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Auf der Bahnstrecke Soltau-Lüneburg sollen bald 700 Meter lange Züge fahren. (Foto: t&w)
Auf der Bahnstrecke Soltau-Lüneburg sollen bald 700 Meter lange Züge fahren. (Foto: t&w)

Ärger über kurze Nächte

Lüneburg. Die Bahnstrecke Soltau-Lüneburg existiert seit 1911. Doch seit Jahren lag sie quasi im Dornröschenschlaf. Züge waren dort seit 2004 kaum noch unterwegs. Inzwischen rollen dort wieder Güterzüge, derzeit testweise, ab Sommer sollen es täglich zwei Züge sein. Mit der überschaubaren Menge können sich die allermeisten Anwohner der Bahnstrecke wohl arrangieren. Allerdings fühlt sich mancher um den Schlaf gebracht. Denn morgens fährt der Zug in aller Herrgottsfrühe durch Oedeme und vorbei an Rettmer und Häcklingen. Ihrem Ärger darüber machten Bürger jetzt im Ortsrat Oedeme Luft.

Eigentümer der Bahnstrecke sind die Osthannoverschen Eisenbahnen (OHE). Deren Ingenieur Sebastian Schülke erläuterte in der Sitzung die aktuelle Entwicklung und die Rechtslage. Die Firma Schnellecke Logistics an der A7 in Soltau ist eines von vier Verpackungszentren für den Autohersteller Audi. „Das Unternehmen möchte Teile, die für den Export nach Übersee bestimmt sind, möglichst umweltfreundlich zum Hamburger Hafen befördern“, sagte Schülke. Deshalb setzt Schnellecke auf die Schiene statt auf die Straße, um pro Jahr zwischen 20 000 und 30 000 Container nach Hamburg zu bringen. Im November 2017 rollten die ersten Züge – ein Test. Bald sollen täglich rund 700 Meter lange Züge fahren. Morgens von Lüneburg nach Soltau, am frühen Abend in die andere Richtung, und zwar mindestens bis Ende 2020.

Feste Zeiten zum Be- und Entladen

Eine Anwohnerin aus dem Rosenkamp sagte: „Als wir gebaut haben, war eigentlich klar, dass die Strecke nicht genutzt wird.“ Ein anderer Anwohner klagte: „Seit da Züge fahren, ist bei uns um 4.45 Uhr die Nacht vorbei.“ Er wie auch andere Anwohner zeigten durchaus Verständnis, dass die Züge fahren, „aber doch bitte nicht vor 6 Uhr“. Schülke nannte die Gründe für den Zeitpunkt: Es gebe feste Zeiten zum Be- und Entladen im Hamburger Hafen sowie zum Rangieren am Bahnhof Soltau.

Außerdem seien tagsüber zwischen Lüneburg und Hamburg durch den Personenverkehr auf der Strecke die Ressourcen knapp. Die OHE dürfe die Nutzung nicht einschränken. Das sei allenfalls bei einer hohen Belastung der Anwohner möglich, die sei bei einem morgendlichen Güterzug und einem am frühen Abend nicht gegeben. Allerdings sollen die Güterzüge Anfang 2019 mit sogenannten Flüsterbremsen ausgestattet werden. Dadurch würden sie um etwa 50 Prozent leiser. Die Aussicht auf Lärmschutzwände oder Vergleichbares sei gering, denn es gebe einen Bestandsschutz. Theoretisch dürften die Züge sogar im Stundentakt fahren.

Das Pfeifen als Signal ist vorgeschrieben

Neben den reinen Fahrgeräuschen sorgt auch ein Pfeifton für kurze Nächte und Unmut einiger Anwohner, er ist morgens zwischen Rettmer und Häcklingen zu hören. Das Pfeifen als Signal aber sei vorgeschrieben, verdeutlichte Schülke. Und zwar deshalb, weil der betreffende Bahnübergang technisch nicht gesichert und zudem schlecht einsehbar sei. Soll das Pfeifen ein Ende haben, müsste der Bahnübergang beschrankt werden. Ds würde insgesamt etwa 250 000 Euro kosten, wovon die Stadt etwa 50 000 Euro aus eigener Kasse zahlen müsste. Oedemes Ortsbürgermeisterin Christel John (CDU) würde sich das schon aus Gründen der Sicherheit wünschen. Auch am Kunkelberg, wo eine Anwohner mehrfach spielende Kinder auf einer Wiese direkt an den Schienen beobachtet haben will und wo viele Kinder auf dem Weg zum Schulzentrum entlang gehen. Doch die Umsetzung würde wohl etwa drei Jahre dauern, auch weil Fördermittel dafür frühestens nächstes Jahr wieder beantragt werden können.

Lange Wartezeiten für Autos

Susanne Neuhaus (Grüne) begrüßt die Verlagerung des Gütertransports von der Straße auf die Schiene – trotz des Lärms der Güterzüge: „Ich kenne das von früher, da fuhren jede Nacht Züge. Das hat mich nicht gestört.“ Auch Dr. Sabine Mahncke (SPD) sieht den Vorteil, dass weniger Lkw auf den Straßen unterwegs sind. „Und nach dem St.-Florians-Prinzip zu sagen, Güter auf die Schiene, aber bitte nicht bei uns, finde ich nicht fair.“ Der Erste Stadtrat Markus Moßmann kann die Forderung nach mehr Sicherheit an den Bahnübergängen gut nachvollziehen. Er gab aber auch zu bedenken, dass zum Beispiel bei einer Beschrankung an der Lüneburger Straße lange Wartezeiten für die Autos entstünden und dadurch viel Motorabgase ausgestoßen würden. Eine Entscheidung hinsichtlich der Forderung nach Schranken vertagte der Ausschuss bis zur nächsten Sitzung, Christel John hat zudem noch Hoffnung: „Vielleicht lässt sich ja auch noch was daran machen, dass die Züge morgens später fahren.“

Von Alexander Hempelmann

6 Kommentare

  1. Ca. 700 Meter ist derzeit die „Standardlänge“ von Streckengüterzügen.
    Relevanter bezüglich der Lärmentwicklung ist die Art der Ladung:
    Güterzüge mit Seecontainern verursachen wesentlich mehr Lärm, als alle anderen Güterzüge.
    Stichwort: „Keksdosen“-, oder auch „Trommeleffekt“.
    Ein anderer ganz wesentlicher Faktor für die Lärm-Emission ist die Geschwindigkeit eines Güterzuges.
    Im Vergleich zu diesen genannten Faktoren sind die Bremsgeräusche eines vorbeifahrenden Güterzuges eher unbedeutend.
    Bezüglich der Länge der Güterzüge wird bei der Bahn sehr ernsthaft an Möglichkeiten gearbeitet, die derzeitige Standardlänge auf ca. 1500m mehr als zu verdoppeln.
    Zwischen Hamburg und Dänemark fahren schon derzeit 1000 Meter lange Güterzüge.

    • nun schauen sie mal nach australien. 1000 meter? ein witz. im übrigen, es liegt an der bereifung, der den lärm macht. und kurven sind ganz schlecht. wie wäre es den güterverkehr unter die erde zu legen? stuttgart 21 ist doch nur der anfang. demnächst wird ber- berlin auch direkt mit stuttgart verbunden. dann machen die flugzeuge über der erde auch keinen lärm mehr und die ozonschicht muss auch nicht mehr leiden.

  2. Ganz toll, als wir unser Grundstück in Rettmer kauften, gab´es in weiter Ferne 5 Windenergieanlagen und eine nahezu stillgelegte Bahnstrecke. Zwischenzeitlich haben wir in Hörnähe weitere 5 Windenergieanlagen, die u.E. oberhalb der zulässigen Grenzwerte auch Nachts Krach machen, eine ADAC Rennstrecke die Ihre Aktivitäten hörbar ausweitet und nun wird auch noch die Bahnstrecke für Güterzüge reaktiviert. Wo bleibt hier der Schutz der Anwohner? Ich bin der Meinung, dass die Stadt und der Grundstücksverkäufer, in diesem Fall die Fa. Sallier auf diese Entwicklungen hätte hinweisen müssen. Wir hätten dann dort nicht gebaut!

  3. Es wird immer wieder Diskrepanzen zwischen Bebauungsplänen und Wohnungsbau geben. Man sollte endlich begreifen, dass eine Ausweitung der Bevölkerungsdichte und deren Bedürfnisse, mit dem Wunsch nach Ruhe und Stille immer öfter kollidieren müssen.
    Wir schreien einerseits, wenn wir auf unseren Strassen im Schritttempo vorankommen, wenn immer mehr LKW-Verkehr für riesige Staus, schwerste Unfälle sorgen, nach „Güter auf die Bahn!“
    Tragen die Kommunen und der Bund dem Rechnung, reaktivieren wieder stillgelegte Bahntrassen, um genau diesem Wunsch zu entsprechen, kommt gleich das Gebrüll der gesamten Egomanenclique, “ macht das überall, aber wehe vor meinem Haus!“
    Geht´s noch?
    Vielleicht sollten wir uns mal vorher darüber klar werden, was wir selbst wollen und was wir u.U. durch unsere ganz persönlichen Vorstellungen anderen zumuten wollen und dürfen. Wir werden kaum umhin kommen, wieder mehr auf den Gütertransport per Bahn zu setzen, als auf Strassentransporte. Und es wird Zeit, dass wir nicht ständig erwarten, alle unsere Wünsche sofort erfüllt zu bekommen, denn das ist auch ein Grund für dieses „Just in Time“ der Hersteller und Händler und die Verlagerung ihrer Läger auf die Strassen. Allein dadurch könnte schon sehr viel Transportkapazität eingespart werden.
    Und wir können auch unsere Welt nich immer mehr zubetonieren um noch größere Autobahnen, Schnellstrassen und riesige Speditionslager aufzustellen.

  4. Tja, aber nur „nahezu“ stillgelegt.
    Die Diskussion ist nicht neu. Immobilienmakler hatten viele Grundstücke mit dem Zusatz verkauft, dass die Strecke bald still gelegt wird.
    Da wurden falsche Tatsachen vorgetäuscht.
    Fakt ist, dass es eine nicht stillgelegte Strecke ist, die jederzeit wieder voll befahren werden kann.
    Das Gejammer kann ich verstehen, entbehrt aber jeder (rechtlichen) Grundlage.

  5. Als Anfang 2014 die landkreisübergreifene Strecke Lüneburg-Soltau unter den letzten acht Kandidaten war, die aus Sicht der Landesregierung für eine Reaktivierung in Frage kamen, war der Jubel in Lüneburg groß. Zwar hatte Winsens Bürgermeister André Wiese (CDU) schon früh gewarnt, dass die Aussicht auf einen besseren Personennahverkehr bloß ein Köder für die Kommunen sei, um den Güterverkehr auf der Schiene massiv weiter auszubauen.

    Aber die Lüneburger Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers (SPD) war vor Happiness ganz aus dem Häuschen: „Ich freue mich sehr, dass jedenfalls eine der beiden Lüneburger Strecken in die engere Wahl gekommen ist“. (https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/151921-lueneburg-soltau-bleibt-im-rennen)

    Ein Jahr später war es dann offiziell: Eine Reaktivierung der Bahnstrecke Lüneburg-Soltau ist unwirtschaftlich (https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/222124-gutachter-reaktivierung-der-bahnstrecke-lueneburg-soltau-unwirtschaftlich)

    Jetzt bollern und scheppern eben nur noch 700 Meter lange Containergüterzüge durch Oedeme, Rettmer und Häcklingen.

    Schönen Gruß aus Deutsch Evern

    (Bei uns donnert der Güterverkehr dank Andrea Schröder-Ehlers bald dreigleisig durch den gesamten Ortskern)