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Ein Wachtmeister nimmt dem 20-jährigen Angeklagten vor Verhandlungsbeginn die Handfesseln ab. Gestern wurde er zu zwölf Jahren Haft verurteilt. (Foto: A/be)

Die Täter zeigen „schockierende Eiseskälte“

Lüneburg. „Das Opfer muss mindestens fünf Schutzengel gehabt haben. Nach einem Schuss in den Oberkörper – ein glatter Durchschuss, der das Herz knapp verfehlte – drückte der Schütze noch fünf Mal ab, ohne dass sich ein weiterer Schuss löste“, sagte Richter Thomas Wolter in seiner Urteilsbegründung. Ein 20 Jahre alter Kurde jesidischen Glaubens wurde wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vom Landgericht Lüneburg zu zwölf Jahren Jugendstrafe verurteilt, wobei das Gericht die Schwere der Schuld sah. Sein Mittäter (41) erhielt ebenfalls zwölf Jahre Haft.

„Es ist erschütternd und schockierend, mit welcher Herzlosigkeit und Eiseskälte vorgegangen wurde, wie jemand so kaltblütig hingerichtet werden sollte. So etwas sieht man sonst nur in schlechten Filmen.“ So leitete Wolter die Urteilsbegründung ein und wies auf eine Besonderheit in diesem Prozess hin: „Wir hatten ein Tatvideo als Beweismittel, das die Angeklagten zu ihren Geständnissen gezwungen hatte.“ Denn darauf ist klar zu sehen, wie der 20-Jährige am Abend des 23. Juli 2017 in der Werkhalle des Autohändlers (47) in Wietze einen Schuss aus einer Maschinenpistole abgab, der Händler blutend zu Boden ging und der Angeklagte weitere Male – erfolglos – abdrückte. Dem Opfer gelang es laut Richter, „wie durch ein Wunder“ aufzustehen und den Angreifer aus der Halle zu drängen. Der rannte zusammen mit dem 41-Jährigen weg, der die Waffe vor der Attacke im Eingangsbereich platziert hatte. Der Richter zur Schwere der Verletzung: „Ohne Not-OP hätte der Mann nicht überlebt.“

Das Motiv für die Tat war der Erhalt seines Ehrgefühls

Bei dem 20-Jährigen sah die Jugendkammer zwei Mordmerkmale für die Tat. Die Heimtücke: Er hatte zunächst an der Wohnungstür des Händlers geklingelt und ihn in der Werkstatt in ein unverfängliches Gespräch verwickelt, so dessen Arg- und Wehrlosigkeit ausgenutzt. Und als zweites einen niedrigen Beweggrund: „Das Motiv für die Tat war der Erhalt seines Ehrgefühls.“ Der 47-jährige Händler hatte seit spätestens April 2017 eine Liebesbeziehung mit der Schwester (25) des Schützen, von dieser der spätestens drei Wochen vor der Tat erfahren habe. Im Jesidentum gilt das Gebot der Eheschließung innerhalb der eigenen Religionsgemeinde. Der mitangeklagte 41-Jährige hatte den Schützen am ersten Prozesstag stark belastet und klar dessen Motiv genannt: „Er wollte ihn umbringen, weil er Deutscher und kein Kurde ist.“ Bei dem älteren Angeklagten ist das Gericht davon überzeugt, dass er die Waffe vor der Tat voll aufmunitioniert hatte: „Auch er wollte ihn tot sehen, das Motiv aber bleibt im Dunkeln.“

Beide Täter haben Vorstrafen. Der 20-Jährige wurde nur wenige Wochen vor dem Schuss wegen einer gefährlichen Körperverletzung zu einem Jugendarrest verurteilt, das Opfer war ein Kurde, der die Schwester des Angeklagten verlassen hatte und zu ihr zurückkehren sollte. Und der 41-Jährige wurde wegen Zuhälterei vom Landgericht Hannover zu sechs Jahren und acht Monaten verurteilt, zum Zeitpunkt der Wietzener Tat stand er noch unter Bewährung.

Angeklagter spielt sich im Knast als „kleiner König“ auf

Der 20-Jährige hat inzwischen 30 000 Euro als Schmerzensgeld an das Opfer überwiesen, laut Wolter aber nicht den geringsten Ansatz von Reue gezeigt: „Er hat in der Untersuchungshaft nichts dazugelernt, im Knast gar Mithäftlingen mit dem Tod gedroht und sich als ,kleiner König‘ aufgespielt.“ Der Autohändler leidet zwar heute noch psychisch und physisch unter der Attacke, hat allerdings inzwischen bewiesen, dass er mit der Beziehung der Schwester kein unehrenhaftes Ansinnen verfolgte: Die beiden haben geheiratet.

Von Rainer Schubert