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Verbündete im Einsatz für die Biene: Claudia Kutzick, Vorsitzende des Kreisimkervereins Lüneburg, und Thomas Mitschke, Vorsitzender der Lüneburger Kreisgruppe des „Nabu“. Foto: ape

„Grüne Wüsten“ und „Gärten des Grauens“

Adendorf. Ist das die Biene der Zukunft? Ein aus Rädchen, Schrauben und Greifzangen zusammengeflicktes Ungetüm flimmert im Licht des Projektors an der Wand. Die überdimensional große Roboter-Biene aus den USA kann, so erklärt Thomas Mitschke, Pollen aus Blüten entnehmen und in andere Blüten übertragen – genauso wie echte Bienen und andere Insekten. Als ein schlechtes Omen fliegt sie am vergangenen Sonnabend durch die Frühjahrsversammlung des Kreisimkervereins Lüneburg im Hotel Restaurant Teichaue in Adendorf.

„Wir befinden uns mitten in einer ökologischen Katastrophe“, sagt Mitschke. Und dann noch einmal deutlicher: „Unser Ökosystem steht wirklich kurz vor dem Aus.“ Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Nabu-Kreisvorsitzende mit dem Problem des Insektensterbens. „Wir fahren die Natur an die Wand“, wird er nicht müde zu warnen.

7802 Insektenarten stünden auf der roten Liste, berichtet Mitschke, davon 42,5 Prozent mit negativer Bestandsentwicklung. 358 Arten seien bereits ausgestorben oder verschollen und 3696 Arten selten bis extrem selten. Die Schuld nur bei den Landwirten zu suchen, ist in seinen Augen zu kurz gegriffen. Er wettert vor allem gegen die Politik: „Gibt es Dringlichkeitssitzungen in der Politik auf Bundes-, Landes- und Lokalebene? Fehlanzeige. Wird eine detaillierte Analyse und Ursachenforschung vorgenommen? Fehlanzeige.“

Schritte im Kampf für biologische Vielfalt

Zwei Plätze links von Mitschke sitzt Lüneburgs Landrat Manfred Nahrstedt und verfolgt den Vortrag. Wenige Minuten zuvor hatte er das Projekt „Die Region Lüneburg summt“ vorgestellt, Honigverpackungen mit einer fröhlich lächelnden Maskottchen-Biene durch die Reihen der Imker gereicht und dazu passende Etiketten beworben. Um Aufmerksamkeit für die Biene, die Natur und Abhängigkeit der Menschen von einem funktionierenden Ökosystem zu schaffen, beteiligt sich der Landkreis an der Initiative „Deutschland summt!“ (LZ berichtete). Die Werbemittel sind ein erster Schritt im Kampf für die biologische Vielfalt. Fragt man Mitschke, sei das aber bloß ein Tropfen auf den heißen Stein. Er rät den Imkern zu mehr politischem Druck. „Wir brauchen wirklich Demos, wo die weiß gekleideten Imker auf der Straße laufen.“

Nach 40 Minuten Vortrag meldet sich Nahrstedt wieder zu Wort: Zu viel „Zwang“ sei ihm darin vorgekommen. Er setze lieber auf Überzeugung und Freiwilligkeit. Mitschke aber kontert: „Das versuchen wir seit Jahrzehnten. Ist nicht gelungen.“ Jetzt brauche es dringend einen radikalen Kurswechsel, denn: „Alle führenden Forscher – Schmetterlingsforscher, Bienenforscher und so weiter – sagen: Wir haben nur noch zwischen fünf und acht Jahre Zeit.“

Was also tun? Laut Mitschke liegt eine der Hauptaufgaben in der Vernetzung von noch funktionierenden Biotopen. Von 690 Biotoparten in Deutschland seien aktuell 72,5 Prozent gefährdet. Straßenbau, Industrie- und Siedlungserweiterungen führten zu Lebensraumverlusten, Nistplätze und Nahrungsangebot der Insekten fielen dem zunehmenden „Nutzungsdruck“ für Flächen zum Opfer. Da zeigten sich auch die Umweltverbände zum Teil überfordert: lückenhafte Informationspolitik, zu wenig Aktive, mangelnder politischer Druck.

Schließlich lenkt der Umweltschützer den Blick doch noch auf die Landwirtschaft: „Wenn wir die Insekten retten, die Artenvielfalt bewahren wollen, müsste auch die Landwirtschaft für ihre massiven Eingriffe in Natur und Landschaft ab sofort Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen leisten.“ Fahre man in den Sommermonaten durch den Landkreis Lüneburg, dann sehe man vor allem eines: „grüne Wüsten – für die Bienen ohne ausreichend Nahrung“. Doch: „Wir brauchen bunt!“ Mitschke zeigt die Realität in Bildern von kahlen Wiesen und kommentiert: „Wir haben ein völlig falsches Verständnis von Ordnung und Sauberkeit.“ Die Pflege öffentlicher Grünanlagen sei oft nicht nach Naturschutzkriterien ausgerichtet, so der Experte.

Falsches Verständnis von Ordnung und Sauberkeit

Der Rasenmäher zerstöre wichtige Nahrungsquellen, „weil schön ist, was sauber ist. So ist es in allen großen Grünanlagen in Lüneburg.“ Häufig aber gelte diese Philosophie auch auf privaten Grundstücken. Vor allem in den neuen Einfamilienhaussiedlungen, beobachtet Mitschke, stoße man fast nur noch auf „Gärten des Grauens“: grüne Flächen ohne Blumen und Sträucher. „Wir haben alle Möglichkeiten, die Bienen zu retten“, sagt er und meint echte Insekten – frei von Schrauben und Rädchen –, die im Sommer über den Feldern und Beeten summen.

Von Anna Petersen

3 Kommentare

  1. Zitat:
    „Alle führenden Forscher – Schmetterlingsforscher, Bienenforscher und so weiter – sagen: Wir haben nur noch zwischen fünf und acht Jahre Zeit.“

    Als in Deutschland noch Schaum auf dem Rhein schwamm, da hatten wir das „Waldsterben“, in 5 Jahren gibt es keine Bäume mehr. „Führende“ Forscher bestätigten damals diese These, heute weiß man, es hat kein Waldsterben stattgefunden. Also müssen neue Untergangsszenarien aufgestellt werden.

    Keine Frage, auf Insekten sollte geachtet werden und die Ursachenforschung überhaupt mal anlaufen, was keinesfalls passieren sollte sind unsachliche Hysteriemeldungen und wilder Aktionismus.
    Vielleicht sollte man auch mal die Entwicklung der Naturschutzgebiete hinterfragen, dort sind ja die höchsten Rückgänge vermeldet worden.

    • Das Waldsterben ist nicht von alleine reduziert worden, sondern durch als Reaktion auf das Waldsterben in den 80er gesetzlich eingeführte Abgasfilter insbesondere für die Industrie. Anders gesagt, schwefelsäurehaltiger Regen konnte durch Ausfiltrieren von Schwefeldioxid aus Abgasen, also noch bevor es mit Regenwasser zu Schwefelsäure reagieren konnte, vermindert werden. Alles vorgeschrieben durch damals neue Gesetze, die Industrie hatte ihren Arsch von alleine nie hochbekommen.

    • Wolfram Eckloff

      „Vielleicht sollte man auch mal die Entwicklung der Naturschutzgebiete hinterfragen, dort sind ja die höchsten Rückgänge vermeldet worden.“ – Vielleicht hilft hier ein Blick auf die vorhandenen Untersuchungen in 63 Naturschutzgebieten im mittleren Deutschland durch den Entomologenverein Krefeld. Die Daten sind harte Fakten und von der Uni Niimwegen ausgewertet worden und ergaben den zitierten durchschnittlichen Verlust an Fuginsekten von 76% seit 1989, wobei in einigen Fällen sogar Verluste bis zu 92% gemessen wurden. – Doch nun zur Deutung: Die Verluste gehen mit Sicherheit nicht auf „Entwicklungen der Naturschutzgebiete“ zurück, wie Mark Gork unterstellt, sondern auf den ständigen Aderlass, den diese Gebiete in ihre landwirtschaftliche Umgebung abgeben, denn dort gibt es schon keine Insekten mehr und von dort kehrt auch kein Insekt mehr zurück, wenn es dort verhungert oder totgespritzt ist.