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Tätowiererin Riekje Knobloch sticht Jürgen Geyer bei der Tattoo Convention eine Fledermaus auf den Unterarm. Foto: t&w

Liebe, die unter die Haut geht

Lüneburg. Manche üben an Zitrusfrüchten, andere auf einem Stück Schweineschwarte. Aber nichts fühlt sich wirklich so an wie menschliche Haut. Denn man muss zieh en und drücken, während die Nadel tanzt. „Die Haptik kann man nur am Menschen lernen“, sagt Riekje Knobloch. Die Hamburgerin ist eine von rund 80 Tätowierern, die ihre Stände bei der Tattoo Convention im Sportpark Kreideberg aufgebaut haben.

Unter der Nadel hat die 27-Jährige den rechten Unterarm von Jürgen Geyer. Der fröhliche Mann mit der Mütze lässt sich nicht irgendein Motiv stechen. Er ist mit seiner Frau Annette aus Schöningen im Kreis Helmstedt angereist, um sich ein Partner-Tattoo stechen zu lassen. Der Unterarm der 49-Jährigen ist bereits in Frischhaltefolie eingewickelt, die mit Malerkrepp festgeklebt ist und die empfindliche Haut schützen soll.

„Jetzt bin ich dran“, freut sich Jürgen Geyer. Zusammen 300 Euro lässt sich das Paar, das seit 32 Jahren verheiratet ist, die Tortur kosten. „Fledi“ haben sie die Fledermaus genannt, die ihren Platz auf den Innenseiten ihrer Arme kurz über dem Handgelenk bekommt. „Vor 18 Jahren“, erzählt Jürgen Geyer, „habe ich eine Plüsch-Fledermaus in einem Geschäft gesehen, die ich unheimlich süß fand.“ Als er kurz darauf wegen eines Lehrgangs verreisen musste und deshalb seinen Geburtstag nicht feiern konnte, habe ihm seine Frau ein Päckchen mitgegeben. Und da­rin war: das Plüschtier. „Seitdem haben wir Fledi zu Hause“, sagt Geyer. Und nun auch auf der Haut.

Es ist nicht sein einziges Tattoo: „Ich bin voll.“ Was man ihm aber nicht ansieht. Das erste hat er sich mit 17 Jahren machen lassen. „Meine Mutter weiß das bis heute nicht.“ Wie die Fledermaus sind auch die übrigen Motive viel mehr als nur Schmuck. „Tätowierungen sind etwas sehr Persönliches, das man nicht jedem zeigt“, sagt er.

Für den 49-Jährigen sind die Hautbilder Ausdruck von „Persönlichkeit und Individualität“. So habe er sich am Tag nach dem Tod von Motörhead-Gründer Lemmy Kilmister im Dezember 2015 ein Porträt des britschen Musikers stechen lassen: „So habe ich ihn immer bei mir.“

Jedes Jahr kommt etwas hinzu. An den einzelnen Teilen seiner Körper-Kunst plant er meist mehrere Jahre. Und dann müsse man jemanden finden, der die Ideen auch umsetzen könne. Mit Riekje Knobloch haben die Geyers über das Internet Kontakt aufgenommen. „Sie macht genau das, was wir wollten. Das bekommt hier nicht jeder hin.“ Die Hamburgerin entwirft und tätowiert am liebsten Porträts, Charaktere. Für sie ist neben den handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten vor allem Menschenkenntnis wichtig in dem Beruf: „Man muss auf die Kunden eingehen und sie verstehen.“

Drei Tage herrscht ein Kommen und Gehen

So wie Annette und Jürgen Geyer haben viele Besucher schon vorab Termine bei den „Nadel-Virtuosen“ verabredet, die unter anderem aus Ungarn, der Türkei und Norwegen in die Halle am Wienebütteler Weg gekommen sind, berichten die Messe-Organisatoren Sandra und Manuel Görtemaker. Sie betreiben ein eigenes Tattoo-Studio in Lüneburg. Drei Tage herrscht ein Kommen und Gehen. An fast allen Ständen wird ständig tätowiert und beraten, die Musterbücher wandern durch viele Hände.

Inspirieren lassen konnten sich die Convention-Besucher aber auch vor der Bühne: Auf High Heels und im Bikini präsentierten sich dort die Kandidatinnen für die Wahlen zur „Miss Tattoo“ aus Niedersachsen, Hamburg und Bremen. Beim Wettbewerb „Miss Tattoo Germany“ im Dezember in Berlin wird Nicole Möller aus Salzgitter als „Miss Tattoo Niedersachsen 2018“ antreten. „Ich bin völlig überrascht“, sagte die 29-jährige Verkäuferin aus Salzgitter, die die Kunstwerke auf ihrer Haut zum ersten Mal bei einem Contest gezeigt hat.

Sogenannte „Tribals“ wie das in den 90er-Jahren beliebte „Arschgeweih“ sind übrigens out. Aktuelle Trends, sagt Tätowiererin Riekje Knobloch, sind derzeit vor allem feine, reduzierte Formen wie Mandala-Motive und auch sogenannte Dotworks, also Bilder aus Punkten.

Von Klaus Bohlmann