Mittwoch , 26. September 2018
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Einmal im Monat leitet Ulrike Mattner (weiße Haare) den „Klönschnack auf Englisch“. Als junge Frau war sie nach London gegangen, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. (Foto: phs)
Einmal im Monat leitet Ulrike Mattner (weiße Haare) den „Klönschnack auf Englisch“. Als junge Frau war sie nach London gegangen, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. (Foto: phs)

Von Schnaken, Schnack und Schabernack

Wendisch Evern. Was der Mensch nicht weiß, weiß Google: „Was heißt schnacken auf Englisch“, will Marion Scheel von ihrem Smartphone wissen. Zwei Sekunden später die Antwort auf dem Display: „gnats“. Gnats aber stehen weder für Kommunikation, noch für lautes Gelächter, wie es in der gemütlichen Runde von „Klönschnack auf Englisch“ üblich ist. Ulrike Mattner grinst und leistet erste Hilfe beim Übersetzungsunfall: Gnats sind Schnaken und „Klönschnack“ beschreibt offenbar etwas, womit selbst der beste Online-Dolmetscher überfordert ist. Laughter everywhere!

Bericht über Autokauf auf Englisch

Es ist Punkt 19.30 Uhr, als am Mittwoch in Wendisch Evern die Schulglocke läutet. Nebenan, im ältesten Haus des Dorfes, beginnt die Englischstunde. Manchmal ist es auch eine Doppelstunde – je nachdem, wie viel sich die Besucher zu erzählen haben. Da sind die Eheleute Bartosch, die kürzlich „on tour” waren: Sie habe gepackt, sagt Helga Bartosch und überlegt einen Moment, den „Fresskasten”? „Hamper”, übersetzt Ulrike Mattner, a food hamper. Da sitzt auch Ursula Köpke mit einem mehrfach geklebten Englisch-Lexikon von 1964 und berichtet vom Autokauf in Wolfsburg. Hannelore Strauer hört interessiert zu – und will genau wissen, was es dort zu sehen gab: „Diesel cars?” Erneut kollektives Lachen.

Für einen Mittwochabend im Monat verwandelt sich das Dachgeschoss der „Alten Schule” in Wendisch Evern in ein kleines Großbritannien – mit Mon Chéri statt Monarchie, mit thailändischen Keksen statt Shortbread. Apropos Thailand: Dort hat Marion Scheel gerade einen Urlaub verbracht. Auf den Straßen Pattayas, im östlichen Teil von Zentralthailand, habe sie zum Teil schockierende Eindrücke gesammelt, erzählt sie: „It‘s more than Reeperbahn.”

„Am Anfang habe ich gesagt: Wenn ich komme, dann werde ich nicht reden – nur zuhören”, erinnert sich Ursula Köpke an ihren ersten Besuch beim „Klönschnack”. Ihre Englischkenntnisse stammten noch aus der Schulzeit – damals, als die Sprache im Unterricht zwar grammatikalisch erklärt, aber praktisch nie gesprochen wurde. Doch das Vorhaben scheiterte schon bei der Vorstellungsrunde. Die 72-Jährige redete und begriff bald: „Manchmal geht es besser als gedacht.” Da tut auch die entspannte Atmosphäre ihr Übriges. „Wir sind hemmungslos”, übersetzt Hannelore Strauer die Gruppenphilosophie mit einem Augenzwinkern ins Schnörkellose. Darauf hebt Ulrike Mattner gleich die Teetasse: „Prost!”

„Englishman“ ist der Hahn im Korb

Hemmungslos drauf los reden ist die Formel, nach der die Gruppe schnackt – hin und wieder auch mal auf Deutsch, wenn es hakt. Die einen, um für die englische Konversation im Urlaub gewappnet zu sein, die anderen nur aus Spaß an der Sache und wieder andere, wie Hannelore Strauer, auch für die Alltagspraxis: „Wenn ich den Fernseher anstelle oder die Zeitung lese, finde ich so viele Begriffe, die englisch sind”, erklärt die 72-Jährige, auch die Songs im Radio, die Werbung in den Städten…

Zwei Plätze entfernt sitzt Joachim Bartosch – an diesem Abend quasi der Englishman in Wendisch Evern, der Hahn im Korb und begeisterter Pilot. Die Maschine, die er fliegt, werde gerade technisch überholt, berichtet er – beim „technical overhaul”, übersetzt Google mit technisch perfektionierter Frauenstimme aus dem Lautsprecher des Handys, schneller als man sich mit dem Wörterbuch von 1964 ans Ziel blättern kann.

Alles begann vor gut zehn Jahren am 19. Februar 2008. „At the beginning I wrote everything down”, erzählt Mattner und zieht eine rote Mappe aus der Tasche. Englische Zeitungen wurden gelesen und Grimms Märchen, vor allem aber wird das Alltägliche in fremde Worte gekleidet. Die Idee stammt von der 74-Jährigen. Ohne ein Wort Englisch zu sprechen ging Ulrike Mattner mit Anfang zwanzig nach London, belegte einen sechswöchigen Sprachkurs und arbeitete dort als Krankenschwester.

Ein Stückchen England in einem kleinen Dorf

Später folgte sie ihrem Mann mit Kind und Kegel noch einmal für fünf Jahre ins Vereinigte Königreich und sogar bis nach Amerika. Mit den regelmäßigen Klöntreffen hat sie sich ein kleines Stückchen Insel mit nach Wendisch Evern gebracht – als ein Angebot von vielen in dem alten Schulhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Verein Alte Schule Wendisch Evern hat das Gebäude im Dezember 2006 erworben, um es für das Dorf zu erhalten und darin ein soziales und kulturelles Zentrum einzurichten. Das weiß Marion Scheel aus Lüneburg zu schätzen. Sollte sie auf einer ihrer Reisen künftig eine Schnakenplage erleben, weiß sie sich sicher zu helfen – auch ohne Smartphone.

Termin

Wann wird geklönt?

Einmal im Monat, an einem Mittwoch, findet der „Klönschnack auf Englisch“ in der Alten Schule in Wendisch Evern statt. Das Angebot ist offen für alle Interessierten – und kostenlos. Die Klönschnack-Gruppe trifft sich das nächste Mal am Mittwoch, 28. März, um 19 Uhr.

Von Anna Petersen