Aktuell
Home | Lokales | Die Kabine ist „rote Zone“
Ida Radtke holt sich Tipps von Boxtrainer Frank Lengkeit. Er erklärt und zeigt ihr, wie wichtig die Deckung in dem Sport ist. Foto: t&w

Die Kabine ist „rote Zone“

Lüneburg . Ida Radtke schnürt die klobigen, schwarzen Boxhandschuhe fest um ihre Handgelenke, der Mundschutz sitzt bereits. Die Haare der 17-jährigen Boxerin sin d zu zwei Zöpfen geflochten. Zwei bis drei Mal in der Woche trainiert sie mit rund 30 Jugendlichen und Erwachsenen in der Boxhalle des Vereins Kraft-Sport-Lüneburg, kurz KSL. Da muss sie auch mal mit einem männlichen Gegner in den Ring. „Das stört mich nicht, die Jungs sind sehr rücksichtsvoll“, sagt Ida, deren Leidenschaft für den Sport beim Kickboxen geweckt wurde. Dass andere Sportlerinnen von Trainern oder Betreuern sexuell belästigt oder gar missbraucht worden sein sollen, schockiert die junge Boxerin, die mit diesem Thema nie Berührungspunkte hatte. Dass solche Vorfälle zurzeit im Rahmen der #MeToo-Debatte aber öffentlich gemacht werden, befürwortet sie. „Man sollte darüber sprechen.“

Es ist vor allem ein Prozess, der seit Monaten die Medien bestimmt und für betretenes Schweigen in Vereinen sorgt: Der ehemalige US-Teamarzt Larry Nassar soll mindestens 265 Frauen und Mädchen missbraucht haben, einen Skandal dieser Größenordnung hat es im amerikanischen Turnsport bislang nicht gegeben. Für den Missbrauch an 156 Turnerinnen, darunter auch mehrere Olympiasiegerinnen, wurde Nassar bereits verurteilt. Er wird den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Es ist das wohl erschreckendste Beispiel dafür, dass sexuelle Gewalt auch im Sport weit verbreitet ist. Betroffen sind nicht nur Turnerinnen, es soll auch Fälle im Boxen, Skirennlaufen, Reiten und Fußball gegeben haben.

Auch in Lüneburg hat ein Fall für Schlagzeilen gesorgt: Ein 28-jähriger Jugendtrainer eines Lüneburger Sportklubs und eines auswärtigen Historienvereins wurde wegen sexuellen Missbrauchs in 16 Fällen, darunter vier schwere Fälle, im September zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Der Bundesgerichtshof hat die damalige Entscheidung des Lüneburger Landgerichts kürzlich aufgehoben, der Prozess wird neu aufgerollt.

Frank Lengkeit findet gar keine Worte für solche Vorfälle, seit August ist er beim KSL Boxtrainer mit Lizenz. Sein Credo: „Anfassen geht gar nicht, es gibt keinen Grund, warum sich ein Trainer hinter einen Sportler stellen muss, um ihn zu korrigieren.“ Die Vertrauensbasis hätte im Sport höchste Priorität, diese zu missbrauchen, sei unmöglich. „Es soll ja auch Vorfälle in Hamburg gegeben haben. Das macht einen echt wütend, weil es alle Boxer runterzieht“, sagt der 55-Jährige, der in dem Sport eigentlich einen sehr respektvollen Umgang für selbstverständlich hält. Um sich schon im Vorwege vor solchen Vorwürfen zu schützen, hat Lengkeit für den Umgang mit seinen Sportlern Regeln festgelegt. So ist die Kabine beispielsweise „rote Zone“. Um einen Betreuer für seine Boxerinnen zu haben, nimmt er stets seine Tochter mit zu Wettkämpfen. „Sie kann die Mädels dann auch mal trösten, wenn sie verlieren.“

„Seid offen, schaut auch mal nach rechts und links.“

Die Sportorganisationen in Niedersachsen haben das Thema schon seit Jahren auf dem Schirm, so wurde 2011 zum Beispiel das Projekt „Schutz vor sexueller Gewalt im Sport“ vom Landessportbund und der Sportjugend Niedersachsen ins Leben gerufen. Auch existiert seitdem eine Verhaltensrichtlinie, die dazu beitragen soll, dass in der Jugendarbeit keine Grenzverletzungen, sexueller Missbrauch oder Gewalt möglich werden. Das Papier müssen auch diejenigen unterschreiben, die eine Übungsleiterausbildung beim Lüneburger Kreissportbund durchlaufen. Die Dachorganisation fasst 158 Sportvereine mit rund 46.000 Mitgliedern in Stadt und Landkreis Lüneburg zusammen. „Das hält zwar nicht ab, aber es sensibilisiert zumindest“, sagt Geschäftsführerin Susanne Pöss , die die Debatte für ein „ultra brisantes Thema“ hält. Ihr Appell an die Vereine: „Seid offen, schaut auch mal nach rechts und links.“

Einen solchen Ehrenkodex sieht Anja Nielsen , die seit 20 Jahren mit ihrem Mann Uwe beim MTV Treubund die erfolgreichen „Funny Skippers“ trainiert, als Selbstverständlichkeit an. Zu Körperkontakt käme es in der Sportart selten, sagt sie, „eigentlich nur, wenn jemand mal das Seil eines anderen Sportlers nimmt“. Das sogenannte Rope Skipping verbindet das klassische Seilspringen mit turnerischen Einlagen. Für Nielsen ist Transparenz das A und O. „Alles, was man macht, sollte öffentlich stattfinden.“ Aussagen wie „Komm, ich zeig‘ Dir mal etwas in der stillen Ecke“ seien unter keinen Umständen vertretbar.

„Das ist eine ganz große Sauerei.“ Mit dem Satz kommentiert Gerd Lawrenz (70), Trainer der Handballdamen des MTV Embsen, die vielen sexuellen Gewalttaten, die Sportlerinnen offengelegt haben. Wichtig ist ihm dabei die Unterscheidung zwischen betroffenen Erwachsenen und Kindern. „Frauen oder auch Männer haben es leichter, deutlich Nein zu sagen.“ Kinder dagegen seien überhaupt nicht in der Lage, sich zu wehren. „Diese kleinen Seelen können ganz schnell kaputt gehen, die Folgen sind schwerwiegend, begleiten sie ihr Leben lang.“

Seit 1980 ist Lawrenz Handballtrainer, seine Haltung zu dem Thema hat sich in all der Zeit nicht geändert. „Wenn ich vor einer Mannschaft stehe, gibt es da eine imaginäre rote Linie. Ich halte drei Schritte Abstand, damit gar nicht erst eine Berührungsproblematik aufkommen kann.“ Im Leistungsbereich sieht Lawrenz vor allem die Abhängigkeit von Trainern, Entscheidern oder auch Sponsoren als Ursache. „Sportlerinnen, die etwas erreichen wollen, glauben vielleicht im ersten Moment noch, dass ihnen ein solcher Kontakt weiterhilft. Schnell befindet man sich in einer totalen Ausnutzung.“

Von Anna Paarmann

Clearingstelle

Hilfe für betroffene Sportler

Der Landessportbund Niedersachsen hat eine Clearingstelle eingerichtet. Personen, die sexualisierte Gewalt in ihrem Sportverein erlebt oder beobachtet haben, können sich dort – auch anonym – melden. Im Falle eines Verdachts werden dann gemeinsam Handlungsschritte erarbeitet. Es gibt dort auch ein Kinder- und Jugendtelefon, es ist von montags bis sonnabends, 14 bis 20 Uhr, unter der kostenlosen Rufnummer (0800) 1110333 erreichbar. Zudem können sich Jugendliche sonnabends von Jugendlichen beraten lassen. Mehr Informationen unter www.sportjugend-nds.de.

Sexualisierte Gewalt im Sport verbreitet

Dass Athleten in beträchtlichem Ausmaß von sexualisierter Gewalt betroffen sind, geht aus einer Studie des Universitätsklinikums Ulm und der Deutschen Sporthochschule Köln hervor. 1800 Kaderathleten (16 Jahre und älter) aus 128 Sportarten und 57 Verbänden wurden online befragt.

  • Etwa ein Drittel aller Befragten hat schon einmal eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erfahren.
  • Sexualisierte Gewalt ist im Bereich des Leistungs- und Wettkampfsports genauso präsent wie in der Allgemeinbevölkerung.
  • Athletinnen sind signifikant häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als Athleten.
  • Die Mehrheit der Betroffenen ist bei der ersten Erfahrung unter 18 Jahre alt.
  • In Vereinen mit einer klar kommunizierten „Kultur des Hinsehens und der Beteiligung“ ist das Risiko signifikant geringer.
  • Sexualisierte Gewalt wird durch Erwachsene und Jugendliche ausgeübt.

Die Studie hat drei Kategorien festgelegt: „Sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt“ meint sexistische Witze oder anzügliche Blicke. Unter „sexuelle Grenzverletzungen“ fallen unangemessene Berührungen im Training, unter „sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt“ unter anderem versuchter Sex gegen den eigenen Willen. ap

2 Kommentare

  1. Werner Schneider

    Wieso werden die drei Kategorien sexualisierter Gewalt in einen Topf geworfen? Vergewaltigung ist strafbar, ein anzüglicher Witz nicht. Dieser sollte einfach mit einer schallenden Ohrfeige sanktioniert werden. Wenn diese undifferenzierte Diskussion so weiter geht, laufen bald Frauen alle mit einer Burka rum.

    • Werner Schneider
      da sie sich als ,,frau,, so gut mit sexualisierter gewalt auskennen, haben sie sich scchon eine burka besorgt? dann brauchen sie auch nicht mehr so kräftig umsich hauen. schmunzeln.