Dienstag , 25. September 2018
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Die Polizei will die Situation an den Wochenenden beruhigen und erwägt für die kommende Freiluftsaison Betretungsverbote für den Stint. Wer dort negativ auffällt, soll vorübergehend aus dem Verkehr gezogen werden. (Foto: A/t&w)

Der Stint bleibt ein Problem

Lüneburg. Manchmal ist der Polizeialltag Sisyphusarbeit. Gerade erst haben Kriminalhauptkommissar Bernhard Stary-Sievers und seine Koll egen einen Mann geschnappt, der mit einem Feldstein ein ums andere Mal Seitenscheiben von Autos eingeworfen hat, um Wertsachen aus den Fahrzeugen zu stehlen. Insgesamt 50 solcher Taten konnten sie ihm zuordnen. Doch wegen fehlender Haftgründe mussten sie den Mann wieder laufen lassen. Und vermutlich macht er munter weiter, denn er ist drogensüchtig, finanziert mit dem Verkauf der Beute seine Sucht. Ein Indiz: Gerade erst gestern berichtete die LZ über drei weitere Feldstein-Fälle. „Könnte gut sein, dass er das wieder war“, sagt Stary-Sievers. Die Drogenszene und ihre Beschaffungskriminalität bereitet der Polizei in Lüneburg derzeit Kopfzerbrechen, in anderen Deliktsfeldern aber können die Ordnungshüter Erfolge verbuchen.

Polizeidirektor Hans-Jürgen Felgentreu zur Kriminalstatistik

19 Straftaten weniger als 2016

Der Leitende Polizeidirektor Hans-Jürgen Felgentreu bilanzierte bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik für 2017: „Es ist zwar nicht alles besser geworden, aber unterm Strich sind wir in wesentlichen Punkten besser geworden.“ 12 574 Straftaten in Stadt und Landkreis weist die Bilanz für das vergangene Jahr aus, das sind 19 weniger als 2016. Davon konnten 7391 Taten aufgeklärt werden, die Aufklärungsquote stieg damit um 2,79 auf 58,78 Prozent. Was Felgentreu besonders freut: Die Rohheitsdelikte sind ebenso zurückgegangen wie im zweiten Jahr in Folge auch die Wohnungseinbrüche. Gesunken sind auch die Sexualdelikte von 132 auf 108 Fälle. Einige Deliktsfelder im Überblick:

Mord und Totschlag

Ein Dutzend Straftaten gegen das Leben nennt die Statistik für Stadt und Landkreis, darunter zwei Mordfälle: In einem blieb es beim Versuch, der andere war der Zeitungsausträger, der einen Familienvater aus Oedeme im Streit um die Zustellung der Lünepost umgebracht hat.

Drogenkriminalität

„Wir haben aktuell einen Zuwachs an Konsumenten, gerade auch aus dem Hamburger Raum, weil es in Lüneburg derzeit eine Schwemme an Drogen gibt, die relativ günstig zu haben sind“, sagt Felgentreu. Weil Süchtige ständig Geld für ihre Drogen brauchen, sind sie auch verantwortlich für einen Teil der Diebstähle aus Autos, von Fahrrädern und in Geschäften. Als Reaktion hat Felgentreu mehr Kollegen auf die Straße geschickt: „Wir zeigen stärkere Präsenz in der Innenstadt. Solche Täter gehen ja gern zu zweit in Läden, um zu klauen. Da wollen wir dem Handel den Rücken stärken.“ Der Clamartpark ist bekanntlich ein Treffpunkt der Drogenszene.

Problemzone Stint

Roland Brauer, Leiter Einsatz bei der Lüneburger Polizei, hat einen neuen Begriff aus der Jugendsprache gelernt: das Cornern. „Heranwachsende und junge Männer, viele davon mit Migrationshintergrund, hängen am Stint rum, decken sich in den beiden dortigen Kiosken günstig mit Alkohol ein. Und mit zunehmendem Alkoholpegel gibt es Ärger.“ Die Gruppen hinterlassen nicht nur Müll und jede Menge Scherben, immer wieder kommt es auch zu Schlägereien. Wegen der Situation ist die Polizei seit Längerem im Gespräch mit der Stadt und den Wirten, auch über eine Sperrzeit wurde diskutiert. Doch die Wirte wehren sich dagegen, dafür hat Brauer auch Verständnis: „Es sind ja in den meisten Fällen gar nicht ihre Gäste, die da für Ärger sorgen.“

Statt um 3 Uhr alles dicht zu machen, erwägt die Polizei deshalb nun Betretungsverbote für Personen, die auffällig geworden sind. Brauer: „Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht, ob es die Trinkerszene am Sand war, straffälllig gewordene Kaltenmoorer, die nicht mehr in die Innenstadt durften, oder auch eine Großfamilie aus Winsen, für die wir ein Betretungsverbot für Lüneburg ausgesprochen haben.“ Bis zu 5000 Euro könnte die Polizei als Geldbuße verhängen, wenn jemand wiederholt gegen das Verbot verstößt. „Mussten wir bislang aber nicht, es hat auch so gut funktioniert.“

Gewalt gegen Polizeibeamte

130 Fälle nennt die Statistik für die Landkreise Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg. Das ist das Niveau des Vorjahres. Felgentreu nennt als Beispiel einen aktuellen Fall: „Vorletzte Nacht ist ein Kollege massiv bedroht worden, da wollte jemand mit einem Messer auf ihn losgehen. Wenn der auch nur einen Meter weiter auf den Beamten zugegangen wäre, hätte der von seiner Schusswaffe Gebrauch machen müssen.“ Am Ende gelang es den Polizisten gerade noch, den Mann von seinem Vorhaben abzubringen.

Wohnungseinbrüche

409 Wohnungseinbrüche gab es 2017 in Stadt und Landkreis, 68 weniger als im Jahr davor. Felgentreu führt das auf drei Entwicklungen zurück: mehr Personal, mehr Kontrollen und verstärkte Präventionsarbeit. „Und bei knapp 35 Prozent der Einbrüche blieb es beim Versuch, da zahlt sich also aus, dass die Menschen auch vermehrt bereit sind, bei sich zu Hause in mehr Sicherheit zu investieren.“

Flüchtlinge

An 7,63 Prozent der aufgeklärten Straftaten in den Kreisen Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg waren Flüchtlinge beteiligt. Das sei gemessen am Anteil der Bevölkerung eine leichte Überrepräsentanz, doch Felgentreu sagt: „Viel ist das nicht. Und was an Stammtischen zu diesem Thema diskutiert wird, ist durch Zahlen nicht ansatzweise gedeckt.“ Wenn Flüchtlinge auffällig werden, dann am ehesten bei Ladendiebstählen und Körperverletzungen – oft untereinander in den Unterkünften. Das Thema sexuelle Belästigung spiele dagegen kaum eine Rolle.

Betrug

Enkeltrick, falsche Staatsbedienstete und Romance-Skamming, also das Vortäuschen von Liebe, sind hier die größten Deliktsfelder. Fast immer sitzen die Drahtzieher im Ausland, meistens in Osteuropa, aber auch in Nigeria gibt es Täter, die sich darauf spezialisiert haben. „Gerade Romance-Skamming boomt“, sagt Felgentreu. Im Einzelfall habe ein Opfer schon 90 000 Euro an den Täter gezahlt, der die Liebe nur vorgegaukelt hatte, um an das Geld zu kommen.

Von Alexander Hempelmann

5 Kommentare

  1. Hier wird der Eindruck vermittelt, der „Feldsteinwerfer“ hat keine Konsequenzen zu befürchten. Das ist praktisch ein Freifahrtschein für jeden Dieb und Sachbeschädiger. Ist dem wirklich so? Und was löst das nun in den Köpfen der redlichen Bürger aus?

  2. Hä, ich dachte immer, das man Leute, wenn absehbar ist das sie weitere Straftaten begehen würden, in Präventivhaft nehmen würde?

    • Wollen Sie jemanden einsperren,weil es *sein könnte* ,daß er mal wieder, vielleicht in 5 Jahren einen Kaugmmiautomaten knacken *könnte*?
      Was für ein Rechtsverständnis haben Sie?

      • Sie haben den Abschnitt, der den „Feldsteinwerfer“ betrifft, nicht gelesen,oder?

  3. „50 Straftaten konnten ihm zugeordnet werde“ … und dann keinen Haftgrund ?! ICH LIEBE DEUTSCHLAND !!