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In den letzten Tagen des Filmstudios lässt Walfried Malleskat vom Verein Freundeskreis Filmmuseum Bendestorf die Erinnerungen an glanzvolle Zeiten noch einmal wach werden. Foto: phs

Ende in Bendestorf – „Es war Hollywood“

Bendestorf. Es ist kurz vor zwölf, als die alte Werksuhr des Filmstudios Bendestorf den Geist aufgibt. Eigentlich müsste sie längst eine Minute nach anzeigen, s tellt Walfried Malleskat fest und ringt sich zu einem halbherzigen Lächeln durch, denn hinter ihm rollt ein Bagger quer durch das einstige „Hollywood der Heide“. Es scheppert, Glas zerspringt. Die Traumfabrik wird in diesen Tagen zu großen Teilen abgerissen. Ein neues Zeitalter beginnt in Bendestorf: die Zeit danach.

Die Zeit nach der mehr als 15 Jahre lang schwelenden Diskussion darüber, was denn bloß nach Ende der Filmära in Bendestorf auf dem mehr als 14.000 Quadratmeter großen Areal entstehen könnte. Die Zeit nach dem Schwärmen für Hildegard Knef und Marika Rökk, die hier noch Anfang der 1950er-Jahre auf hohen Schuhen über das Kopfsteinpflaster stolzierten. Eine Zeit, die mit einem Abschied beginnt: Während die Wände in sich zusammenfallen, erleben die Erinnerungen an glanzvolle Jahre eine Renaissance. Noch einmal geht in den Köpfen der Vorhang auf – bis er sich für immer schließt.

Beim Abbruch sei Asbest freigesetzt worden

Doch noch immer rumort es in dem kleinen Örtchen im Landkreis Harburg: Am Sonnabend erhielt Bürgermeister Bernd Beiersdorf per E-Mail den Hinweis eines Bürgers, beim Abbruch sei Asbest freigesetzt und belasteter Bauschutt nicht ordnungsgemäß entsorgt worden. Und mehr noch: Die Arbeiter hätten dabei keine Schutzbekleidung getragen. „Ich habe veranlasst, dass die Info sofort an die zuständigen Gremien – sprich an die Samtgemeinde – weitergeleitet wurde.“ Inzwischen seien auch das Gewerbeaufsichtsamt und der Landkreis Harburg benachrichtigt – zwecks Prüfung.

Projektentwickler Friedrich-W. Lohmann bestätigt, dass der Stoff in den kleineren Seitendächern zu finden sei. Das habe man aber von Anfang an gewusst. Die Zuständigen vor Ort hätten – mit entsprechender Schutzkleidung – das Material ordnungsgemäß entsorgt. Ein Schuppen- sowie ein weiteres Seitendach, sagte er gegenüber der LZ, seien noch betroffen. Zum Stillstand komme es deshalb bei den Arbeiten aber nicht. Auch das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg und der Landkreis Harburg sehen nach einer Vor-Ort-Kontrolle keinen Anlass, die Abrissarbeiten zu stoppen. Man habe sich allerdings geeinigt, „dass sich der Landkreis als Abfallbehörde vom Bauunternehmen Entsorgungsnachweise vorlegen lässt, damit die ordnungsgemäße Entsorgung des Bauschutts und weiterer Abfälle insgesamt lückenlos nachvollzogen werden kann“, erklärt Christina Freifrau von Mirbach vom Gewerbeaufsichtsamt.

Zu Spitzenzeiten arbeiten 200 Mitarbeiter am Set

„Mit fünf habe ich hier beschlossen, Kameramann zu werden.“ Fred Fechtner, inzwischen 64 Jahre älter, schiebt am vergangenen Freitag sein Kamerastativ über die steinige Auffahrt zur Halle A1. Seit Tagen tut er das schon. Er will den Ort, wo alles angefangen hat, auch in seinen letzten Stunden festhalten, blickt durch offene Türen und zerschlagene Fenster, wo ein voller Aschenbecher und Küchengerätschaften an Zeiten erinnern, als die Kantine mittags noch voll war.

Bis zu 200 Mitarbeiter haben hier zu Spitzenzeiten am Set gewirkt. Als in Bendestorf 1950 der Skandalfilm „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef gedreht wurde, seien sie allesamt für die kurze Nacktszene vor die Tür geschickt worden, erfuhr Fechtner von seinem Onkel, dem Requisiteur. Einige seien damals die Feuerleiter hochgeklettert, um durch die Oberlichter hineinzuschauen. „Das war ja eine ganz böse Zeit nach dieser Nacktszene. Die haben damals hier Drohungen gekriegt. Kinobesitzer wurden gebeten, den Film nicht zu zeigen. Da war was los.“

Studiotechnik, Produzentenkino und Filmplakate

Immer mitten drin: Rolf Meyer. Den Erzählungen nach soll der Gründer des Filmstudios noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges einzig mit zwei Palmin-Kartons voller Habseligkeiten aus Berlin in das Heideörtchen gekommen sein. Von den britischen Besatzern zum kommissarischen Bürgermeister ernannt, kam er zunächst im „Gasthaus zum Schlangenbaum“ unter, das er, der eigentlich Drehbuchautor war, in seiner Liebe zum Spielfilm kurze Zeit später zur Geschäftsstelle seiner neu gegründeten Jungen Film-Union erklärte. Dort entstanden die Aufnahmen zu „Menschen in Gottes Hand“ – unter teilweise widrigen Umständen: Gefilmt wurde oft nachts, da tagsüber die Belastung des Strom-Versorgungsnetzes zu groß gewesen wäre. Der Tanzsaal diente als Drehort.

Von der Berg- und Talfahrt, die dann folgte, kann heute kaum einer besser erzählen, als Walfried Malleskat. Mit dem Verein Freundeskreis Filmmuseum Bendestorf stellt er im ehemaligen Multifunktionstrakt der Anlage einige Heiligtümer der Traumfabrik aus: Studiotechnik, Produzentenkino und Filmplakate erinnern an jene Zeit, in der es die Größen des Showgeschäfts nach Bendestorf zog.

Halle A1 muss weichen für 30 neue Wohnungen

Meyers Freund, der Filmstar Gustav Fröhlich, wagte sich als Zugpferd in die Provinz. „In Spitzenzeiten sind drei Großproduktionen parallel hier gelaufen“, weiß Malleskat. Die Leute seien am Wochenende in Scharen gekommen. „Die haben sich die Nasen platt gedrückt.“ Beinahe so schnell, wie der Erfolg kam, verging er auch wieder: Halsbrecherische Verträge und die Konkurrenz aus Hollywood brachten Meyer in wirtschaftliche Schieflage. Es folgte ein schwerer Verkehrsunfall und im November 1952 schließlich der Konkurs. Heute erinnert unweit des Studiogeländes noch der „Rolf-Meyer-Weg“ an diese Karriere: eine von prunkvollen Bauten umsäumte Straße. Eine Sackgasse.

Der Museumsverein hätte gerne die Halle A1, die „Keimzelle“ der Filmproduktion, wie Malleskat sie nennt, als Veranstaltungsort erhalten. Doch nun soll auch sie 30 neuen Wohnungen weichen. Die Anlage wird, nach derzeitigen Plänen, seitlich flankiert von einem L-förmigen Gebäudekomplex, der als Filmmuseum und Garage stehen bleibt. Das Bauleitplanungsverfahren entpuppte sich als zäh und langjährig: Anwohner befürchteten Schäden an ihren Häusern, es gab Einwände, Pläne mussten mehrfach überarbeitet werden. In einigen Wochen nun, so hofft Friedrich-W. Lohmann, wird die Geisterstadt des Filmgeschäfts Geschichte sein.

Styroporschnee wirbelte durch die Hallen

Mit den Jahren hat auf dem Gelände die Natur die Regie übernommen: „Das ist ja alles Schrott da“, sagt die Bendestorferin Petra Schmidt. Die 68-Jährige ist des Öfteren als Komparse bei den Produktionen dabei gewesen – auch später noch, als Horst Fink von Fink-Film die Hallen übernahm. Sie hat Styroporschnee durch die Hallen wirbeln sehen, 1960 im Heimatstreifen „Wenn die Heide blüht“ beim Großvater auf dem Schoß gesessen. Und doch: von Sentimentalität keine Spur. Es sei an der Zeit, sagt sie, „dass es da endlich mal weitergeht.“

Ein paar hundert Meter entfernt, im Landhaus Meinsbur, sitzt Monika Götz. Sie kann von hier aus die großen Maschinen nicht sehen, die sich an den Hallen zu schaffen machen, das Klirren und Scheppern der letzten Stunden nicht hören – und will es auch nicht. , beginnt sie, denkt kurz nach und korrigiert: „Na, Studiofeeling.“ In jenem Haus, wo einst die Stars zu Abend aßen und ihre Schlafgemächer aufsuchten, sitzt die 80-Jährige nun und nippt mit ernster Miene am Kaffee. „Wenn man das Studiogelände betrat, war man in einer anderen Welt.“ Schon als Kind begleitete sie ihren Vater zur Arbeit ans Set, begann dort später selbst eine Ausbildung. Oft soll die legendäre Marika Rökk zu Fuß vom Hotel zum Filmgelände gelaufen sein. Man grüßte, man hoffte: „Sie war, je nach Laune, schon auch bereit zum Smalltalk.“ Damals zog es Neugierige nach Bendestorf, weiß Monika Götz. „Jetzt ist es tot.“

Heu und Stroh aus dem Film-Pferdestall von „Das Mädchen Marion“

Nicht so die Erinnerungen. Es sind die Tage, an denen Fred Fechtner das Heu und Stroh aus dem Film-Pferdestall von „Das Mädchen Marion“ wieder rascheln hört, Monika Götz versonnen lächelt, wenn sie daran denkt, wie sich Mistwagen und Diven eine Straße teilten, und der Styroporschnee noch einmal durch Petra Schmidts Erinnerungen weht. Der Schnee von gestern.

Von Anna Petersen