Mittwoch , 19. September 2018
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Hans-Henning Detmering ist Bio-Milchbauer aus Überzeugung. Seit 20 Jahren wirtschaftet seine Familie in Neu Wendischthun ökologisch. Doch seit einiger Zeit fragt er sich, wie viel seine Milch eigentlich wert ist. Foto: t&w

„Das ist bitter!“

Neu Wendischthun. Hans-Henning Detmering ist 35 und genau das, was sich viele unter einem guten Bauern vorstellen. Er lässt seine 120 Kühe fast täglich auf die Weide, füttert sie ausschließlich mit ökologisch erzeugtem Futter und liefert täglich rund 2500 Liter Biomilch an die Arla-Molkerei. Er selbst ist von der ökologischen Landwirtschaft überzeugt und mag seinen Job, dieses Gefühl „ein hochwertiges Lebensmittel“ zu produzieren. Doch seit einigen Monaten gibt es da etwas, das ihn an der guten Sache ernsthaft zweifeln lässt und immer wieder diese eine Frage aufwirft: „Was ist meine Milch überhaupt wert?“

Ein Joghurtbecher war der erste Hinweis

Zuerst war da nur dieser eine Joghurtbecher auf seinem Acker in Neu Wendischthun. Von Arla. Bioqualität. Dann tauchte noch einer auf und noch einer. Und dann entdeckte Detmering nur ein paar Hundert Meter von seinem Hof entfernt auf dem Gelände einer Biogas- und Kompostieranlage Paletten voll mit Arla-Biomilch und Biomilchprodukten. „Ich wusste, dass die dort auch Lebensmittel verarbeiten“, sagt er. „Aber zu sehen, wie die Milch, die wir hier mühsam erzeugen, in rauen Mengen vernichtet wird, das ist bitter.“

Ein paar Wochen schaute er tatenlos zu, wie immer neue Milchprodukte angeliefert und kompostiert wurden. Dann rief er die Molkerei an. „Ich wollte wissen, was da los ist“, sagt er, „doch da hieß es nur, man wisse von nichts.“ Detmering suchte schließlich seine eigenen Antworten, erklärt sich das Ganze heute so: „Während der letzten Milchpreiskrise sind viele Landwirte auf Bio umgestiegen. Offenbar zu viele.“ Die Molkerei und der Handel könnten die vielen Biomilchprodukte nicht verkaufen, glaubt er. „Also wird der Überschuss vernichtet.“

Und doch bleiben die Fragen. Woher kommen die Produkte genau? Aus der Molkerei oder vom Handel? Warum werden sie vernichtet? Nachfragen bei der Betreiberfirma der Anlage, Agrarbioenergie Bleckede GmbH & Co.KG, ergeben nur wenig Neues. Auch Geschäftsführer Christian Saul muss passen, erklärt nur: „Wir bekommen die Lebensmittel von der BioCycling GmbH aus Bardowick.“ Woher die wiederum die Produkte bekommen, habe er angefragt, „aber man wollte sich dazu nicht äußern“.

Auch dort bleiben die Nachfragen ohne Ergebnis. Der Geschäftsführer sei nicht im Haus, heißt es. Das für Anlagen dieser Art zuständige Gewerbeaufsichts­amt in Lüneburg bestätigt zwar, dass die Verarbeitung von Lebensmitteln in der Anlage in Neu Wendischthun rechtens ist. Details zur Lieferkette sind allerdings auch dort nicht bekannt.

„Wir haben uns bei Arla zum Ziel gesetzt, möglichst wenig Abfälle zu produzieren.“ – Markus Teubner, Pressesprecher

Dafür hat die Arla-Molkerei selbst einen Verdacht. „Nach allen Informationen, die uns hierzu vorliegen, können wir sagen, dass es seit Sommer vergangenen Jahres zwei Ereignisse gab, die zu einer erhöhten Entsorgungsrate an Arla Bio Produkten geführt haben“, erklärt Pressesprecher Markus Teubner. Aufgrund von „Qualitätsabweichungen“ habe man im Juli 2017 rund 50 Paletten – rund 48 000 Liter Milch – entsorgen müssen. „Im Januar 2018 kam es dann aufgrund von Verpackungsproblemen noch einmal zu einer Entsorgung von rund 24 Paletten, was rund 23 000 Litern Arla-Bio-Milch entspricht.“ Die Entsorgung habe über längere Zeiträume stattgefunden. Wie und wo genau, konnte Teubner allerdings nicht mit Sicherheit sagen.

Betonen möchte Teubner hingegen, dass „wir uns bei Arla zum Ziel gesetzt haben, möglichst wenig Lebensmittelabfälle zu produzieren“. Produkte, die drohten abzulaufen und nicht mehr ausgeliefert werden könnten, würden nach Möglichkeit zu Milchpulver weiterverarbeitet. „Oder wir spenden sie, sofern sie noch essbar und haltbar sind, an die Tafel.“ In dem konkreten Fall könne er nachvollziehen, „dass diese Mengen für Außenstehende sehr hoch erscheinen“. Setze man diese allerdings ins Verhältnis zur insgesamt verarbeiteten Milchmenge von 600 Millionen Kilogramm Milch in dem betroffenen Werk in Upahl (Mecklenburg-Vorpommern), „relativieren sich die Mengen“.

Anlagenbetreiber kündigt Konsequenzen an

Hans-Henning Detmering kann die Erklärung nachvollziehen, weiß, wie streng die Qualitätsanforderungen sind. Und trotzdem bleibt das miese Gefühl. Wahrscheinlich auch dann noch, wenn in seiner Nachbarschaft keine Arla-Biomilch-Milchprodukte mehr vernichtet werden. Um zu verhindern, dass die Krähen die Joghurtbecher überall verteilen, hat der Betreiber angekündigt, keine verpackten Lebensmittel mehr anzunehmen. Doch für Detmering hat sich die Frage damit nicht erledigt: „Was ist meine Milch überhaupt wert?“

von Anna Sprockhoff