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David, Frank, Calogero und Marcel sind die "Bockum Band". Als solche haben sie jetzt ihr erstes Musikvideo veröffentlicht - es ist eine Cover-Version des Trio-Hits "Anna". (Foto: phs)

Die Boygroup aus Bockum

Bockum. Es gibt Bands, die schrabbeln jahrelang die gleichen alten Lieder in muffigen Proberäumen und träumen vom großen Durchbruch. Und es gibt Bands, die nicht nur träumen, sondern machen. Die „Bockum Band“ vom SOS-Kinderdorf Hof Bockum gehört zur zweiten Kategorie. Die vier Jungs haben eigene Lieder, eigene Auftritte, eigene Autogrammkarten und seit Neuestem auch ihr eigenes Musikvideo. Und sind bereit zum Durchstarten.

Die „Bockum Band“ über den Video-Dreh

Bis vor Kurzem war die Band noch fünfköpfig. Einem, dem Sänger und Tambourin-Spieler Daniel Wolters, wurde jetzt der ganze Rummel um die Gruppe und die Aufmerksamkeit zu viel; er stieg aus. Er hat jetzt wieder ein ruhigeres Leben. Denn eigentlich geht es beschaulich zu auf dem Hof Bockum. Hier wohnen und arbeiten die anderen Bandmitglieder: David Kruse, Gründer und Betreuer der Band, Gitarrist Marcel Schmidt, Schlagzeuger Frank Heinemann und der Bassist Calogero Sorce. Bis auf David haben die Jungs eine leichte geistige Behinderung und arbeiten in verschiedenen Bereichen des Hofes – in der Hauswirtschaft, auf dem Feld oder in der Werkstatt. Frank zum Beispiel arbeitet vier Tage pro Woche im Autohaus Plaschka, kümmert sich dort um die Bremsen und die Scheibenwischer. Einen Tag in der Woche schuftet er auf dem Bockumer Hof als Landwirt, und als solcher bezeichnet er sich auch, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt.

Vorerfahrungen waren vorhanden

Calogero und Marcel sind beide im hauswirtschaftlichen Bereich tätig. „Ich war viele Jahre in der Tischlerei, doch ich musste mal etwas anderes sehen“, sagt Calogero. Jetzt kocht er für die Arbeiter auf dem Hof, sorgt für frische Wäsche oder schwingt den Putzfeudel. Bandkollege Marcel hat sich für den Job extra seine langen Haare abschneiden müssen, die auf der Autogrammkarte der Band noch in voller Pracht zu bewundern sind. „Wegen der Hygienebestimmungen“, sagt er. Dafür hat er zu seinem Geburtstag extra einen Friseurgutschein bekommen.

Gemeinsam Musik machen, das gab es in dem SOS Kinderdorf schon früher. Frank und Calogero spielten vor einigen Jahren in einer Band, auch Marcel durfte ein paar Erfahrungen sammeln. Doch dass es jetzt so läuft wie es läuft, verdanken die Männer aber vor allem David. Der gelernte Heilerziehungspfleger aus Hamburg hat schon viel Musik gemacht, in Punkbands gespielt und fühlt sich an den Tasten besonders wohl. Vor vier Jahren sprach er die Bewohner des Hofes an, probte mit ihnen – immer Dienstags, zwischen 19 und 21 Uhr – und formte daraus die „Bockum Band“. „Eigentlich war das nur ein provisorischer Name“, sagt er. „Mittlerweile finden wir den aber ganz gut.“ Er arrangierte Songs, schrieb auch eigene Lieder. „Unsere Möglichkeiten sind begrenzt“ sagt er. Ein Jimi Hendrix ist bei den Jungs vom Bockum Hof keiner.

Anstrengende Drehtage

Das Repertoire wächst trotzdem. Erste Auftritte auf dem Hof verlaufen erfolgreich, später geht es weiter in die Welt hinaus: Bis nach Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern treibt es die Jungs, ein Höhepunkt ist der Auftritt 2016 bei der SOS Spendengala in Hamburg. Höhepunkt auch deswegen, weil ihnen dort Manfred Thurau zuhört. Denn die Bockumer Interpretation des Trio-Hits „Anna“ haut den Leiter des SOS-Kinderdorfs Harksheide von den Socken. „Das Erste, was ich dachte, war: Wie geil sind die denn, und das Zweite: Mit denen will ich einen Videofilm drehen“, sagt er. Doch Musikvideos sind teuer, wenn sie gut aussehen sollen. Zum Glück fanden sich ein bereitwilliger Sponsor und die Agentur „Stroomer PR“, die den Dreh zum Freundschaftspreis umsetzte.

Und nach einem halben Jahr voller Planungstermine, Organisation und Telefonate ist es dann für die Band im Sommer 2017 endlich so weit: Die Kameraleute stehen vor der Haustür, mit aufwendiger Ausstattung und eng getaktetem Zeitplan. „Das war eine ganz schöne Schinderei“, erinnert sich David. Drehbeginn um 7, abgedreht war nach 22 Uhr. Zwei sehr anstrengende Tage, darin ist sich die Band einig. Dass es sich gelohnt hat, wissen sie jetzt. Schon fast 2.800 Mal wurde der Clip auf YouTube angeklickt, dabei ist er erst vor wenigen Tagen veröffentlicht worden.

Für Anfragen offen

Zu den im Studio aufgenommenen Klängen des Cover-Hits „Anna“ zeigen Bilder den Arbeitsalltag auf dem Hof. Calogero, damals noch in der Tischlerei, schreinert seinen Bass zusammen, die Kamera besucht auch Marcel in der Hauswirtschaft und Frank auf dem Feld. Den Schluss macht das Konzert in der Scheune, und alle (etwa 100) Bewohner des Hofes feiern die Boygroup. Da fliegt schonmal ein BH, und Calogero strahlt cool mit Sonnenbrille und Zahnpastagrinsen in die Linse. Party pur. „Das Konzert haben wir um 9 Uhr morgens gedreht“, verrät Marcel. Denn da passte es allen Beteiligten am Besten.

Und ja, der Erfolg des Videos beflügelt die vier verbliebenen Jungs. „Man wird schon darauf angesprochen“, berichten sie. Das weckt Lust auf mehr. Zu einem weiteren Musikvideo wären sie auf jeden Fall bereit. Und mehr Auftritte? „Wir sind für Anfragen offen,“ sagt Marcel. Und die werden kommen!

Von Robin Williamson

One comment

  1. Schöner Artikel über eine lustige Truppe mit viel Talent zum skurrilen Dorfpop mit weltweiter Ausstrahlungskraft. (Jedenfalls im Landkreis.)