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Alles schnieft und schnäuzt: In vielen Unternehmen und Verwaltungen ist der Krankenstand in diesen Tagen sehr hoch, in Kitas und Schulen fehlt oft die Hälfte der Gruppen und Klassen. Foto: t&w

Lüneburg liegt flach

Lüneburg. Die Grippe, grippale Infekte und Erkältungen grassieren in der Region. „Doch der Höhepunkt der Welle ist noch nicht erreicht, er kommt in den nächsten Tagen“, sagt Oliver Christoffers, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Bezirksstelle Lüneburg: „Und die Welle ist deutlich stärker als in den beiden Vorjahren, laut Robert Koch-Institut sind in diesem Jahr auch kleine Kinder häufiger betroffen.“ Ein weiterer Unterschied: Normalerweise sind Grippekranke nach rund sieben Tagen wieder genesen, „nach unseren Erfahrungen dauert es jetzt etwa 10 bis 14 Tage“, sagt Allgemeinmediziner Holger Schmidt, Sprecher der niedergelassenen Ärzte im Bezirk. „Das Virus ist anders, resistenter.“ Und es sorgt aktuell unter anderem dafür, dass viele Stühle in Schulen und Kitas leer, Plätze vor Computern in Büros unbesetzt bleiben und sich die Krankmeldungen in den Personalbüros von Unternehmen stapeln.

In Lüneburger Schulen unterrichten Lehrer vor vielen leeren Stühlen. Rainer Krebs, kommissarischer Leiter der Wilhelm-Raabe-Schule, sagt: „In einigen Kursen fehlt mehr als die Hälfte der Schüler.“ Die Grippe hat auch viele Lehrer erwischt. Noch schlimmer sieht es in Kindertagesstätten aus, für die städtischen schildert Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck die Situation: „Von den rund 300 Mitarbeiterinnen sind etwa 100 krankgeschrieben. So makaber es klingt: Das gleicht sich fast aus, da auch viele Kinder erkrankt sind.“ Zum Teil werde aber Notbetreuung angeboten, und Eltern würden gefragt, ob sie ihre Kinder zu Hause lassen könnten: „Wir haben schon über eine Beitragserstattung gesprochen für den Fall, dass wir mehr als drei Tage lang keine Betreuung anbieten können.“

In der Stadtverwaltung selbst liegt der Krankenstand normalerweise bei sechs bis sieben Prozent, Suzanne Moenck: „Aktuell sind es deutlich über zehn Prozent.“ Nicht verschont geblieben ist auch die Gesundheitsholding, zu der unter anderem das Klinikum und die Psychiatrische Klinik gehören. Zum aktuellen Sachstand hier kann Pressesprecherin Angela Wilhelm nichts sagen – sie ist selbst erkrankt. Geschäftsführer Rolf Sauer allerdings bestätigt: „Es gibt bei uns eine erhöhte Zahl an Ausfällen.“ Selbst die Ordnungshüter schniefen und keuchen, Polizeisprecher Kai Richter sagt: „Wir haben einen hohen Krankenstand. Wir merken das natürlich, weil wir ja viel direkten Kontakt mit den Bürgern haben. Der Betrieb ist aber nicht gefährdet, wir können das auffangen.“

Grippefälle sind nicht meldepflichtig, dennoch zeigen die Zahlen des Lüneburger Gesundheitsamtes eine klare Tendenz – steil nach oben: In der 3. Kalenderwoche 2018 gab es vier nachgewiesene Fälle, in der 7. Woche schon 36. „Das sind nur die Labormeldungen mit dem Nachweis einer Grippe, Krankmeldungen und Verdachtsfälle werden nicht registriert“, sagt Isabel Wesselink. Das Gesundheitsamt empfiehlt auch jetzt noch, sich vorsorglich impfen zu lassen, dann allerdings mit dem stärkeren, vierfachen Impfstoff.

Anderer Auffassung ist Holger Schmidt, der seit 35 Jahren als Hausarzt praktiziert: „Eine Impfung während einer Epidemie ist nicht sinnvoll.“ Dann müsse man sogar damit rechnen, sich noch schneller eine Grippe einzufangen: „Eine Impfung ist zu Beginn der Periode sinnvoll, also im September/Oktober.“ Wie bei den meisten seiner Kollegen ist das Wartezimmer seit Tagen voll. Er sagt aber auch: „Es wird noch schlimmer, das kommt jetzt erst über Nordrhein-Westfalen so richtig zu uns rüber.“

Der Mediziner hat ein paar Tipps parat, wie sich die Lüneburger vor einer Ansteckung schützen können: „Menschenansammlungen meiden, reichlich Flüssigkeit zu sich nehmen, gesund essen – und viel schlafen.“ Dazu bedürfe es vieler Vitamine, ausreichend Sonnenlicht sei wichtig. Vitamin D könne über Lebensmittel aufgenommen werden, aber das sei nicht einfach. Denn eigentlich würden nur fettreiche Fische wie Lachs, Hering und Makrele ausreichende Mengen davon enthalten. Man müsste zwischen 100 und 200 Gramm Lachs täglich essen, um den Bedarf zu decken. Noch ein Tipp des Experten: „Sich angewöhnen, durch die Nase zu atmen, die beinhaltet durch die vielen Härchen einen Filter.“

Mit der Grippe ist nicht zu spaßen. Das Robert Koch-Institut registrierte in der dritten Februar-Woche bundesweit 24.000 Fälle. Insgesamt sind in dieser Grippesaison rund 82.000 Menschen nachweislich an Grippe erkrankt, teilte die Arbeitsgemeinschaft Influenza mit. Die Dunkelziffer liegt in der Regel deutlich höher. 136 Menschen starben an einer Influenza-Infektion, vorwiegend jedoch Menschen im Seniorenalter, die oft Vorerkrankungen hatten.

Ist die Grippe da, setzen viele Mediziner auf natürliche Maßnahmen, nicht auf Medikamente: gesund essen, heiße Suppe, viel trinken. Der Rat von Holger Schmidt: „Im Bett bleiben und sich schonen.“

Von Rainer Schubert

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