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Susanne Oemig fühlt sich bei Prof. Dr. Peter Dall, Chefarzt der Frauenklinik, und Sandra Schwarzhaupt, stellvertretende leitende Hebamme, in guten Händen. (Foto: t&w)

„Geburten sind unterfinanziert“

Lüneburg. Dass nicht jede Frau im Kreißsaal eine Hebamme an ihrer Seite hat, diese an vollen Tagen drei oder vier Mütter gleichzeitig betreuen muss, bestreitet das Lüneburger Klinikum. Auch der Aussage von Meike Burda, die gegenüber der LZ auf eine Studie verwiesen hatte, die belegen soll, dass die Unzufriedenheit der Frauen mit der Klinikgröße zunimmt, tritt Prof. Dr. Peter Dall, Chefarzt der Frauenklinik, entgegen. Er hatte die LZ jetzt zu einem Gespräch ins Klinikum eingeladen, um seine Sicht der Dinge deutlich zu machen. Im Zentrum der Kritik steht der bundesweite Appell, den einige Mediziner und Hebammen auf den Weg gebracht haben, um auf die Probleme in der Geburtshilfe aufmerksam zu machen (LZ berichtete).

Gesunde Bilanz im Lüneburger Krankenhaus

„In Deutschland besteht eine Unterfinanzierung der Geburten“, sagt Dall, der seine Aussage mit einem Vergleich untermauert: „Eine problemlos verlaufende Geburt einer Erstgebärenden dauert in der Regel acht bis zehn Stunden.“ Anwesend seien eine Hebamme und ein Geburtshelfer, zudem ein Kinder- und ein Narkosearzt in Bereitschaft, „für den Fall, dass eine PDA oder ein Kaiserschnitt nötig wird oder das Neugeborene kinderärztlich versorgt werden muss“. Die Erlössituation spiegele den personellen Einsatz jedoch nicht wider: So werde eine Spontangeburt mit rund 1800 Euro vergütet, eine 20- oder 30-minütige Blinddarm-OP mit knapp 2800 Euro.

In der seit Jahren existierenden Unterfinanzierung sieht Dall eine Hauptursache für die Schließung kleiner Geburtshilfe-Kliniken. „Wenn sich die Einnahmen durch Entbindungen nicht mehr mit den Personalkosten decken, ist das problematisch. Es gibt Regeln, wie viele Stellen für die Geburtshilfe vorzuhalten sind.“ Viele Kliniken in diesem Bereich würden rote Zahlen schreiben. Nicht so das Lüneburger Krankenhaus: „Wir als Haus führen eine gesunde Bilanz – auch die Frauenklinik“, sagt Dall, der in der Unterfinanzierung die Ursache einer versorgungstechnischen Abwärtsspirale sieht.

Denn mit den Schließungen gingen auch weniger Anstellungsmöglichkeiten für Hebammen einher. „Der Beruf wird weniger attraktiv, das führt zu einem Nachwuchsmangel.“ Problematisch sei das vor allem in der Fläche, Frauen müssten weite Wege auf sich nehmen. Längst kämen Patienten jenseits des Landkreises nach Lüneburg, bisweilen müssten sogar Verlegungen aus Hamburger Perinatalzentren übernommen werden.

„Geburtshilfe ist nicht planbar“

„Somit handelt es sich hier nicht um ein Problem zwischen außerklinischer und klinischer Geburtshilfe. Hier sind Hebammen und Geburtshelfer gefordert, gemeinsam die Situation für die Schwangeren zu verbessern.“ Entgegen der Darstellungen der Lüneburger Geburtshelferin Burda sei das Klinikum mit 18 Hebammen in Vollzeit und weiteren sechs in Teilzeit sehr gut aufgestellt. „Wir mussten noch nie eine Frau an der Kreißsaaltür abweisen.“

Das bestätigt auch Sandra Schwarzhaupt, sie ist die stellvertretende leitende Hebamme, zudem freiberuflich in der Vor- und Nachbetreuung von Schwangeren tätig. „Die Geburtshilfe ist nicht planbar, deshalb sind wir stets zwei bis drei Hebammen pro 8-Stunden-Schicht. Am Wochenende ist zusätzlich noch jemand in Rufbereitschaft. Wir betreuen also maximal ein bis zwei Frauen gleichzeitig.“ Ein solcher Personalschlüssel sei in Perinatalzentren festgelegt. Dall weist auf Anstrengungen des Klinikums in den vergangenen zwölf Jahren hin. „Es gibt zusätzlich medizinische Fachangestellte, die im Kreißsaal und bei Terminvereinbarungen helfen, um die unterschiedlichen Aufgaben zu verteilen.“ Viele Hebammen in Deutschland müssten in Kliniken hebammenfremde Tätigkeiten wie Telefondienst oder das Wischen des Kreißsaals übernehmen. „Wir möchten, dass unsere Hebammen viel Zeit für die Gebärenden haben. Sie sind die erste Ansprechpartnerin.“

Anstieg der Geburtenzahlen

Auf die Aussage, dass Frauen nach einer Geburt in einer größeren Klinik häufig traumatisiert seien, reagiert der Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe mit Zahlen. So hätten im vergangenen Jahr 1734 Geburten im Städtischen Klinikum stattgefunden. „2006 lag die Zahl noch bei 1230, wir verzeichnen also einen Anstieg von mehr als 500 Geburten pro Jahr.“ Die Zahlen widersprechen Dall zufolge auch dem Passus im Appell, dass die „Belastungen durch medizinische Interventionen bei der Geburt für einen beträchtlichen Teil der Frauen so gravierend sind, dass sie nach einer solchen Klinikgeburt auf weitere Kinder verzichten“. Auch gebe es kein größeres Bedürfnis nach Schmerzmitteln: „Zwei Drittel aller Erstgebärenden kommen durch Homöopathie, Akupunktur oder leichte Schmerzmittel ohne eine PDA zurecht.“

Von Anna Paarmann

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