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Die "BienenBürger" Heike Schröder und Markus Tiemann hatten ihr Projekt beim 2. Lüneburger Saatgutfestival Anfang März im Museum Lüneburg erstmals öffentlich vorgestellt. Foto: t&w

Die BienenBürger summen los

Lüneburg. Ein internationales Forscherteam aus den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland hatte 2017 eine Studie zum Insektensterben veröffentlicht – mit einem erschreckenden Ergebnis: Mit den Biomasseverlusten bei Fluginsekten von 76 bis 81 Prozent seit den 1990er-Jahren ist ein klarer Negativ-Trend erkennbar. Insgesamt wurden in einem Zeitraum von 27 Jahren 63 Standorte in Schutzgebieten unterschiedlichster Lebensräume des Offenlandes überwiegend in Nordwestdeutschland untersucht, wobei sich der Rückgang vor allem im Flachland feststellen ließ.

100 Kilo Saatgut für BienenBürger

In Lüneburg will sich nun ein neuer Verein gegen das Insekten-Sterben stark machen: Die „BienenBürger“ starten gleich mit einer großen Aktion, sie werden 100 Kilogramm Saatgut ab dem 18. April jeweils mittwochs und sonnabends auf Wochenmärkten und an Einkaufszentren in Lüneburg, Adendorf, Bardowick und Vögelsen kostenlos an Interessierte verschenken, sie suchen fürs Verteilen noch Helfer. Geplant sind rund 20 Aktionstage. Mit dem Saatgut soll neuer Lebensraum für Bienen und andere Insekten geschaffen werden.

„Wissenschaftler schätzen, dass der aktuelle Rückgang an bestäubenden Insekten pro Jahr sechs Prozent beträgt. Bei einem aktuell verbleibenden Insektenbestand von 25 Prozent ist das Aussterben vieler Insektenarten unmittelbar absehbar. Wir vermissen dringend rettende Maßnahmen der zuständigen Instanzen und wollen nun selbst etwas tun.“ Das sagt Heike Schröder, die Designerin und Blumenverkäuferin hat den Verein zusammen mit dem Natur- und Landschaftsfotografen und IT-Manager Markus Tiemann sowie der Designerin und Lehrerin Gaby Lux gerade erst gegründet. Aktuell hat er acht Mitglieder, unter anderem den Reppenstedter Biologen Dr. Wolfram Eckloff, ehemaliger Leiter des Lübecker Museums für Natur und Umwelt.

Blühflächen in Gärten, Grünanlagen und auf dem Balkon

Ausgegeben werden an Interessierte laut Heike Schröder zwei verschiedene Arten von Saatgut: „Wir verteilen zertifiziertes regionales Wildsaatgut gemischt mit zertifiziertem Kultursaatgut, diese Mischung ist sehr wertvoll, sie blüht bis zu fünf Jahre als natürliche Blühfläche in Gärten und Grünanlagen. Für Balkonbesitzer verteilen wir eine wertvolle blühende Kräutersaat-Mischung. Sie kann in Balkonkästen, auf Terassen und Dachgärten in Pflanzbehältern eingesät werden. Sie ist essbar, also köstlich für Insekten und auch für Menschen.“ Markus Tiemann ergänzt: „Und wir möchten gerne auch Infoblätter verteilen, über die bedrohliche Lage der Insekten, über das insektenfreundliche Gärtnern und die Sache mit dem Glyphosat und Co. informieren und Alternativen vorstellen.“

Der Verein, der die Bienen im Namen trägt, will aber nicht nur den Summern helfen, sondern auch durch die aufgehende Saat Wespen, Fliegen, Schmetterlinge, Käfer und Vögel einen Lebensraum schaffen. Wer den BienenBürgern beim Austeilen der Saat helfen möchte, Infos zu ihrer Arbeit haben oder Mitglied werden will, erhält Kontakt unter www.bienenbuerger.de im Internet.

Hintergrund

Die möglichen Ursachen

Während die Studie von 2017 nur mögliche Ursachen des Insekten-Sterbens sieht, ist für den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) klar: „Die Hauptursache ist die industrielle Landwirtschaft mit ihren Giften (Neonicotinoide…), Herbiziden (Glyphosat…), Überdüngung und die ,pflegeleichte‘ ausgeräumte, monotone Agrar-Landschaft. Ein besonders bedrückendes Phänomen ist die Fernwirkung der Gifte und Düngemittel selbst in weit entfernte Naturschutzgebiete.“
Zu den weiteren Ursachen des Rückgangs zählen laut BUND Biotopverluste bei Pflanzen aufgrund erhöhten Stickstoffgehalts im Boden sowie die Giftorgien in Privatgärten, der Klimawandel und der zunehmend beschleunigte Verkehr.

von Rainer Schubert

Mehr dazu:

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3 Kommentare

  1. Diese „Studie“ wurde gar zwei mal mit der Unstatistik des Monats ausgezeichnet.

    http://www.rwi-essen.de/unstatistik/70/
    http://www.rwi-essen.de/unstatistik/72/

    Ungeachtet des tatsächlichen Rückgangs an Insekten sollte man solche „Untergangsmeldungen“ eher nicht missbrauchen.
    Es ist erfreulich, wenn in den Gärten den Insekten wieder mehr geboten wird, die Ursache Klimawandel und Lichtverschmutzung wird man damit nicht beheben.
    Gerade bei der Lichtverschmutzung nimmt durch die Umstellung auf LED ein gravierendes Problem zu.

  2. @Mark Gork: Ich zitiere mal die von ihnen verlinkte Statistik-Prüfung: „Es gibt jedoch gute Hinweise, dass bestimmte Insektenarten – […] – durch die Überdüngung, Pestizide und Monokulturen deutlich reduziert worden sind.“
    Und ja, auch die zweite, größere Untersuchung ist nicht so gründlich und systematisch, wie sich das die statistikorientierten Menschen wünschen.
    Betrachten wir die beiden Ergebnisse doch einfach als explorative Studien, die einen Anfagsverdacht liefern, der nun mit einer fetten, dicken, mehrjährigen, möglichst internationalen Studie weiter geprüft werden müsste. Denn qualitative und anekdotische Beobachtungen sind ja nicht per se falsch, nur ist die Aussage eine andere als bei quantitativen (double blind, randomized…) Untersuchungen.
    Herr Bundeslandwirtschaftsminister, Frau Bundesumweltministerin, bitte übernehmen Sie (möglichst schnell und ohne viel Streit)!
    Die Frage der Essener Statistik-prüfung, die da lautet „“Es ist aber auch ein Anlass darüber nachzudenken, warum man immer wieder versucht, uns mit möglichst erschreckenden Zahlen Panik zu machen.“ reiche ich umgehend and die Abteilungen Psychologie (Schwerpunkt Wahrnehmungsmuster von Menschen) und Medienwissenschaft (Forschungsgruppe: negativ orientierte Nachrichtenauswahl) weiter… aber es kann natürlich auch irgendwer einen Kommentar zur linksgrünen ökoterror Lügenpresse abgeben.
    Ich halte ja auch niemand davon ab, an den Osterhasen zu glauben.

  3. Einen Mann aus Trier erreichte vor wenigen Tagen eine unangenehme Forderung in der empfindlichen Höhe von 820 Euro: Er hatte bei einem Besuch in der Lüneburger Heide im August des vergangenen Jahres eine der drei letzten ortsansässigen Bienen totgetreten und war daraufhin in polizeilichen Gewahrsam genommen worden. Für die zwei anderen Bienen bedeutet dies einen wesentlichen Einschnitt in ihrem sozialen Leben, ist doch die wöchentliche Skat-Runde in der gewohnten Form nun nicht mehr möglich.