Donnerstag , 20. September 2018
Aktuell
Home | Lokales | Bleckede | Die wahre Geschichte des Fritz von dem Berge
Zur 800-Jahr-Feier enthüllten die Bleckeder 2009 ein Denkmal von Fritz von dem Berge vor dem Rathaus der Elbestadt. (Foto: t&w)

Die wahre Geschichte des Fritz von dem Berge

Bleckede. In Bleckede gilt der Mann als Held. Er, so heißt es, hat die Elbe gezähmt und in ein neues Bett gezwungen, das Land mit Mut und Un beirrbarkeit vor Überschwemmung und Verwüstung bewahrt. 2009 setzte die Stadt ihm ein Denkmal, lebensgroß thront seine Bronzefigur seitdem vor dem Rathaus – Fritz von dem Berge, der legendäre Bleckeder Amtmann. Es ist ein mehr als 300 Jahre währender Mythos, mit dem der Lüneburger Karl-Heinz Rehbein nun aufräumen will. Denn seine jüngsten Forschungsergebnisse belegen: „Es war nicht Fritz von dem Berge, der den ersten großen Elbdurchstich wagte.“

Rehbein, im Hauptberuf Nachhaltigkeitsbeauftragter der Stadt Lüneburg, betreibt schon seit Jahren Bleckeder Geschichtsforschung als Hobby, ist Mitbegründer des Kultur- und Heimatkreises Bleckede. Seine Großeltern lebten in der Elbestadt, der Großvater weckte sein Interesse an der Historie. „Opa, erzählst du mir mal ne Geschichte?“, fragte Rehbein. Und der Opa erzählte, mal Märchen, mal Geschichten aus Bleckede, von der Schifffahrt und der Elbe. Fritz von dem Berge kam darin nicht vor. „Der drängte sich erst durch eine Bleckeder Verwandte wie ein Störenfried in meine kindliche Phantasiewelt“, erzählt Rehbein.

Amtmann nicht für Kanal verantwortlich?

Irgendwann begann Rehbein dann selbst zu forschen und kann heute, mit Anfang 60, seine eigene Geschichte über den legendären Amtmann erzählen. Sie beginnt im Lüneburger Stadtarchiv und dem Hinweis der damaligen Leiterin, Dr. Uta Reinhardt: „Schauen Sie doch mal in diese Akte.“

Rehbein nahm die Akte und begann sie zu studieren, Hunderte Seiten, auf denen die Stadt Lüneburg die Verwaltung ihres 900 Meter langen Deichstücks bei Bleckede – und den Ablauf der Elb-Verlegung dokumentierte. Auch der genaue Zeitpunkt des Durchstichs ist damals festgehalten worden: Sommer 1590. Drei Jahre, bevor Fritz von dem Berge nach Bleckede kam.

Der neueste Forschungsstand

Am Mittwoch, 18. April, um 19.30 Uhr spricht Rehbein im Marcus-Heinemann-Saal des Museums Lüneburg (Eingang Wandrahmstraße 10) im Rahmen des Winterprogramms des Naturwissenschaftlichen Vereins Lüneburg in Kooperation mit dem Museumsverein Lüneburg über „Neues zu den beiden Elbdurchstichen unterhalb von Bleckede oder warum die Elbe hier seit mehr als 400 Jahren noch immer nach Norden fließt“.

Für Rehbein ist bewiesen: Es war nicht von dem Berge, der den schmalen Kanal hat graben lassen. „Verantwortlich war für das staatliche Großprojekt die Zentralverwaltung in Celle.“ Die Aufgabe des Amtmanns wurde vielmehr der 20 Jahre währende Kampf, die Elbe in ihrem neuen Bett zu halten. „Das heißt, auch von dem Berge hat seinen Anteil an der erfolgreichen Verlegung des Flusses“, sagt Rehbein. „Allerdings einen anderen als bisher angenommen.“

Ein irrtümlicher Held

Die wahre Rolle des Amtmannes – das ist die eine regionalgeschichtliche Sensation. Die Tatsache, dass es noch einen zweiten, bisher unbekannten Elbdurchstich gegeben hat, ist die andere, die Rehbein aufgedeckt hat. „Meine Forschungen belegen, dass man ab 1624 zwischen Heisterbusch und Radegast einen zweiten Kanal plante und diesen vermutlich 1639 umgesetzt hat.“ Amtmann war damals Bernd Ludolf von Molzan, Neffe des 1623 verstorbenen von dem Berge.

An Bedeutung stehen sich die beiden Großprojekte aus heutiger Sicht in nichts nach, beide verhinderten eine Katastrophe. „Der Fluss hatte sich immer weiter nach Westen verlagert und drohte, die im 13. Jahrhundert zwischen Radegast und Bleckede errichtete Deichlinie zu durchbrechen“, berichtet Rehbein. Wäre der Ernstfall eingetreten, „hätte das die gesamte Bleckeder und Winsener Marsch verwüstet.“

Warum Fritz von dem Berge trotz dürftiger Quellenlage so lange als der Held galt, der die Elbe zähmte? „Weil man in Bleckede meinte, allein aus den Akten des ehemaligen Amts Bleckede ein korrektes Bild der Arbeiten für den Durchstich zeichnen zu können“, glaubt Rehbein. Ein Trugschluss, so viel steht für ihn fest. „Das beweisen die Unterlagen des Lüneburger Stadtarchivs.“

Von Anna Sprockhoff

5 Kommentare

  1. Aufregend!

    Beispielgebend!

    Die – wahren – Geschichten der Lüneburger Oberbürgermeister Paul Müller (1949–1951), Erich Dieckmann (1951–1952), Peter Gravenhorst (1952–1954 / 1955–1958) sowie Horst Nickel (1981–1987) müssten sich doch auch – und bei weit günstigerer Quellenlage – aus den Unterlagen des Lüneburger Stadtarchivs rekonstruieren lassen. Das ist ein weiteres Feld für unseren mit Forscherauge blätternden Nachhaltigkeitsbeauftragten Karl-Heinz Rehbein, demythologisierend in die autosuggestiv erzeugten und dankbar bewahrten Kollektivlegenden um den einen oder anderen Lüneburger „Heldenplatz“ (Thomas Bernhard) hineinzuwirken.

    So manche regionalgeschichtliche Sensation (mit der Power für bundesweite Skandale) harrt da noch ihrer breiteren Bekanntmachung.

    Doch, wie auf dem Grabstein Ingeborg Bachmanns geschrieben steht (einer Seelenverwandten nicht nur der ehemaligen Dr. Scharf-, glücklicherweise aber auch Raumschüssel-Schülerin und Oedemer Abiturientin Ina Hartwig, die das am Montag, den 19. Februar 2018 um 19.30 Uhr im Heinrich-Heine-Haus unterstrich, sondern sicher auch Herrn Rehbeins):

    „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

    – Aus der Dankrede bei der Entgegennahme des „Hörspielpreises der Kriegsblinden“ am 17. März 1959 im Bundeshaus in Bonn, heute ihre Grabinschrift auf dem Friedhof Klagenfurt-Annabichl. In der Rede sagte Bachmann: „Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, daß sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“ Werke Band 4 (Essays usw.). Piper 1978, S. 277

    • So ist es!

      Viele Wahrheiten in, um und um Lüneburg herum warten noch auf ihren Entdecker. Diese „Schätze“ werden wohl erst gehoben, wenn die alten Rechthaber den Weg freigeben, die echten Erkenntnisgewinn über siebzig Jahre lang in der Verkleidung und mit der angemaßten Autorität von „Zeitzeugen“ verhindert haben.

  2. Ja Auszug der Wahrheit..? Alle Angaben sind ohne Gewähr von Richtigkeit und Vollständigkeit

    Auf Anordnung des Herzogs Christian von Lüneburg, anfang 1620 bekam Fritz von dem Berge, den Auftrag : die zu stellenden Pferde, Knechte, Rüstzeug, Pistolen, Bandolierröhren (Gewehre) und was sonst zum Kriegführen gehört, bereit zu halten.

    Auch 200 Pferde und befahl, alle wehrfähigen Männer mit Gewehren und Spaten nach Winsen an der Luhe zu senden.

    Fritz von dem Berge berichtete, daß das Schloß in Bleckede nicht fest sei, und bat um Pulver und Blei. Die Fürsten des niedersächsischen Kreises hatten nur den Wunsch den Krieg aus ihren Gebieten fernzuhalten. Aber die zusammengerufene Wehrmacht wurde dem eigenen Lande lästig.

    Schon am 20 Feb. 1620 besetzte Fritz von dem Berge Bleckede

    es wurden über 200 Männer Zwangseinquartier. Sie quälten und beraubten die Einwohner des Amtes Bleckede. In Nahrendorf und stahlen sie der Frau Pastor 2 goldene Ringe. Die Reiter brandschatzten die Bruch- und Marschdörfer, nahmen Geld, Mettwürste, Speck, Leinen, Eier, zerschlugen die Fenster und schossen. In Karze und Vogelsang erpreßten sie 5 1/2 Malter Sandhafer, so daß die Leute nicht genug zum Säen behielten, sondern Land liegen lassen mußten.

    Sie beklagten sich dieserhalb beim Amtmann. Der schrieb einen Brief an den Rittmeister Oldenhaupt, zeigte die Räuberei aber auch dem Herzog Christian an, der den Amtmann Roffsack in Bleckede beauftragte, ein genaues Verzeichnis aller von den mecklenburgischen Truppen angerichteten Schäden einzuschicken. Einige damit beauftragte lüneburgische und mecklenburgische Beamte trafen sich in Boizenburg und setzten gemeinsam den Schaden fest. Die Mecklenburger mussten einen Schadensersatz von 1927 Thaler leisten.

    Christian von Braunschweig hatte den Kreis verlassen und war im Münsterlande von Tilly besiegt Dieser blieb aber mit seinem Heere an der Grenze des Niedersächsischen Kreises stehen. So ständig bedroht, wählten die Fürsten des Kreises auf einer Tagung zu Lüneburg den König Christian IV. Von Dänemark zu ihrem Obristen, obwohl er nur nach Eroberungen in Deutschland trachtete. Um diese Zeit erhielt der Kaiser eine Bedeutende Hilfe von Wallenstein, der ihm ein starkes Heer stellte, das ihm nichts kostete. Christian von Dänemark überschritt mit 2500 Mann bei Stade die Elbe und marschierte an die Weser. Georg, der weitsichtigste und willenkräftigste der welfischen Brüder (S.16) fürchtete, daß es jetzt zum Kampfe komme und daß Christian von Dänemark der Übermacht des Kaisers erliegen werde. Um die welfischen Herzogtümer zu retten, knüpfte er deshalb Verhandlung mit dem Kaiser an und trat in dessen Dienste. Die Dänen schwuren Rache.

    1633 starb Herzog Christian von Lüneburg; ihm folgte sein nächst jüngerer Bruder August. Dieser starb schon 1636; nachdem er kurz zuvor die Regierung seinem jüngeren Bruder Friedrich übertragen hatte.

    Nach Gustav Adolfs Tod übernahm der Kanzler Orenstierna die Leitung der schwedischen Angelegenheiten. Die mit Gustav Adolf verbunden gewesenen deutschen Fürsten wollten sich ihm nicht unterordnen, wie dem verstorbenen Könige. Die Burg Bleckede hatten sie noch immer besetzt. 1639 befahl der schwedische General Baner dem Kommandanten in Bleckede, die Elbe zu sperren, damit der feindlichen Garnison in Dömitz nicht Lebensmittel zugeführt werden könnten. 1640 verlangte die schwedische Besatzung auf dem Schloß die Lieferung von Decken und Laken, während das Amt an Herzog Friedrich berichtete: „Die armen Leute können sich und ihre fast nackten Kinder in dieser Winterkälte kaum decken.“ Als 1641 General Torstensohn nach Bleckede kam, verlangte sein Kommandant das Holz zur Befestigung des Schlosses. Herzog Friedrich aber befahl dem Amtmann Krüger, sich mit diesem Befehl zu dem schwedischen Gesandten Salvius in Hamburg zu begeben und ihn um Rücknahme des Befehls zu bitten, da das benachbarte Holz gänzlich verwüstet und die Einwohner durch ständige Durchmärsche und Einquartierungen so zugerichtet seien, daß den meisten die notwendigsten Lebensmittel fehlten. 1641 musste der Flecken 1000 Mann einnehmen, für jeden forderte man täglich 2 Pfund Brot, 1 Pfund Fleisch und 2 Maß Bier.

    1642 zog der bekannte Oberst Derfflinger durch das Amt Bleckede. Wiederholt mahnte Herzog Friedrich bei bevorstehenden Durchzügen seine Landeskinder, die Ernte rechtzeitig zu bergen, das Vieh zu verstecken. In demselben Jahre lagen im Amt Bleckede 6 Wochen lang 4 schwedische Regimenter. Das kostete außer der Einquartierungslast an barem Gelde und zerstörten Sachen 3252 Thaler. In Moislingen wurde die Mühle verwüstet, die Steine zerschlagen, in Sommerbeck ein ganz neues Haus niedergebrannt. Quickborn wurde ganz abgebrannt, in Nindorf blieb nur 1 Haus stehen. Durch das Derfflingische Regiment litten besonders Wendischthun, Garge und Viehle. 1643 waren in der Vogtei Barskamp Schweden und Kaiserlich einquartiert. Der kaiserliche General Graf Kinsky führte 3 Regimenter durch Bleckede, was dem Flecken 1648 Thaler kostete. 1644 zogen aus Holstein kommende schwedische und kaiserliche Truppen durch Bleckede. Vor dem Flecken lagen 10 tote Krieger und so viele tote Pferde, daß der Bleckeder Abdecker den Lüneburger Nachrichter und dessen Knecht zur Hilfe rief, um bei der großen Hitze die Kadaver möglichst rasch zu beseitigen. In demselben Jahre hat auch die Vogtei Wiebeck schwer gelitten. Die Einwohner verloren 3243 Diemen = 6486 Himten Roggen, 1 H. zu 4 Sch. = 2432 Thaler 537 Diemen oder 2148 Hat. Hafer, 1 Ht. zu 4 Sch. = 402 Thaler 24 Sch.,313 Diemen oder 939 Hat. Gerste, 1 Ht. zu 14 Sch. = 410 Thaler 26 Sch. 290 Körbe Immen = 435 Thaler, 2 Sack Erbsen = 9 Thaler, 2 Wichthimten (Malter) Buchweizen = 9 Thaler, 154 Fuder Heu = 308 Thaler, für Rindvieh und Schweine 872 Thaler, für Hausgerät und Kleider 119 Thaler, zusammen 5057 Thaler 18 Sch. (1Thaler = 32 Sch.) ohne was verbrannt oder zerschlagen wurde. 1645 verlor das Amt 4798 Thaler durch die Einquartierung. 1646 schrieb ein Schwedischer Oberst von Boizenburg an den Amtmann in Bleckede: „Wie ich von meinen Offizieren erfahre, sind aus denjenigen Ortschaften, durch welche ich ziehen muß, sämtliche Einwohner entwichen, so daß dort auch nicht ein einziger Wagen zur Fortschaffung der Bagage aufzutreiben ist. Sorgt dafür, daß sie zurückkehren, es soll ihnen nicht der geringste Schade zugefügt werden.

    p.s. Laurentinus Schröder war der Stadtschreiber des Flecken Bleckede

    All information is without guarantee of correctness and completeness.

    • Geehrter Ratsherr Morgenstern

      Es ist in höchstem Maße bemerkenswert, daß Fritz von dem Berge von einigen derartig glorifiziert wird, wie wir es erleben. Eine gänzlich unumstrittene Rolle nimmt dieser Mann in der Geschichte ganz gewiß nicht ein. Ebenso wenig gibt es konkrete Beweise für das, was er geleistet haben soll. Leider ist es aber mit der Geschichte immer so eine Sache – jeder liest sie anders oder so, wie er es für seine Zwecke für richtig erachtet. Ebenso dürfte es bei den Leuten, die diesem Mann nun in Bleckede ein Denkmal setzen wollen, sein.

      Da die Person des Fritz von dem Berge bisher nicht hinreichend beleuchtet werden konnte und seine Leistungen zudem als zweifelhaft zu erachten sind, erachte ich persönlich die Sache mit dem Denkmal als falsch. Vielleicht aber ist Fritz von dem Berge auch nur ein Mittel zum Zweck und diese Leute nutzen ihn, um sich ihr eigenes Denkmal zu bauen?

      Eine interessante Personalie im Zusammenhang mit Fritz von dem Berge ist übrigens die des Moritz von Zahrenhusen. Wenn man sich mit diesem Mann etwas näher befaßt wird noch deutlicher, daß mit Fritz von dem Berge vermutlich etwas nicht gestimmt hat.

      Wie lautet Ihre Meinung zur Angelegenheit?

      Gruß,
      Peter Künzel, THW KIel

  3. Kann mir mal einer erklären, wie sich der lebensgroße bronzene Mark Twain auf der Brausebrücke vorm Bergström zu der lebensgroßen Bronzefigur des Fritz von dem Berge vor dem Bleckeder Rathaus verhält? Mal abgesehen davon, dass Mark sitzt, während Fritz steht.

    Sind beide Skulpturen nicht auch irgendwie Repräsentanten dafür, wie Geschichtsklitterung durch das Aufstellen von Denkmalen funktioniert? Absichtlich (wie am Springintgut gegenüber der Ritterakademie), unabsichtlich (wie in Bleckede) oder auch vollkommen gedankenlos (wie vorm Bergström) – das Ergebnis ist dasselbe: die Lüge wird in Gestalt eines Monuments verewigt.