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Klangbehandlung im Selbstversuch: Bettina Steingräber nutzt Klangschalen und Windspiele, während Anke Dankers auf der Liege zur Ruhe gekommen ist. Foto: t&w

Wenn die Ohren Urlaub machen

Scharnebeck. Ein Gong ertönt. Ich höre ihn. Ich merke, wie er sich einen Weg bahnen will, tiefer in mein Bewusstsein. Doch er wird jäh von einem Gedanken gestoppt. Was wollte ich morgen noch gleich einkaufen?

Ich liege auf einer sogenannten Klangliege. Meine Augen sind geschlossen, ich bin wohlig warm zugedeckt, während Bettina Steingräber an der Klangschale einen Ton nach dem anderen erklingen lässt. Es ist bald ein Jahr her, dass die gelernte Sozialpädagogin in Scharnebeck ihren „Klangraum“ eröffnete. Ein Raum für alle, die Musik machen, hören und erleben wollen. Schon oft bin ich hier vorbei gegangen, schon oft blieb ich stehen, schon oft fürchtete ich mich vor zu viel Esoterik, schon oft ging ich weiter. Und jetzt bin ich doch hier, um sie auszuprobieren, die Klangbehandlung, wie Steingräber sie nennt.

Der Klang könne Blockaden lösen, erklärte sie, er könne dabei helfen, wieder in Balance zu kommen, er könne heilsam sein. Ein weiterer Gong folgt, während ich versuche, meine Gedanken auszuschalten und mir weniger albern vorzukommen. Normalerweise lasse ich lieber Punkrock in mein Ohr, können die Rhythmen kaum schnell, die Töne kaum laut genug sein. Vielleicht bin ich falsch hier, denke ich noch, als es still wird. Ich höre, wie sich langsam eine Welle aufbaut, wie es in meinem Bauch beginnt zu kribbeln. Plötzlich werde ich hin und her getrieben, an irgendeinem südpazifischen Strand, während Bettina Steingräber die Meerestrommel nochmals schwingt.

Zum Ton fand Steingräber schon in Kindertagen: „Ich mache Musik seit ich denken kann“, sagt sie und erzählt vom Klarinetten- und Klavierspiel, vom Tanzen und Singen. Ob im Musikgarten für Eltern mit Kleinkindern oder im Gesang mit anderen – Klang und seine Wirkung fasziniert die 47-Jährige seit je her. „Durch das Singen habe ich schließlich eine Möglichkeit kennengelernt, zu entspannen. Ich habe begonnen, Klang nicht mehr nur als Technik, sondern den Körper als Resonanzraum wahrzunehmen. Es war eigentlich eine Selbsterforschung.“

Eine Liege, die es schwingen lässt

Sie lernte das Musizieren mit Klangschalen und Monochorden (über einen Resonanzkörper gespannte Saiten) kennen und lieben. „Durch Zufall habe ich dann im Internet eine Klangliege gefunden“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Die spezielle Liege soll die Wahrnehmung der Schwingungen verstärken und sie direkt mit dem Körper interagieren lassen. Wenig später probierte Steingräber in der Arztpraxis ihres Mannes erstmals Klangbehandlungen aus und machte eine musiktherapeutische Weiterbildung zur musikalischen Prozessbegleitung. Mit ihrem eigenen Klangraum erfüllte sie sich 2017 einen langgehegten Traum.

Mit jedem Klang des Monochords vibriert mein Körper auf der hölzernen Liege. Während Bettina Steingräber zu den Klängen singt, entstehen Bilder in meinem Kopf: Mal eine Sandsteinhöhle, mal eine grüne Wiese voller Marienkäfer. Dann, ganz unerwartet, holen mich einzelne Gedanken zurück in die Gegenwart: Wie beginne ich den Artikel? Hat gerade mein Handy geklingelt? Wie weit war ich denn nun mit der Einkaufsliste?

Gedanken wie diese seien ganz normal und durchaus erlaubt, sagt Bettina Steingräber. Denn auch zur Ruhe kommen, will gelernt sein. Wie sich angesammelter Stress auf den Körper auswirken kann, erfuhr die Musikpädagogin am eigenen Leib. Vor zwei Jahren erlitt sie eine Gesichtslähmung, vier Hirnnerven fielen aus – vermutlich eine Folge von jahrelanger Überbelastung.

Musik soll Ruhe schenken

„Ruhe, Klang und Gesang haben mir bei der Genesung sehr geholfen. Ich bin mein eigenes Beispiel für die Wirkung von Klangschwingungen“, sagt sie heute. Es sei ihr wichtig, den Leuten durch Musik eine Möglichkeit zu geben, zur Ruhe zu kommen. Dafür brauche es weder musikalische Expertise, noch einen bestimmten Musikgeschmack. „Man sollte nur die Bereitschaft mitbringen, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. In dieser Auszeit merkt man oft erst richtig, wie es einem wirklich geht“, erklärt sie.
Sich selbst als musikalisches und klingendes Resonsanzwesen wahrzunehmen, ohne Leistungsdruck und Sorge, ohne richtig und falsch, das hat Bettina Steingräber sich zur Aufgabe gemacht. Längst bietet sie neben Klangbehandlungen auch Klangreisen, freies Singen und Musizieren, musikalische Prozessbegleitung und einen Musikgarten für Eltern und Kinder an. „Musik ist für mich Leben. Man kann es in Prozessen denken oder den Augenblick angucken. Jeder Ton den du hörst, ist im nächsten Moment weg, genau wie jeder erlebte Moment im Leben. Du wirst ihn nie wieder hören, aber es folgt, aus der Stille, ein neuer.“

Die Klangbehandlung ist vorbei. Mir ist schummerig, ich gehe wie auf Wolken. Das Sprechen fällt mir schwer, zu denken auch. Ich muss mich sammeln und feststellen: Ich habe ihn tatsächlich erlebt, diesen ungewohnten Moment völliger Entspannung. Ich will ihn festhalten, doch lange wird mir das nicht gelingen. Zu schnell wird mich der Alltag wieder einholen, denn zur Ruhe kommen will gelernt sein. Wie ich es üben kann, weiß ich jetzt.

von Anke Dankers