Donnerstag , 15. November 2018
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Agnes Karll gründete am 11. Januar 1903 die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands. (Foto: dbfk)

„Sie hat hart gekämpft“

Embsen. Straßen sind nach ihr benannt, Krankenhäuser, Altenheime und Krankenpflegeschulen. Ein Forschungsinstitut trägt ihren Namen, eine Auszeichung für Verdienste in der Pflege. Zahlreiche Bücher wurden über sie geschrieben. Agnes Karll gilt als Reformerin der deutschen Krankenpflege, machte sich auch international einen Namen. Was nur die wenigsten wissen: Agnes Karll wurde am Sonntag vor genau 150 Jahren, am 25. März 1868, in Embsen geboren – am Mittwoch wurde dort ihr 150. Geburtstag mit einer Feierstunde begangen.

Stefan Koch ist Bürgermeister in Embsen. In der Gemeinde erinnert
auch eine Straße an Agnes Karll. (Foto: pet)

Im Forsthaus Embsen, heute bekannt als Forsthaus Heinsen, gelegen an der Straße nach Heinsen, wurde Agnes Karll geboren. Sie galt als überaus intelligent, fleißig, zielstrebig, aber auch dickköpfig. Schon früh sei ihr der Gedanke an ein Studium der Medizin gekommen, heißt es in einer Karll-Biografie – undenkbar für ein Mädchen vom Dorf in der damaligen Zeit. Mit 14 Jahren, nach ihrer Konfirmation, verließ Agnes Karll Embsen in Richtung Mecklenburg, lernte fleißig weiter, arbeitete als Privatlehrerin und im Haushalt, ehe sie ihre Erfüllung fand: die Krankenpflege. Am 26. August 1887, mit 19 Jahren, trat Agnes Karll eine Ausbildung im Clementinenstift in Hannover an.

Furchtbare Arbeitsbedingungen

Eine „Ausbildung“, die mit der heutigen in nichts zu vergleichen ist: Die angehenden Pflegerinnen wurden einer älteren Krankenschwester zur Unterweisung übergeben, mit der zusammen sie arbeiteten. Lange Arbeitszeiten von bis zu 20 Stunden am Stück, zusätzliche Nachtwachen, keine leistungsgerechte Entlohnung, kein bezahlter Urlaub, kein ausreichender Renten- und Krankenversicherungsschutz, schlechte Ernährung, Ausgangskontrollen, keine geregelte Ausbildung und unzureichende soziale Absicherung – all das war „normal“ für Krankenschwestern in der damaligen Zeit.

Agnes Karll wollte das nicht hinnehmen. „Wer soll uns denn unseren Beruf aufbauen, wenn wir es nicht selbst tun! Wir haben gar kein Recht zu verlangen, dass andere das tun“, ist einer ihrer bekanntesten Aussprüche. Agnes Karll tat es: Am 11. Januar 1903 gründete sie die „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“ (BOKD), aus dem später der „Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe“ hervorvorging – der gehört heute mit rund 20 000 Mitgliedern zu den größen in Deutschland. Agnes Karll wurde erste Vorsitzende der Verbandes, 1909 wurde sie in London zur Präsidentin des „Weltbundes der Pflegeberufe“ (INC) gewählt.

Manche Forderungen erst viel später erfüllt

Bei der Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine im Jahre 1902 forderte Agnes Karll eine dreijährige einheitliche Ausbildung für den Beruf der Krankenschwester, eine staatliche Prüfung und ein staatliches Zeugnis – manche ihrer Forderungen wurden auch erst viel später erfüllt.

Der BOKD unter der Leitung von Agnes Karll erreichte aber auch Beachtliches: So wurden 1906 erstmals in Deutschland staatliche Ausbildungs- und Prüfungsvorschriften verabschiedet, im gleichen Jahr wurde in Dortmund erstmals eine zweijährige geregelte Ausbildung angeboten, die tägliche Arbeitszeit wurde auf höchstens elf Stunden beschränkt, Pflegerinnen wurden für den Fall einer Arbeitsunfähigkeit abgesichert.

Zu den Embsenern, die sich mit dem Leben von Agnes Karll beschäftigt haben, gehört Linda Schulz, Mitglied einer alteingesessenen Familie im Ort. Der ehemalige Bürgermeister Friedhelm Koch war ihr Bruder, der jetzige Bürgermeister Stefan Koch ist ihr Neffe. „Die Älteren hier wissen, dass Agnes Karll in Embsen geboren wurde“, sagt die 77-Jährige.

Eine starke Frau

Ein Buch von Anna Sticker, das sich ausführlich mit Leben und Wirken von Agnes Karll beschäftigt, hat sie fast komplett durchgearbeitet. Dass die heutige Agnes-Karll-Straße bis in die 1970er-Jahre Kolkhagener Weg hieß, weiß sie auch. Wenn sie mit ihrer Walking-Gruppe am Forsthaus Embsen vorbeikommt, stecken sie hin und wieder eine Blume an die Gedenktafel. „Sie hat hart gekämpft, sie war eine starke Frau“, weiß Linda Schulz.

Auch Bürgermeister Stefan Koch hat sich in den letzten Wochen intensiv mit dem Leben der vielleicht berühmtesten Embsenerin beschäftigt. „Als Bürgermeister macht es einen natürlich stolz, dass eine Persönlichkeit wie Agnes Karll in unserem Dorf geboren wurde“, sagt er.

Von Ingo Petersen