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Austausch in lockerer Atmosphäre: Mit über 20 Frauen aus Lüneburg diskutierten mit LZ-Redakteurinnen über Sexismus. Foto: kg
Austausch in lockerer Atmosphäre: Mit über 20 Frauen aus Lüneburg diskutierten mit LZ-Redakteurinnen über Sexismus. Foto: kg

#MeToo: Frauen fordern Debatte in Lüneburg

Lüneburg. Sexuelle Diskriminierung findet auch in Lüneburg statt, doch darüber geredet wird immer noch viel zu wenig. Darin waren sich die Teilnehmerinnen der LZ-Veransaltung „Wir holen #MeToo ins Lokale“ am Donnerstagabend im Café Avenir einig. Mehr als 20 Frauen aller Altersklassen folgten eine Woche vor dem Weltfrauentag der Einladung der Landeszeitung und diskutierten mit LZ-Redakteurinnen und Expertinnen über Lohngerechtigkeit, Machtstrukturen, Frauenquoten und Vieles mehr.

Auch kleine Schritte sind wichtig

Die #MeToo-debatte sei in Deutschland gar nicht richtig angekommen, „statt dessen reden wir darüber, wie die Debatte in anderen Ländern geführt wird“, sagte Teilnehmerin Britta Hönig. Und auch Ute Quante passiert bislang viel zu wenig. „Im Kleinen gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Anläufe, etwas zu verändern, aber die großen Baustellen sind geblieben“, beklagte sie Sonderpädagogin. Flexiblere Systeme in der Arbeitswelt, zum Beispiel. „Das muss durch die Politik kommen.“ Aber auch die kleinen Schritte seien wichtig, waren sich die Frauen sicher. „Das fängt damit an, dass man bewusst wahrnimmt, wo sexuelle Diskriminierung anfängt“, so Teilnehmerin Antonia Storck.

Ein Kommentar zum Kleidungsstil, Nacktfotos im Büro, ein Griff an den Po – was davon geht in Ordnung, was nicht? Und wie reagiert das Umfeld, wenn Frau sich wehrt? Gilt sie dann direkt als frigide Zicke? „Sexuelle Belästigung und Diskriminierung kann da wirken, wo hierarchische Machtverhältnisse stark ausgeprägt sind.“, erklärte Kathrin van Riesen, Gleichstellungsbeauftragte an der Leuphana Universität. Die Wissenschaft sei ein gutes Besipiel dafür. An der Leuphana Universität besetzen 27 Prozent Frauen, aber 73 Prozent Männer die Professuren der Hochschule – damit liegt Lüneburg sogar über dem Bundesdurchschnitt.

Wie verhalten in männerdominierten Umfeldern?

Auch Martina Wojahn, Geschäftsführerin des Landwirtschaftlichen Bildungszentrums (LBZ) in Echem, berichtete von Machtspielen, unangebrachten Kommentaren und beruflicher Degradierung nach der Babypause im „männerdominierten Umfeld “ Landwirtschaft. Da sie aufgrund von Krankheit nicht persönlich teilnehmen konnte, ließ sie ihre Botschaft durch LZ-Redakteurin Anna Sprockhoff verlesen: „Ich musste erst verstehen, dass ich mich in einem Machtkampf um die Rangfolge befinde. Erst dann habe ich mich getraut, den Kollegen oder Vorgesetzten deutlich zu zeigen, dass ich ihr Verhalten ablehne.“ Heute zeige sie sehr deutlich ihre Grenzen, so Wojahn. Denn: „Auf meiner  Hierarchieebene bin ich fast immer die einzige Frau.“

Immer wieder stellte sich in der der Diskussion die Frage, woher das eingefahrene Rollenverhalten von Männern und Frauen kommt. Ist es angeboren, oder anerzogen? „Mütter sollten sich bewusster sein, was sie ihren Kindern vorleben“, forderte eine Teilnehmerin. Und auch Wojahn äußerte: „Wir haben in Deutschland ein komplett verqueres Mutterbild, entweder ist Frau Glucke oder Rabenmutter.“ Den Müttern in diesem Punkt die alleinige Verantwortung zuzuschieben sei falsch, wendete Corinna Heider-Treybig von „pro familia“ ein. In ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stelle sie fest, dass die ihre Lebenswelt nicht mit dem Begriff Sexismus in Verbindung bringen. „Dabei findet sexuelle Diskriminierung auch in diesem Alter statt. Und davon sind genau so Jungs betroffen.“ Der Ausruf „Du bist ja voll schwul“ – auf deutschen Schulhöfen ein Klassiker. „Unsere Gesellschaft geht damit noch viel zu naiv um.“ Es sei deshalb wichtig, ein stärkeres Bewusstsein für diese Themen zu schaffen und offen darüber zu reden, so Heider-Treybig.

LZ-Themenwoche zu #MeToo in der Region

Die LZ-Veranstaltung „Wir holen #MeToo ins Lokale“ sollte einen Schritt in diese Richtung sein. Die Redaktion dankt allen Teilnehmerinnen für die angeregte Diskussion!
Mehr Lesestoff rund um das Thema #MeToo in der Region Lüneburg gibt es vom 03. bis 10. März 2018 in einer Themenwoche in der Landeszeitung.

von Katja Grundmann