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Roswitha Brandwein, Thomas Grosch, Lena und Albrecht Laue sowie Hans-Ulrich Joerg (v.l.) beunruhigen die Pläne. (Foto: kre)

Bürger fürchten Abriss ihrer Häuser

Privelack. Ein Schreckgespenst geht um im beschaulichen Elb­örtchen Privelack in der Gemeinde Amt Neuhaus. Anwohner fürchten um ihre Häuser, um ihre Zukunft. Am Dienstagabend tagte der Bauausschuss in Neuhaus. Dort stellten Vertreter des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und Prof Dr. Johannes Prüter, Leiter der Biosphärenreservatsverwaltung Hitzacker, den Rahmenplan Hochwasserschutz Elbe vor. Darin enthalten ist auch das Szenario eines Abrisses von Prilipp und Privelack, um den Hochwasserabfluss an der Unteren Mittelelbe zu verbessern.

„Bei allen Maßnahmen handelt es sich um Gedankenspiele, die gegenwärtig nicht in konkrete Planungen umgesetzt werden.“
Achim Stolz, NLWKN-Sprecher

Alles nur Gedankenspiele, beschwichtigen die Planer, „nicht mehr als eine Ideenskizze, um am Beispiel Privelack aufzuzeigen, welche Maßnahmen den Abfluss der Elbe bei Hochwasser verbessern könnten“, sagt auch die Neuhauser Bürgermeisterin Grit Richter. Doch die Anwohner sind alarmiert, haben bereits eine Bürgerinitiative gegründet. „Das ist jetzt in den Köpfen der Bewohner drin“, zeigt eine Besucherin der Veranstaltung Verständnis für die Sorgen der Privelacker – „ob Gedankenspiel oder nicht, das Durchspielen eines konkreten Szenarios in einem wichtigen Papier macht schon jetzt die Häuser wertlos“.

Anwesen sollte Altersversicherung sein

Genau das befürchtet auch Thomas Grosch, Besitzer des Café Paradiesgarten in Privelack.: „Seit 22 Jahren investieren wir in unser Anwesen, das unsere Altersversicherung sein soll“, betont Grosch. Sein Café könnte bei einer Deichrückverlegung zwar stehen bleiben, andere Gebäude aber nicht. „Der Ortskern wäre weg“, fürchtet Grosch. Die Alternative zur Rückdeichung findet Grosch schon besser: Untersucht wurde auch der Einbau eines sogenannten Umfluters: Der, so heißt es im Rahmenplan, hätte eine Breite von rund 300 Metern. Und weiter: „Die Bewohner wären ohne eine zusätzliche Brücke über den Umfluter im Falle eines Hochwassers vom Wasser eingeschlossen und müssten gegebenenfalls evakuiert werden.“ Die Baukosten für eine derartige Brücke wären laut NLWKN allerdings unverhältnismäßig hoch. Zudem wäre der Bau von vier Kilometern zusätzlicher Deiche erforderlich.

Dass dieser Plan an den Brückenkosten scheitern könnte, verstehen Grosch und seine Mitstreiter nicht. Sie könnten sogar auf eine Brücke verzichten, sagen sie. Immerhin würde diese Variante den Berechnungen zufolge zu einer Hochwasserabsenkung von zwölf Zentimetern führen. Aber wie gesagt: alles nur Gedankenspiele.

Das betont auch NLWKN-Sprecher Achim Stolz. Er sagt auf LZ-Anfrage: „Im Rahmenplan für abflussverbessernde Maßnahmen an der unteren Mittelelbe ist nicht vorgesehen, die Ortschaft Privelack oder Teile der Ortschaft für den Hochwasserschutz zu räumen. Im niedersächsischen Teil des Rahmenplans werden lediglich Maßnahmen betrachtet, die im Bereich der Unteren Mittelelbe zwischen Schnackenburg und Geesthacht ergriffen werden können. Sämtliche im Rahmenplan benannten Maßnahmen stellen somit lediglich Optionen dar, um anhand konkreter Beispiele aufzuzeigen, was unternommen werden müsste, um nennenswerte Hochwasserscheitelabsenkungen zu erreichen.“

„Es geht um unsere Existenzen“

Neben Umflutervarianten an anderen Orten werde fiktiv auch für den Raum Privelack die Variante eines Umfluters an konkreten Geländegegebenheiten untersucht, um zu verlässlichen Rechenergebnissen zu kommen, so Stolz weiter. Es handele sich lediglich um ein Beispiel, um damit im Hochwasserfall den Wasserspiegel im Hauptstrom abzusenken. „Bei allen aufgelisteten Maßnahmen handelt es sich um Gedankenspiele, die gegenwärtig nicht in konkrete Planungen umgesetzt werden“, fasst der ­NLWKN-Pressesprecher die Position seiner Behörde noch einmal zusammen.

In Privelack reagiert man dennoch aufgeschreckt: „Hier geht es im Ernstfall um unsere Häuser, um unsere Existenzen“, bringt Thomas Grosch die Sorgen seiner Nachbarn auf den Punkt. Knapp 20 Einwohner zählt der Ort Privelack, verteilt auf neun Häuser. Zu denen, die neu zugezogen sind, gehören Ros­witha Brandwein und Hans-Ulrich Joerg. Die Hessin und der gebürtige Schweizer haben sich im November 2016 ihr Haus in Privelack gekauft. „Vier Monate später wurde die Broschüre des NLWKN mit den Untersuchungen für die abflussverbessernden Maßnahmen in der Öffentlichkeit vorgestellt.“

Aus Hamburg aufs weite Land nach Privelack sind auch Lena und Albrecht Laue gezogen, haben hier eine Familie gegründet. „Es ist traumhaft hier“, schwärmen beide, fürchten jetzt aber um ihr Idyll. „Ich bin jemand, der eher an das Gute glaubt“, sagt Albrecht Laue, aber seit Dienstag herrsche auch bei ihm große Verunsicherung. Nicht dass man ihn und seine Nachbarn falsch verstehe: Natürlich sperre man sich nicht gegen Hochwasserschutz-Maßnahmen. „Aber wir fordern ein ganzheitliches Konzept, in dem wirklich alle Belange unter einen Hut gebracht werden“, betonen die Privelacker – und dafür wollen sie kämpfen.

Von Klaus Reschke