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Mittlerweile ist die Tochter von Tim* etwas älter als zwei Jahre, ein Leben ohne sie kann sich der alleinerziehende Vater nicht mehr vorstellen. Foto t&w

Plötzlich allein mit einem Kind

Lüneburg. Tim* ist niemand, der sein Leben bis ins kleinste Detail durchgeplant hat. Er weiß nicht, ob er sich für ein einjähriges Praktikum oder direkt für eine Ausbildung bewerben wird. Dass er eines Tages gern einen kaufmännischen Beruf ausüben möchte, das weiß er sicher. Spätestens seit dem 17. Dezember 2016 muss Tim seine eigenen Bedürfnisse hintenanstellen, an diesem Tag kam seine Tochter zur Welt. Zu dem Zeitpunkt hatte er sich schon von der Mutter seines Kindes getrennt, den Traum einer intakten kleinen Familie verworfen. Nur ein halbes Jahr nach der Geburt meldete sich das Jugendamt bei dem damals 20-Jährigen, teilte ihm mit, dass seine Tochter in eine Pflegefamilie gegeben werden sollte. „Das wollte ich nicht“, sagt Tim, der daraufhin den Platz seiner Ex-Freundin in der Einrichtung „MaDonna“ in Anspruch nahm. Von einem Tag auf den anderen war er ein alleinerziehender Vater.

MaDonna existiert seit 30 Jahren, es sind fast ausschließlich Schwangere und junge Mütter, die hier Hilfe bekommen, weil sie mit der neuen familiären Situation überfordert sind und Unterstützung benötigen. Tim ist erst der zweite Mann, der die Anlaufstelle für junge Eltern in Lüneburg um Hilfe gebeten hatte. „Das ist wohl das gängige Bild, dass immer die Väter abhauen. Das ist aber nicht so“, sagt er. Tag für Tag wächst Tim nun mehr in die große Verantwortung, die ein Kind mit sich bringt, hinein.

Unterstützung in der Einrichtung MaDonna

Längst lebt der junge Mann, der in Geesthacht geboren wurde und unzählige Umzüge hinter sich hat, in einer Außenwohnung Am Weißen Turm. Es ist eine Art Aufstieg, den die Bewohner mit der Zeit vollziehen. Anfangs wohnen sie in einer WG mit Gemeinschaftsbad. Für Tim als Hahn im Korb nicht unbedingt die beste Lösung. „Das Streitthema Nummer 1 war das Duschen, ich brauche fünf Minuten, die Mädels zwei Stunden“, erzählt er. Nach dem Umzug in ein Apartment im Familienzentrum, in dem MaDonna untergebracht ist, durfte Tim mit seiner Tochter zumindest das Haupthaus verlassen. Komplett auf sich allein gestellt ist er aber noch nicht.

„Ich bin zum Glück ziemlich selbstständig“

Einmal in der Woche steht ein Bilanzgespräch an. „Wir reflektieren die Woche, ich kann Anliegen loswerden, falls ich eins habe.“ So könne er sich beispielsweise bei Behördengängen, Bewerbungen oder Anträgen Hilfe holen. „Bislang habe ich das alles allein gemacht, ich bin zum Glück ziemlich selbstständig“, sagt Tim und lächelt. „Später ist ja schließlich auch keiner da.“ Stehen bei seiner Tochter die verpflichtenden Früherkennungsuntersuchungen beim Arzt an, begleitet ihn jemand. Für einen zusätzlichen Check kommt am Wochenende ein Mitarbeiter der Einrichtung zu Besuch.

Wenn Tim davon berichtet, wie er seine Tochter morgens weckt, sie anzieht, ihr Frühstück zubereitet und sie in die Krippe bringt, wirkt er wie ein ganz normaler Vater, wie jemand, der in seine Rolle hineingefunden hat. Der 22-Jährige fühlt sich längst gewappnet, den nächsten Schritt zu gehen. Seit gut einem Jahr sucht er schon nach einer Wohnung, die nicht zu MaDonna gehört. Bisher sind seine Bemühungen erfolglos geblieben. „Als Alleinerziehender etwas zu finden, ist kompliziert“, sagt er. „Die Vermieter sehen es nicht gern, wenn man vom Jobcenter unterstützt wird.“

Beziehung ging schon frühzeitig in die Brüche

Ungewöhnlich lang ist Tim mit seinen eineinhalb Jahren noch nicht bei MaDonna, Sozialpädagogin Linn Graves sagt, dass manche Bewohner nach neun Monaten, andere erst nach dreieinhalb Jahren ausziehen. Länger würden Mütter bleiben, die ihren Schulabschluss nachholen oder die noch sehr jung sind. „Wir betreuen auch Mädchen, die mit 15 ein Kind bekommen.“ Immer wieder gebe es aber auch diejenigen, die alles gut hinbekommen und schnell in eine ambulante Betreuung übergehen können.

Die Ex-Freundin von Tim zählt nicht zu diesen Frauen. Das Team um Leiterin Kerstina Peck musste die Notbremse ziehen. Bei MaDonna einquartiert wurde die damals 20-Jährige, weil das Paar in einer WG lebte. „Das Jugendamt hat gesagt, dass sie in eine Mutter-Kind-Einrichtung muss, um eine stabile Grundlage für das Kind zu schaffen“, sagt Tim. Ob seine Tochter ein Wunschkind war? „Es ist einfach passiert, wir haben uns dann die Ja-oder-Nein-Frage gestellt.“ Schon während der Schwangerschaft sei die Beziehung nach insgesamt zwei Jahren aber in die Brüche gegangen, „auch wegen anderer Männer“, sagt Tim knapp.

Mutter war nicht in der Lage, für ihre Tochter zu sorgen

Vor allem die Überforderung hätte dazu geführt, dass seine Tochter nicht länger bei ihrer Mutter bleiben konnte. „Sie hat zu sehr auf ihre eigenen Bedürfnisse geachtet, in dem Alter kann man das ja ein bisschen verstehen.“ Linn Graves ergänzt: „Wenn es nicht funktioniert, sind wir dazu verpflichtet, das zu dokumentieren und es dem Jugendamt zu melden.“ Erst nach etlichen Krisengesprächen und der Gewissheit, dass die Mutter nicht in der Lage ist, für ihr Kind zu sorgen, würde ein Schlussstrich gezogen. Tim glaubt, dass seine Ex-Freundin von Anfang an gegen die Unterbringung in einer solchen Einrichtung gewesen sei. „Hilfe kann man eben nur dann leisten, wenn sich der andere drauf einlässt.“

Heute verstehen sich die Eltern wieder besser, sie teilen sich noch immer das Sorgerecht. Tim‘s ehemalige Partnerin darf ihre Tochter zwei Mal in der Woche sehen. Sie hat inzwischen geheiratet, ist wieder schwanger. Das bereitet Tim Sorgen. „Wenn sie ihr zweites Kind bekommt, muss sichergestellt sein, dass ihr Fokus auch unserer Tochter gilt.“ Denn abgesehen von MaDonna ist der junge Vater weitestgehend auf sich allein gestellt, er ist in einer Pflegefamilie groß geworden, der Kontakt ist bereits vor Jahren abgebrochen. Er hat sich vorgenommen, es besser zu machen. „Ich gebe meine Kleine auf jeden Fall nicht mehr her, das ist sicher.“
*Name geändert

Von Anna Paarmann