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In Ostdeutschland waren Frauen wie Elke Kruse aus Haar deutlich früher in die Feuerwehren eingebunden als im Westen. (Foto: A/t&w)

Feuerwehrfrau mit Leidenschaft

Haar. Was im Westen Deutschlands eine besondere Spezies gewesen wäre, war im Osten Standard: „Wie haben gearbeitet wie die Männer, haben uns gesellschaftlich engagiert wie die Männer und sind in die Feuerwehr eingetreten wie die Männer“, sagt Elke Kruse lachend und ist damit nun doch etwas ganz Besonderes: Seit 50 Jahren ist die Neuhauserin für den Brandschutz aktiv – und deshalb durfte Lüneburgs Kreisbrandmeister Torsten Hensel jetzt erstmals eine Frau mit der Ehrenmedaille auszeichnen.

Nachwuchssorgen gab es damals nicht

Im Alter von 13 Jahren ist die heutige Löschmeisterin der Feuerwehr Haar beigetreten, aus gutem Grund: „Mit Hermann Sevecke hatten wir damals einen Wehrführer, der einfach alle im Ort angesprochen und verrückt gemacht hat“, erinnert sich Elke Kruse schmunzelnd. Und das hat gefruchtet: „Nachwuchssorgen hatten die Brandschützer damals nicht, die Jugendarbeit hatte wie heute einen großen Stellenwert, und wir Mädchen spielten eine wichtige Rolle.“ Auch im Wettkampf.

„Wir waren alle unglaublich engagiert und ehrgeizig. Den Männern wollten wir schließlich in Nichts nachstehen.“
Elke Kruse, Feuerwehrfrau

Eine reine Frauengruppe schickte die Wehr in den 1970er-Jahren im sportlichen und technischen Vergleich an den Start, neun Mitglieder umfasst das Team: „Wir waren alle unglaublich aktiv, engagiert und ehrgeizig“, erinnert sich die zweifache Großmutter, „den Männern wollten wir schließlich in Nichts nachstehen.“ Auch bei den Einsätzen nicht. Und die hatten besonders im ehemaligen Sperrgebiet so ihre Tücken, wie Elkes Mann Henry, ehemaliger Ortswehrführer, sich erinnert: „Wir waren technisch ja vollkommen anders ausgerüstet als die Kameraden im Westen. Vorne zog der Trecker den Tragkraftspritzen-Anhänger, hinten saßen die Einsatzkräfte auf der Ladefläche. Und wenn wir nach Darchau oder Konau mussten, brauchten wir natürlich einen Passierschein. Spätestens bei der Rückkehr wurde jeder genauestens überprüft.“

Intensiver Kontakt zur Jugendwehr Vastorf

Eine Herausforderung war aber auch die Arbeit an der Basis, wie Elke Kruse erzählt: „Ich war zehn Jahre lang als Jugendwartin tätig, und gerade in den Anfängen viel auf Achse.“ Nicht ohne Grund: Wollte sie ihre Truppe zu außerplanmäßigen Treffen versammeln oder wichtige Mitteilungen verbreiten, war das ein zeitaufwändiges Unterfangen: „Ich musste alle betroffenen Haushalte abfahren, die Kinder mitunter gleich einsammeln. Ein Telefon hatten wir damals nicht.“

Das kam erst 1993 und erleichterte vieles. Auch die Zusammenarbeit mit den Kameraden im Westen. „Wir haben von Anfang an einen ganz intensiven Kontakt zur Jugendwehr in Vastorf aufgebaut und eng kooperiert“, schwärmt Elke Kruse, die auch als Kreisschiedsrichterin tätig war, noch heute. Denn das war wichtig in einer Zeit, „in der sich auch die Feuerwehren vollkommen neu sortieren mussten“. Schon 1994 nahm die Nachwuchsabteilung Haar am Bundeswettkampf teil und belegte einen hervorragenden vierten Platz. „Der Ehrgeiz hatte die Truppe gepackt“, erinnert sich Elke Kruse nicht ohne Stolz, „und immer dabei war auch mein Sohn.“

Enkelkind ist auch schon Fan der Feuerwehr

Der ist mittlerweile in die Fußstapfen seines Vaters getreten und heute Ortsbrandmeister in Haar, leitet dort eine starke Truppe von 23 Männern und Frauen. Viele sind nach der Wende weggezogen, einige kommen heute wieder zurück – doch nicht alle finden den Weg in die Wehr: „Leider sind wir mittlerweile nur noch drei Frauen“, sagt Elke Kruse bedauernd, denn mit denen hat sie „immer besonders viel Spaß“. Letztlich kann sie aber auch der Teamarbeit mit Männern viel abgewinnen: „Der Zusammenhalt untereinander ist nach wie vor prima“, sagt sie, „und das ist das, was zählt.“

Das Amt der Jugendwartin hat Elke Kruse schon 2003 an ihre Nachfolgerin abgegeben, um sich mehr um die Mutter zu kümmern. Langweilig wird es ihr aber dennoch nicht. Wann immer im Ort etwas zu organisieren ist: Sie ist dabei. So hilft sie bei der Ausrichtung des Dorffestes, der Knobelabende und beim Osterfeuer, kümmert sich um das Wendefest und die Festlichkeiten zum Weltfrauentag. Ganz nebenbei betreut sie mitunter noch die beiden Enkelkinder. Der Jüngste ist auch schon Feuer und Flamme für die Feuerwehr: kein Wunder bei der Familie.

Frauen in die Feuerwehr

Der Anteil der Frauen in den Reihen der Freiwilligen Feuerwehren im Land steigt seit Jahren ständig – ist aber immer noch verschwindend gering. Während mehr als die Hälfte der Deutschen Frauen sind, liegt ihr Anteil in Berufs-, Werks- und Freiwilligen Feuerwehren bei gerade mal 8,4 Prozent.

Immerhin nimmt das Interesse gerade bei den Jüngeren zu: Rund 260 000 Jugendliche waren 2016 als Mitglieder bei den Brandschützern registriert, 27 Prozent von ihnen Mädchen. Tendenz weiter steigend.

In Niedersachsen sind insgesamt mehr als 13 500 Frauen bei den Feuerwehren aktiv – noch immer viel zu wenig. Das zumindest ist die Meinung des Landesfeuerwehrverbandes Niedersachsen.
Der Verband bleibt allerdings nicht untätig und wirbt aktiv um weitere weibliche Mitglieder. „Um weiterhin flächendeckend die ,helfenden Hände‘ ausstrecken zu können, brauchen wir verstärkt Frauen in den (Freiwilligen) Feuerwehren“, lautet ein Aufruf des Landesfeuerwehrverbandes im Internet.

Von Ute Lühr