Donnerstag , 20. September 2018
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Christiane Helms sucht etwas Farbenfrohes beim Kleidermarkt für starke Frauen. Die 66-Jährige ist sich sicher, dass Männer lieber Frauen mit ein paar Gramm mehr auf den Hüften um sich haben, als ein mageres Modell. Foto: t&w

Den Mutigen gehört die Welt

Scharnebeck. „Frauen machen sich gegenseitig fertig“, sagt Christiane Helms – und darf das. Schließlich ist sie selbst eine. Eine von vielen, die sich am vergan genen Sonnabend vorbei an vollbeladenen Kleiderstangen durch das Scharnebecker Gemeindehaus drängten, um Schnäppchen zu ergattern – und dabei so gar nicht feindselig wirkten. Frauen machten sich fertig für eine Figur à la Heidi Klum, während Männer – da ist sich Christiane Helms sicher – doch lieber ein weibliches Wesen mit ein paar Gramm mehr auf den Hüften um sich wüssten.

Hier hat Karl Lagerfeld nichts zu suchen – weil Herren zu diesem Anlass immer schon rigoros rausgeschmissen werden und weil das, was seinem Ideal von weiblichen Maßen entspricht, gar nicht erst angeboten wird. Beim Kleidermarkt für starke Frauen, dem zwanzigsten und zugleich letzten seiner Art, gibt es von der Bluse bis zum Mantel alles ab Größe 42. Christiane Helms hat einen Haufen Klamotten über dem rechten Arm: in bunt, gestreift und neongrün. Gesuch wird etwas Farbenfrohes. „Nicht so nullachtfünfzehn, wie es meist für große Größen gilt“, sagt sie. Röhrenjeans von breiterem Umfang? Ein seltener Fund, weiß die 66-Jährige und runzelt die Stirn. „Immer nur diese Bollerhosen.“

Das ärgert auch Maria Lazer: „Warum macht man nicht das, was andere Leute auch tragen, ein paar Schnitte größer? Ich finde nicht, dass starke Frauen immer Säcke tragen müssen.“ Starke Frauen, sagt die Kleidermarktorganisatorin, weil es – ganz anders als die Beschreibung „mollig“ – nichts Verniedlichendes ausstrahlt, sondern für einen selbstbewussten Auftritt im eigenen Körper steht. Manchmal aber, beobachtet Larissa Peters, brauche es trotzdem etwas Nachhilfe, wenn es darum geht, Kleidung nicht bloß als Versteck zu betrachten. Mit 33 Jahren ist sie eine der Jüngsten im Helfer-Team und berät Frauen mit Größe 50 bis 64. „Das macht irre viel Spaß!“

Dennoch: Am Wochenende hat der „Kleidertausch im Frühlingsrausch“ mit dem zehnten Jahr seines Bestehens auch gleichzeitig seinen Abschluss gefeiert. Der organisatorische und logistische Aufwand sei einfach zu groß geworden, erklärt Maria Lazer. Die abgegebenen Kleider sortieren, Kuchen und Torten backen, die Kassenführung, der Aufbau von Bänken und Kleiderständern… Das hat in der Vergangenheit zweimal jährlich zahlreiche Helfer über mehrere Tage gefordert – immer für den guten Zweck: 20 Prozent der Einnahmen aus dem Kleiderverkauf fließen in die Flüchtlings- und Integrationshilfe Samtgemeinde Scharnebeck. Zusammen mit den Einnahmen aus der Cafeteria hofft Lazer nach dem letzten Event erneut etwa 1200 Euro spenden zu können.

Rund 100 Frauen haben ihre Kleider, Schuhe und Accessoires zum Verkauf angeboten. Damit werde eine Marktlücke bedient, ist Lazer überzeugt, denn große Mode zu einem günstigen Preis zu finden – das sei im Handel gar nicht so einfach. Und warum überhaupt neu kaufen? „Wenn man überlegt, was man für die Produktion einer Jeans an Wasser braucht…“

Schaufensterpuppe bildet selten den Durchschnittskunden ab

Derweil befindet sich Cornelia Kropp im Shoppingrausch. Zusammen mit ihrer Tochter – und auch für die Oma – hat sie am Sonnabend mindestens 30 Teile ergattert. Die 54-Jährige sucht nach Mode in frischen Frühlingsfarben und hat dabei an diesem Tag besonders viel Spaß. „Ich habe gerade zehn Kilo abgenommen“, verrät Cornelia Kropp, während sie ein geblümtes Shirt vom Stapel nimmt und eingehend begutachtet. „Vorher hätte ich gesagt: Ne, lass‘ mal. Ich bleibe bei meinen Schlabbersachen.“

Dass die Schaufensterpuppe selten den Durchschnittskunden abbildet, ist längst kein Geheimnis mehr. Genau genommen sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung aus dem Vorjahr 59 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig. Das wird nach dem sogenannten Body-Mass-Index (BMI) bestimmt: das Körpergewicht (in Kilogramm) durch das Quadrat der Körpergröße (in Metern) geteilt. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Erwachsene mit einem BMI über 25 als übergewichtig ein, mit einem Wert über 30 als stark übergewichtig. So gilt etwa ein 1,80 Meter großer Erwachsener ab 81 Kilogramm als übergewichtig.

Larissa Peters will, dass alle Spaß an Kleidung haben. Verstecken bringe nichts, sagt sie. „.“

Von Anna Petersen

One comment

  1. Danke für „Lüneburg gestern und heute“. Ich, als Jahrgang 1946 kann mich noch gut an einige der alten Straßenzüge erinnern. Meine Familie hat damals in der Konventstraße gewohnt im hinteren Teil des alten Brömsehauses.
    Heute lebe ich im Speckgürtel von HH aber alle paar Wochen muss ich in meine Heimatstadt und freue mich wie schön sie geworden ist.
    Liebe Grüße
    Christa Bauer geb. Borchers