efer monotoner Stimme berichtet er von seinem letzten Urlaub oder seinem Hobby, danach liest er ein Rilke-Gedicht vor, zuletzt noch einige Seiten aus einem frei verfügbaren Buch wie „Die Kritik der reinen Vernunft“ von Emmanuel Kant. Alle drei Teile sind spannend genug, um von den eigenen Gedanken abgelenkt zu sein, aber auch langweilig genug, um dabei einzuschlafen. Und das ist durchaus beabsichtigt.

An das Mikrofon ist ein Laptop angeschlossen. Der wandelt das Gesprochene zu einer Audio­datei um, die im Internet als „Pod­cast“ hochgeladen wird und online jederzeit abrufbar ist. Die Idee dazu kam Baier vor acht Jahren. Damals entwuchsen seine Töchter langsam dem Alter zum abendlichen Vorlesen von Kurzgeschichten. Einige davon wollte er aber noch aufnehmen und veröffentlichte sie kurzerhand. Daraus wuchs der Einschlafen-Podcast. Im ersten Jahr hatte er nur wenige Hörer, bekam fast gar kein Feedback. Dann trafen die ersten Rückmeldungen von Hörern ein in Form von Kommentaren, E-Mails oder Postkarten, manche wollten auch freiwillig etwas dafür bezahlen. Baier bietet den Podcast kostenlos an, schaltet auch keine Werbung. „Über die Postkarten freue ich mich immer sehr“, sagt der 43-Jährige. Viele schrieben ihm aus dem Urlaub, als würde er zur Familie gehören und erzählen dann noch, dass der Podcast beim Überwinden des Jetlags geholfen habe. Andere kommen auch aus dem Krankenhaus. Manche Hörer berichten, dass ihnen der Podcast bei Einschlafproblemen in einer schweren Zeit, zum Beispiel wegen einer Krankheit oder eines Todesfalls, geholfen habe. „Da habe ich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.“

Regelmäßig ist er in den Charts vertreten

Einige Male wurde er schon von Hörern „im echten Leben“ angesprochen. Einer erkannte ihn in der Hamburger S-Bahn an seiner Stimme. „Das war ganz lustig, aber auch ein bisschen skurril.“ Keiner habe so richtig gewusst, was er sagen soll. Bei der sonstigen Begeisterung der Hörer scheint das aber das geringste Problem zu sein. Negative Erfahrungen machte Baier nur ein Mal. In einer Podcastfolge sprach er über die anstehende Bundestagswahl und rief dazu auf, die aus seiner Sicht staatsfeindliche AfD nicht zu wählen. Ein Hörer habe sich daraufhin „unflätig“ geäußert. Ein Einzelfall. Die anderen rund 60 000 Menschen, die seinen Podcast per App oder von der Internetseite runterladen, freuen sich über jede neue Folge. Dazu kommen noch Hörer über Plattformen wie Spotify oder iTunes, bei denen er regelmäßig in den „Charts“ seines Genres vertreten ist.

45 Minuten langer Monolog für jede Folge

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Für seine Hörer nimmt sich Baier ungefähr alle zwei Wochen Zeit, um eine neue Folge aufzunehmen. Während die sich dabei entspannen und langsam eindösen, ist er „hochkonzentriert“. Schließlich müsse er circa 45 Minuten lang einen Monolog führen, der nicht abbrechen sollte. Dabei erzählt er ganz offen von sich selbst, deshalb funktioniert der Podcast aus seiner Sicht auch so gut. Die Hörer bauen eine gefühlte Verbundenheit auf, er bekomme viel Wärme in Form von Feedback zurück. Das sei so auch gut, denn „die Hörer sollen ja nicht das Gefühl haben, einen Fremden mit ins Bett zu nehmen“.

Wenn er eine neue Folge aufnimmt, wird die zugleich live übertragen – und es sind immer ein paar Leute im Chat mit dabei sowie ein „Shownoter“. Der setzt Kapitelmarken und führt Links zu Inhalten, über die Baier redet, hinzu. Auch er macht das freiwillig und ohne Bezahlung. Ist die Folge abgeschlossen, lädt Baier sie sofort hoch. Klar könnte er sie noch schneiden und nachbearbeiten, aber er hält sich lieber an das Pareto-Prinzip. Das besagt, dass 80 Prozent der Ergebnisse mit 20 Prozent des Aufwandes erreicht werden. Die restlichen 20 Prozent benötigen 80 Prozent des Aufwandes. Diese spart er sich also. Schließlich arbeitet der promovierte Informatiker als Berater bei der Softwarefirma Adobe in Hamburg, was tägliches Pendeln bedeutet. Außerdem ist er verheiratet, hat zwei Töchter, geht laufen, spielt in einer Band und ist noch an sieben anderen Podcasts beteiligt. Da ist die 14-tägige Stunde auf seinem Sofa im Arbeitszimmer vielleicht doch auch für ihn etwas Entspannung.

80 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland haben Probleme beim Ein- und Durchschlafen. Laut DAK-Gesundheitsreport „Deutschland schläft schlecht – ein unterschätztes Problem“ von 2017 ist das Problem der Schlafstörungen bei Berufstätigen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren seit 2010 um 66 Prozent angestiegen. Unter der besonders schweren Schlafstörung Insomnie leidet jeder zehnte Arbeitnehmer.

von Leonie Habisch