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Karsten Ellenberg auf seinem Hof in Barum im Kreis Uelzen. Er ist der wohl berühmteste Kartoffelbauer Deutschlands. (Foto: phs)
Karsten Ellenberg auf seinem Hof in Barum im Kreis Uelzen. Er ist der wohl berühmteste Kartoffelbauer Deutschlands. (Foto: phs)

Man nennt ihn den „Kartoffel-Krieger“

Barum. Bevor „Linda“ 2005 zum Politikum wurde, war Karsten Ellenberg ein Bauer und Kartoffelzüchter. In Barum im Landkreis Uelzen beackerte er den 150 Jahre alten Familienbetrieb. Erst konventionell, dann biologisch, meist unbeachtet von der Öffentlichkeit. Doch dann zog er für den Erhalt einer Kartoffel­sorte in den Kampf gegen die Saatgut-Industrie. Und aus Ellenberg, dem Bauern, wurde Ellenberg, der Kartoffel-Krieger. Der Spiegel berichtete, die NDR-Talkshow schickte eine Einladung, Ellenberg machte „Linda“ berühmt und rettete die Kartoffelsorte vor dem Aus. Nun hat es der 55 Jahre alte Bauer erneut ins Rampenlicht geschafft und mit seiner selbst gezüchteten „Roten Emmalie“ den Titel „Kartoffel des Jahres“ geholt. Was aber treibt einen Menschen an, seine ganze Energie einer unförmigen Knolle zu widmen?

Der „Spiegel“ hat ihn mit Howard Carpendale verglichen

Ellenbergs Bauernhof liegt mitten im Ort. Viel roter Backstein, viel Fachwerk, zwei Pferdeköpfe, die vom Dach des Haupthauses ins Land blicken. Die alte Scheune dient als Kartoffelladen. Im hinteren Teil des Hofes stehen die Gewächshäuser, daneben stapeln sich Kartoffelkisten. Ellenberg, Jeans, grünes Outdoorfleece, graublonde Haarpracht, steht mitten im Hof und grinst zur Begrüßung. Der „Spiegel“ hat ihn mit dem Schlagersänger Howard Carpendale verglichen. Das passt, nur dass Ellenberg kerniger wirkt, handfester, mehr wie ein Bauer und weniger wie ein Star.

Es hat ein paar Tage gedauert, einen Termin beim Kartoffel-Krieger zu bekommen. Nach der Kür der „Roten Emmalie“ zur „Kartoffel des Jahres“ gibt es noch mehr als sonst zu tun für den Biobauern, seine Frau und seine beiden Söhne, die mittlerweile mit eingestiegen sind ins Kartoffelgeschäft.

Reporter wollen vorbeikommen und berichten. Aus ganz Deutschland gehen Bestellungen ein für die neue Star-Kartoffel, die einen Knollen werden angeliefert, andere müssen ausgeliefert werden. Das Geschäft mit der Kartoffel brummt. Gut für Ellenberg. Und gut für die Kartoffelvielfalt.

„Ich will als Bauer entscheiden,was ich anbaue und was nicht.“
Karsten Ellenberg

Der Bauer baut auf seinem Acker heute mehr als 100 historische Kartoffelsorten an, kreiert als einziger Bio-Kartoffelzüchter Deutschlands seine eigenen Sorten, mal rot, mal violett, mal rund, mal länglich. Kunden aus ganz Europa danken es ihm und kaufen die Vielfalt. Doch für Ellenberg steht hinter all dem mehr als ein gutes Geschäft mit einem „fantastischen Lebensmittel“.

Er streitet mit seiner Kartoffelvielfalt auch gegen die Übermacht der großen Saatgutkonzerne, den „Einheitsbrei der industriellen Landwirtschaft“. Nicht die Kartoffel steht für ihn dabei im Mittelpunkt, sondern das Prinzip. „Ich will als Bauer entscheiden, was ich anbaue und was nicht. Und dafür muss ich die Wahl haben können.“

Zu Beginn seiner Bauernkarriere glaubte Ellenberg noch an die Versprechen der Agrarindustrie, spritzte Chemie auf Feld und Pflanzen, „weil es hieß, das sei unbedenklich“. Doch dann habe man in den 1980er-Jahren Rückstände der Mittel in Lebensmitteln, Boden und Wasser gefunden. Danach sei für ihn nichts mehr gewesen wie vorher. „Ich konnte so nicht mehr weitermachen, wollte das nicht verantworten“, sagt er heute. 1991 stellte Ellenberg um auf Biolandbau, schaffte kurz darauf die Schweine ab und konzentrierte sich immer mehr auf den Biokartoffel-Anbau.

Vergessene Knollen

Auch im Kartoffelanbau gab es große Versprechungen, „gentechnisch veränderte Pflanzen sollten ohne Chemie auskommen, gegen alle möglichen Krankheiten und Schädlinge resistent sein“. Dieses Mal war der Bauer aus Barum skeptisch, er habe Angst gehabt, sagt er. Angst, dass er irgendwann nur noch das kaufen könne, was die großen Saatgutkonzerne ihm anbieten. Also nahm Ellenberg es selbst in die Hand.

Mitte der 1990er-Jahre besorgte er sich aus der Kartoffel-Gendatenbank in Rostock ein Dutzend alter Sorten, begann mit dem Anbau der vergessenen Knollen und parallel mit der Zucht seiner eigenen Sorten. Immer mehr vergessene Knollen holte Ellenberg wieder in das Bewusstsein von Bauern und Verbrauchern, ein Engagement, das mit der „Rettet-Linda“-Kampagne plötzlich bundesweit Schlagzeilen machte.

„Eigentlich wollte ich nur diese Sorte retten, weil sie so verdammt beliebt bei den Kunden war“, sagt Ellenberg. Was daraus wurde, sei nie geplant gewesen. Doch Ellenberg nutzt seinen Wert als „Kartoffel-Krieger“. Auf der Internetseite des Betriebs gibt es inzwischen eine eigene Rubrik „Presseanfragen“. Der Kampf ist offenbar noch nicht vorbei.

Von Anna Sprockhoff

One comment

  1. Quer durch alle Parteien wird der energetisch sinnlose, maximal naturvernichtende und beschämend zukunftsblinde industrielle Mais- und Rapsanbau gefördert. Die resultierenden scheußlichen Mondlandschaften sind rings um Lüneburg zu besichtigen.
    Da nötigt die beharrliche ökologische Arbeit von Herrn Ellenberg und Familie großen Respekt ab. Weiter so! Und weiter Linda kaufen, das sind die besten. Eine Delikatesse.