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Gerhard Bloch, Auszubildender zum Feinwerkmechaniker im ersten Lehrjahr, erklärt Elke Büdenbender die Funktionsweise einer Fräsmaschine. Foto: t&w

Aus der Tischlerei zur First Lady

Lüneburg. Die „First Lady“ Deutschlands steht an den Fenstern im 10. Stock des Technologiezentrums der Handwerkskammer (TZH) an der Dahlenburger Landstraße, gen ießt den Blick über die Stadt: „Lüneburg ist eine sehr schöne Stadt, hier kann man sich gut aufhalten. Wo ist das Oberverwaltungsgericht?“ Oberbürgermeister Ulrich Mädge zeigt in Richtung Uelzener Straße. Mit diesem Gericht verbindet Elke Büdenbender gute Erinnerungen: „Das war mein altes Obergericht, am OVG hatte ich mein Einstellungsgespräch.“ Später wirkte sie als Verwaltungsrichterin, zunächst in Hannover, dann in Berlin. Doch die Robe hängte sie im März 2017 an den Garderobenhaken, ließ sich für fünf Jahre beurlauben – denn am 19. März wurde ihr Ehemann Frank-Walter Steinmeier der 12. Bundespräsident und sie die „First Lady“.

„Die Bildungsgerechtigkeit wird Schwerpunkt meiner Arbeit sein“, verrät sie der LZ: „Mein Besuch hier ist mein erster großer ‚Aufschlag‘ im Bereich Bildung.“ Der Standort Lüneburg bot sich an, weil das TZH als einer der Leuchttürme in der deutschen Handwerksausbildung gilt. Einer der Gründe, warum sich die aus dem Siegerland stammende Elke Büdenbender für Bildungsgerechtigkeit und vor allem für das Handwerk engagiert, ist in ihrer eigenen Vita zu finden: Ihr Vater war Tischler, ihre Mutter Hauswirtschaftslehrerin. „Ich selbst habe vor 40 Jahren meine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht.“ Doch sie orientierte sich neu, holte das Abitur nach und startete 1985 ihr Jura-Studium in Gießen, wo sie 1988 Frank-Walter Steinmeier kennen und lieben lernte. Die Heirat folgte 1995, als Steinmeier Ressortkoordinator der niedersächsischen Landesregierung und sie bereits ein Jahr lang Richterin am Verwaltungsgericht Hannover war.

Elke Büdenbender war das erste Mitglied in ihrer Familie, das studierte: „Es gab damals die ersten Bestrebungen, die akademische Bildung auch für andere zu öffnen“, nicht nur für die Kinder gut situierter Eltern. Bei dem Satz hakt sofort Hans Peter Wollseifer ein, der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks kritisiert: „In den akademischen Bereich fließen Milliarden, in die handwerkliche Ausbildung muss deutlich mehr als bisher investiert werden. Wir leiden an einer Überakademisierung.“ Gleichwohl sieht Wollseifer ein immer größeres Interesse junger Menschen an einer Ausbildung im Handwerk, „dem Erfolgsgaranten für die deutsche Wirtschaft“. Das liege auch an Werbekampagnen und Aktionen. Hier nennt Lutz Scholz, Vizepräsident der Kammer, ein gutes Lüneburger Beispiel: „Wir laden Schüler ab Klasse 8 ein, 14 Tage lang bei uns einiges zu probieren – so bekommen wir junge Leute in Berufe, die ihnen Spaß machen.“

Die First Lady interessiert auch die Rolle von Flüchtlingen im Handwerk, hier sagt Wollseifer klar: „Es kommt nicht darauf an, woher die Lehrlinge kommen, sondern auf ihr Engagement. Wir kümmern uns auch um Flüchtlinge und schwächere Schüler. Viele Studienabbrecher und Langzeitarbeitslose entscheiden sich für eine Ausbildung im Handwerk. Den Gast aus Berlin interessiert, ob es viele weibliche Lehrlinge gibt und wie es mit weiblichen Lehrkräften aussieht. Matthias Steffen, stellvertretender Kammer-Hauptgeschäftsführer, antwortet: „Bei der Berufsausbildung liegt der Anteil von Frauen inzwischen bei 30 bis 40 Prozent, Tendenz steigend. Bei den Ausbildern dominieren weiterhin die Männer.“

„Ist das eine Zwangsmitgliedschaft?“

Dann stellt Elke Büdenbender vor dem Imbiss in der TZH-Mensa noch eine Frage in Sachen Mitgliedsbeiträge, die den Gastgebern gar nicht schmeckt: „Ist das eine Zwangsmitgliedschaft?“ Lächelnd kontert Wollseifer: „Wir nennen das eine gesetzliche Pflicht.“

Nach dem Gespräch mit führenden Vertretern des Handwerks wie auch Kammer-Präsident Detlef Bade und Hauptgeschäftsführer Eckhard Sudmeyer unterhält sich Büdenbender in den Ausbildungswerkstätten mit einigen Lehrlingen und macht sich dann mit ihrer Delegation auf nach Amelinghausen, wo sie sich in der Tischlerei Faltin exemplarisch über die Situation von Handwerksbetrieben informiert und sieht: Auch in Tischlereien hat sich seit den Zeiten ihres Vaters einiges verändert.

Von Rainer Schubert