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In der Stadt sollen mindestens drei neue Standorte für Kindertagesstätten entstehen, zudem bestehende Einrichtungen erweitert werden. So möchte die Verwaltung auf den großen Bedarf in Lüneburg reagieren. Foto: A/t&w

Lüneburg hat ein Krippen-Problem

Lüneburg. Die Stadt wächst, immer mehr Familien ziehen nach Lüneburg. Damit steigt die Zahl der zu betreuenden Kinder. Seit Jahren sind die Wartelisten in den 61 Einrichtungen lang. Wo ist der Nachholbedarf am größten? In welchen Stadtteilen leben besonders viele Kinder? Diese Fragen hat Bildungsdezernentin Pia Steinrücke bei der Vorstellung der Kita-Bedarfsplanung im Jugendhilfeausschuss des Rates in den Blick genommen.

Im Krippenbereich kommt die Stadt lediglich auf eine Versorgungsquote von 47 Prozent. Nicht einmal jedes zweite Kind erhält also die Chance auf einen Platz in einer Einrichtung. Ein Teil der Versorgungslücke wird durch die Tagespflege aufgefangen, so liegt die Abdeckung im U3-Bereich bei insgesamt 69 Prozent. Mehr Glück haben Kinder im Kita-Alter, hier liegt die Versorgungsquote bei 83 Prozent.

Die Pläne sehen vor, dass bis zum Jahr 2021 mindestens drei neue Standorte entstehen, zudem sind an acht Einrichtungen Erweiterungen geplant (siehe Infoboxen). 623 Plätze sollen so geschaffen werden – 135 für Krippen-, 488 für Kita-Kinder. Die Bemühungen wurden im Ausschuss gelobt, Kritik kam von Andrea Amri-Henkel (Linke).

„Früher war die Einschulung mit fünf Jahren mal Trend, heute lassen Eltern ihre Kinder eher etwas länger in der Kita. Das stellt uns vor eine Herausforderung“, sagte Steinrücke. Doch die Stadt müsse dem Rechtsanspruch auf Betreuung, der ab dem ersten und dritten Lebensjahr besteht, gerecht werden. Lag die Zahl der Kinder 2011 noch bei 3849, lebten im vergangenen Jahr bereits 4205 Ein- bis Sechsjährige in der Stadt. Für das Kita-Jahr 2021/22 rechnet die Verwaltung mit weiteren 224 Kindern. „Das liegt zum einen an den großen Neubaugebieten, aber auch daran, dass es wieder mehr Familien mit drei oder vier Kindern gibt.“

Zudem seien die Nachzüge von Flüchtlingsfamilien zu spüren, so mussten 2017 rund 100 Kinder zusätzlich untergebracht werden. „Es gibt auch immer mehr Eltern, die Kinder mit Beeinträchtigungen in die Regel-Kita geben möchten.“ Steinrücke sieht darin eine erfreuliche Entwicklung, betonte aber auch, dass für einen solchen integrativen Platz vier Regelplätze verloren gingen. Auch das kürzlich verabschiedete Gesetz, dass Eltern sich bis Mai entscheiden können, ob sie ihr Kind einschulen oder nochmal zurückstellen, sei ein Thema, mit dem sich die Stadt auseinandersetzen müsse.

In den Augen von Amri-Henkel wird der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz in Lüneburg unzureichend umgesetzt, auch bei der Eingewöhnung seien die Kitas nicht flexibel. „Sie können in jeder Einrichtung anrufen, die meisten werden Ihnen sagen, dass sie nur zum 1. August aufnehmen.“ Darüber entfachte eine hitzige Diskussion. Pia Steinrücke wertete die Aussage als populistisch, entgegnete: „Ich habe gerade ausgeführt, in welche Richtung wir gehen und wie wir planen, auszubauen. Dass wir zurzeit keine Kinder aufnehmen können, liegt daran, dass wir keine Plätze haben. Wir sind auf dem Weg, dem Rechtsanspruch gerecht zu werden.“

Amri-Henkel bezeichnete die Schilderungen der Verwaltung als „Irreführung der Öffentlichkeit. Ab wann werden Kinder nicht mehr nur ab dem 1. August eingewöhnt?“ Steinrücke entgegnete, dass die städtischen Kitas nicht zu diesem Datum angewiesen worden seien. „Solche Auskünfte sind nicht in Ordnung, schicken Sie die Eltern, denen das erzählt wurde, gern zu mir. Ich spreche dann mit den Kita-Leitungen.“

Zur Betreuung von Kindern, die noch kein Jahr alt sind, äußerte sich auch Philipp Meyn (SPD), dessen zweite Tochter beispielsweise zum 1. Oktober einen Platz erhält. „Es stimmt, dass es da ein Problem gibt. Aber das, was Sie hier darstellen, Frau Amri-Henkel, ist falsch. Ich kann Ihnen gern die Anmeldung meiner Tochter zeigen.“

Ähnlich äußerte sich Wolfgang Goralczyk (CDU): „Es entbehrt jeder Grundlage, was Sie da sagen. Ich habe drei Kinder, alle standen auf der Warteliste. Wenn es die Gelegenheit gab, sie auch unterjährig aufzunehmen, wurde das gemacht.“ Marie Özdemir, Vertreterin des Stadtelternrates im Ausschuss, sagte, die Einrichtungen könnten sich drehen und wenden, wie sie wollten: „Wenn sie voll sind, sind sie voll.“ Andere Bundesländer hätten andere Gruppengrößen, in Lüneburg sei man mit 23 Kindern aber sehr zufrieden. „Das wünschen wir uns weiterhin als Standard.“

Von Anna Paarmann

Krippen und Kitas

Wo neue Gruppen entstehen sollen

2018
Kita Sonnenschein: 1 Kitagruppe
Brockwinkler Wald: 1 Krippen- und 1 Kitagruppe
Ochtmisser Kirchsteig (neuer Standort): 1/3
Kita am Casino: 0/2
Hansekids: 0/1,5
Schützenstraße: 1/1
2019
Gutshaus Kaltenmoor: 0/1,5
2020
Awo-Familienzentrum (neuer Standort): 2/2
2021
Ebensberg (neuer Standort, abhängig davon, ob ein Neubaugebiet entsteht): 2/2
Paul-Gerhardt: 0/3
Klinikum: 1/1
Johanneum (neu): 1/3

Versorgungsquoten

Lage in Lüneburg

Krippen-Alter (inkl. Tagespflege)
Altstadt: 87 Plätze für 97 Kinder (90 Prozent)
Nord-Osten: 213/302 (71)
Osten: 252/519 (49 )
Süden: 216/280 (77)
Westen: 236/259 (91)
Kita-Alter
Altstadt: 376/147 (256)
Nord-Osten: 391/669 (58)
Osten: 595/899 (66)
Süden: 380/540 (70)
Westen: 550/493 (112)