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Anna Kronenberg (r.) fischt mit einem Sieb Plastikteile aus einem Becherglas. Sie stellt das in der Industrie gängige Schwimm-Sink-Verfahren nach. Foto: t&w

Sind Biokunststoffe umweltfreundlich?

Lüneburg/Melbeck. Im Physikraum herrscht Stille, als Daniel Pleissner nach der Verfallsdauer einer Plastiktüte fragt. Dass diese nach nur 25 Minuten im Mülleimer landet, möchte keiner der 27 Schüler so recht glauben. Es ist nur ein Beispiel, das deutlich macht, dass künftig neue Lösungen für die Verwertung von Kunststoffabfällen gefunden werden müssen. Schließlich fungiert China nicht länger als weltweite Müllkippe, das ostasiatische Land hat zum 1. Januar 2018 den Import von Plastikmüll gestoppt. „Allein die EU lässt 87 Prozent ihrer Kunststoffabfälle nach China transportieren, eine Million Tonnen stammen aus Deutschland“, weiß der Chemieprofessor, der an der Leuphana Universität lehrt.

Dass China jahrelang gegen Geld den Abfall anderer Länder aufgenommen hat, wusste in der 10a und 10b des Gymnasiums Lüneburger Heide niemand. Anna Kronenberg war sich sicher, dass der Plastikmüll nach Afrika verschifft und dort verbrannt wird. „Ich finde es aber gut, dass China jetzt sagt, dass sich jeder einen eigenen Kopf machen soll“, sagt die 16-Jährige, die zu Hause stets darauf achtet, Abfälle in die richtige Tonne zu werfen. Familie Kronenberg trennt vorbildlich Bio-, Haus-, Kunststoff- und Papiermüll. Dass das nicht die Regel ist, weiß die Zehntklässlerin. „Wenn man mal bei anderen zu Besuch ist, merkt man ja, dass sich daran nicht jeder hält.“

Nicht alle Plastikbecher dürfen in den gelben Sack

Alles, was nach Plastik aussieht, landet für gewöhnlich im gelben Sack. Dass es aber bei Bechern, die auf den ersten Blick gleich erscheinen, wichtige Unterschiede gibt, haben die Schüler jetzt im Chemieunterricht erfahren. „Biokunststoffe = umweltfreundlich?“ lautet der Titel des Projekts, das das Gymnasium Lüneburger Heide jetzt gemeinsam mit der Lüneburger Universität angeht. Die Robert-Bosch-Stiftung unterstützt das auf zwei Jahre angelegte Vorhaben mit 20 000 Euro.

Der 10. und 11. Jahrgang der Melbecker Schule sind beteiligt, zudem fünf Lehrkräfte und neben Daniel Pleissner auch die Fachdidaktik-Professorin Simone Abels. Im Fokus steht nicht allein die Arbeit im Bereich Chemie, auch in den Unterrichtsfächern Biologie, Deutsch, Englisch, Spanisch und Politik/Wirtschaft erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Thema.

In einer Doppelstunde haben sich die Schüler jetzt mit dem Schwimm-Sink-Verfahren beschäftigt, es wird in der Indus­trie verwendet, um Kunststoffe sortenrein zu trennen. Ausgestattet mit einer kleinen Dose bunter Plastikschnipsel, einem Becherglas, Spatel und Sieb sollten die Zehntklässler das Verfahren nachstellen. Florian Kehl (15), Jannis Schwarz (17) und Dennis Karpa (15) haben die kleinen Plastikteile zunächst in ein mit Wasser gefülltes Glas gekippt, dann verschiedene Versuche mit Zucker, Salz und Spiritus durchgeführt. „Mal sind die weißen Schnipsel oben geblieben, mal die grünen.“ Anhand der Dichte sollten die Schüler die Kunststoffteile zuordnen.

Florian zählt Chemie nicht unbedingt zu seinen Lieblingsfächern, aber das Projekt macht ihm Spaß. „Es ist auf längere Sicht wichtig für uns, dass wir eine Lösung finden. Die Welt wird vermüllt“, sagt er. Mitschülerin Sophia Weber sieht das ähnlich. „Ich finde es gut, dass hier Aufklärung betrieben wird. Das regt zum Nachdenken an.“

Als sehr interessiert und engagiert erlebt auch Dr. Antje Reichelt ihre Schüler. Zum Thema des Projekts, das sie mitangestoßen hat, sagt die stellvertretende Schulleiterin: „Biokunststoffe werden zurzeit nicht besser recycelt als herkömmliche Kunststoffe.“ Bei Labortagen auf dem Uni-Campus sollen Versuche durchgeführt werden, die den Zweck haben, Biokunststoffe so zu verändern, dass sie besser wiederaufbereitet werden können.

Drei Exkursionen stehen auf dem Programm

Dass am Ende des zweijähriges Projekts aber keine Lösung stehen muss, betont Daniel Pleissner. „Wir möchten Schüler zum wissenschaftlichen Arbeiten animieren, ihnen zeigen, was Nachhaltigkeitswissenschaften überhaupt sind.“ Auch Exkursionen stehen auf dem Programm: ein Ausflug zur GfA nach Bardowick, zur Kieler Forschungswerkstatt und zum Leibniz-Institut für ­Agrartechnik und Bioökonomie in Potsdam.

Mögliche Ergebnisse des Projekts sollen an Vertreter von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik weitergegeben, bei Inte­resse auch anderen Schülern zugänglich gemacht werden.

Von Anna Paarmann

Hintergrund

Förderprogramm der Bosch-Stiftung

Insgesamt 800.000 Euro stellt die Robert-Bosch-Stiftung für das Programm „Our Common Future – Schüler, Lehrer, Wissenschaftler forschen für die Welt von morgen“ zur Verfügung, damit werden gemeinsame Forschungsprojekte von Lehrkräften und Wissenschaftlern zum Thema Nachhaltigkeit unterstützt. Schüler erarbeiten unter Anleitung ein interdisziplinäres Forschungsthema, das unter anderem Antworten zu Alltagsthemen wie Mobilität, Ernährung und Umwelt liefern soll. Die Projekte werden zu einem alle zwei Jahre stattfindenden bundesweiten Kongress eingeladen. Weitere Informationen unter www.bosch-stiftung.de/ourcommonfuture im Internet.