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Tierknochen und Scherben waren unter den Funden dabei. (Foto: se)

„Sensationelle Funde“

Scharnebeck. Archäologe Arne Homann und Heimatforscher Christian Krohn lagen richtig mit ihrer Einschätzung: Die Funde, die sie im Artlenburger Neubaugebiet „Storchenwiese“ zutage gefördert hatten, datieren tatsächlich aus dem 11./ 12. Jahrhundert. Eine ereignisreiche Zeitspanne für den Handelsort an der Elbe, denn Heinrich der Löwe hielt hier, in der Ertheneburg, mehrere Landtage ab, erließ hier im Jahre 1161 das sogenannte Artlenburger Privileg, das als Geburtsstunde der Hanse gilt. Der Ort war also angesagt.

Eine Holzkohleuntersuchung durch das Leibniz-Labor der Universität Kiel bestätigt Homanns und Krohns These: Die Probe datiert aus dem Zeitraum zwischen 1025 und 1157 – zu 95 Prozent. Das reicht, um weiterzuspinnen. Zahlreiche Keramiken mit typisch slawischen Verzierungen, Knochen und Steinen, Emailscheiben mit bemerkenswerten Motiven und bunten Farben, Metallfunde wie eine Schere oder ein Klappmesser und ein halber Silberdenar vom Billunger Herzog Bernhard I. (973-1011) wurden in der Abfallgrube gefunden, aber auch „deutsche“ Ware wie beispielsweise Reste eines sächsischen Kugeltopfes.

Es gab eine weitere Siedlung

400 Meter südöstlich der ehemaligen Ertheneburg haben Homann, Krohn und ihre Mitstreiter diese zum Teil „sensationellen Funde“ entdeckt, wie Heimatforscher Krohn jetzt bei seinem Vortrag in der Domäne ausführte. Das bedeutet: Neben der Burg und der umliegenden Siedlung gab es eine weitere Siedlung. „Für Händler war der Weg über Straßen gefährlich, deshalb nahmen sie oft den Weg über das Wasser“, erläuterte Krohn. In Höhe Artlenburg bogen sie dann quasi ab, in die Erthene, die von Süden kommend um die Burg in die Elbe mündete.

Bereits im Sommer war der Ausgrabungstrupp auf einen alten Wasserlauf gestoßen, jetzt ist Krohn sich so gut wie sicher, dass es sich dabei um die Erthene – Artlenburgs Namensgeberin – handelt. „Ungefähr um 1255 wurde der Deich errichtet, die Erthene war für den Deichbau somit eher gefährlich, sodass sie in die Neetze umgeleitet wurde“, führte Krohn aus. Bis dahin war der Fluss für die ursprünglich slawischen Siedler ein wichtiger Lebensquell gewesen.

Seit jeher von wichtiger, strategischer Bedeutung

Für die heutige Forschung bedeuten diese neuen Erkenntnisse auch, dass vor allem südlich der Elbe, also in Artlenburg, bereits vor geraumer Zeit eine florierende Infrastruktur bestand. Und dass die Ertheneburg einst in Artlenburg und nicht auf dem gegenüberliegenden Geestufer stand, wie es viele Schleswig-Holsteiner noch immer glauben wollen. 1181 ließ Heinrich der Löwe die Burg im Brast auf seinen Cousin, Kaiser Friedrich Barbarossa, niederbrennen. 1208 wurde an wahrscheinlich gleicher Stelle die „novam Erteneburc“, die neue Burg, aufgebaut.

Je länger Krohn und Co. graben, desto mehr Indizien finden sie, die diese These unterstützen: Die Ertheneburg stand schon immer in Artlenburg. Deshalb sollen die Grabungen auch weitergehen, mit Unterstützung der Samtgemeinde.

Wer weiß – vielleicht schlummert noch andere Überraschung in einem unterirdischen Grubenhaus? Vielleicht findet sich in einer historischen Abfallgrube sogar ein römisches „Souvenir“? Denn eines ist klar: Artlenburg hatte seit jeher eine strategisch wichtige Bedeutung. Hier hatte sich in der einst wild tobenden Elbe eine natürliche Furt aufgestaut, sodass der Fluss unter bestimmten Bedingungen überquert werden konnte. Aber mitunter musste man tagelang auf eben diese günstigen Bedingungen warten.

Von Silke Elsermann