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Nirgendwo hat Hildegard Schweinsberg mehr Zeit in ihrem Leben verbracht als hinter dem Tresen ihrer Gaststätte „Zur Börse“ mitten in Neuhaus. (Foto: phs)

Mit Rollator am Zapfhahn

Neuhaus. Es ist Montagnachmittag und in der „Börse“ zapft Hildegard Schweinsberg ihr erstes Bier nach der Mittagspause. Punkt vier hat die 8 7 Jahre alte Wirtin ihr Gasthaus aufgeschlossen, kurz vor halb fünf kam Rüdiger, einer ihrer Stammgäste, zum Biertrinken. Er sitzt im Nebenraum und raucht, während sie mit ihrem Rollator hinterm Zapfhahn steht und darauf wartet, dass sich das Bier setzt. Noch ist es so ruhig im Gasthaus, dass man das Ticken der alten Wanduhr hören kann. Nur Hildegard Schweinsberg hat irgendwann aufgehört, hinzuhören.

Seit mehr als 70 Jahren steht sie hinter dem alten Holztresen der Gaststätte, sechs Tage in der Woche, zehn, manchmal zwölf Stunden am Tag. Am Zapfhahn der „Börse“ hat sie den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg erlebt, die DDR, die Wende und das wiedervereinte Deutschland. So lange ist sie schon da, dass der Name ihres Gasthauses zu ihrem eigenen geworden ist – „Oma Börse“ wird sie im Ort nur genannt.

Oma Börse ist klein, 1,58 Meter offiziell, das graue Haar trägt sie kurz und über den lilafarbenen Rollkragenpullover hat sie einen weißen Kittel gezogen. Verlässt sie ihren Platz hinterm Tresen, dann mit Rollator, „ohne geht’s nicht mehr“, sagt sie. Auch kochen kann sie für ihre Gäste nicht mehr, „nur noch ‚ne Bockwurst warm machen“. Hildegard Schweinsberg weiß, es wird nicht mehr lange gut gehen mit ihr und ihrem Gasthaus. „Doch abgeben ist nicht einfach“, sagt sie. Schon gar nicht, wenn keiner da ist, an den sie abgeben könnte.

Ein Gasthof, in dem die Zeit einfach stehen geblieben ist

„Zur Börse“, das ist einer dieser Gasthöfe, in dem die Zeit einfach stehen geblieben ist. Mitten in Neuhaus steht das Backsteinhaus direkt gegenüber der Kirche, ein weißer Zaun davor, ein Baum rechts und einer links vom Eingang. Wer hinein geht, mit der Hand die schwere Doppel-Schwingtür aufstößt und den großen Flur hinter sich lässt, landet in einer Gaststube, die sich seit mehr als 100 Jahren kaum verändert hat. Ein Tresen, vier abgenutzte hölzerne Hocker davor, handgedrechselte Tische und uralte Stühle, vor den Fenstern Spitzengardinen. Jedem, der fragt, erzählt Oma Börse, „dass das hier schon so aussah, als meine Eltern den Laden noch geführt haben“. Mehr als 180 Jahre, seit 1836, ist der Gasthof Zur Börse in Familienbesitz.

Dass die Tradition mit ihr enden wird, an den Gedanken hat sich Hildegard Schweinsberg inzwischen gewöhnt. Die einzige Tochter, die weitermachen wollte, ist vor fünf Jahren gestorben. Und eine der Enkelinnen arbeitet zwar beim Bäcker im Ort, „doch den Gasthof zu übernehmen, das macht ihr Angst“. Vor ein paar Jahren hat die Wirtin deshalb angefangen, nach Nachfolgern zu suchen. „Aber wer will das schon?“, sagt sie, „So eine alte Gaststätte mitten im Nirgendwo?“

Gaststätten sterben. Bundesweit. Seit Jahren. Allein Niedersachsen hat zwischen 2006 und 2015 mehr als ein Drittel ihrer Schankwirtschaften verloren. Und auch im Landkreis Lüneburg hat der Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Martin Zackariat, in den 16 Jahren seiner Amtszeit deutlich mehr Gasthöfe schließen, als eröffnen sehen. „Einen Nachfolger für eine klassische Gaststätte auf dem Land zu finden, ist so gut wie unmöglich“, sagt er. „Da bleibt oft nur noch der Abriss.“

Gründe für das Verschwinden der klassischen Dorfkrüge gibt es viele. Verändertes Gästeverhalten, steigender Kostendruck, zunehmende Bürokratie, Personalmangel, demografischer Wandel, das sind die Ursachen, die der Dehoga anführt. Der Verband hat lange versucht gegenzusteuern, die Menschen mit Imagekampagnen wieder in die Gaststätten zu locken. Vergeblich. Zackariat hat irgendwann resigniert. „Den klassischen Dorfkrug wird es in Zukunft nicht mehr geben“, sagt er.

In der „Börse“ hat Rüdiger das zweite Bier bestellt, außer ihm sitzen inzwischen noch zwei Rostocker im Raucherraum. Sie sind auf Montage im Ort und waren auf der Suche nach einer Kneipe „zum gemütlichen Biertrinken“. Auf der Straße riet ihnen einer, „geht mal zu Oma Börse“, und nun sitzen sie schon den zweiten Tag da, auf diesen uralten Sitzbänken, rauchen, und bestellen ein Bier nach dem anderen. „Schöner könnt‘s doch kaum sein“, sagen sie.

Sätze wie diese hat Hildegard Schweinsberg schon oft gehört. „Vor allem nach der Wende“, sagt sie. Und vor allem von Wessis. Doch Komplimente verteilen ist das eine, den Dorfkrug am Leben erhalten das andere. Die Gäste, die noch kommen, sind die, die schon immer gekommen sind: die Männer vom Fußballverein, die Frauen vom Kindergarten, die Alten, die noch leben. Das reicht für die Wirtin, um weiterzumachen. Rechnen tut es sich für sie schon lange nicht mehr.

Am Besten lief der Laden zu DDR-Zeiten. Damals stand Hildegard Schweinsberg noch mit ihrem Mann in der Gaststube, verkaufte als Kommissionärin der Staatlichen Handelsorganisation festgelegte Ware zu festgelegten Preisen. „Der Bierhahn lief, ein Glas für 49 Pfennig“, daran erinnert sie sich noch genau. Sie bekam Provision. „Das war nicht viel, aber es reichte.“

Von der Kommissionärin zur Unternehmerin

Nach der Wende wurde aus der Kommissionärin, Hildegard Schweinsberg, die Unternehmerin. Sie bestimmte nun selbst über Sortiment und Preise, investierte mit Fördermitteln aus dem Aufbau Ost in ein neues Dach und eine neue Hausfront. Ansonsten ließ sie in der „Börse“ alles wie gewohnt. Dass die Gäste weniger wurden, nahm sie hin. Hauptsache, es ging weiter.

Neun Jahre nach der Wende starb ihr Mann, und sie schmiss den Laden von da an mit ihrer Tochter. Inzwischen ist auch die tot, und wenn ihre Aushilfe nicht kann, steht „Oma Börse“ allein in der Gaststube. An diesen Tagen schleppt sie sich spätabends die Treppe hinauf in ihre Wohnung, „da sind die Beine dann schon schwer“, sagt sie. Doch sie habe sich vorgenommen, „noch ein bisschen streng durchzuziehen“.

Kurz vor sieben sind die Abteilungsleiter des Fußballvereins zu ihrer Montagsrunde gekommen, Analyse der Wochenend-Ergebnisse. Rüdiger ist nach dem dritten Bier gegangen, die Rostocker haben noch zwei weitere Runden bestellt und am Nebentisch wird der erste Bonekamp getrunken. Auch die zwei Männer kommen fast jeden Tag, sitzen sich an ihrem Stammtisch gegenüber, rauchen, trinken und schweigen. Wenn die Zigaretten leer sind, lassen sie sich von „Oma Börse“ neue holen. Ein kurzes Zeichen, dann nickt sie, steckt zehn Euro in ihre Kitteltasche, nimmt ihren Rollator und zieht am Automaten vorm Haus zwei Schachteln „f6“. Wohlfühlen sollen sich ihre Gäste, sagt sie. „Deswegen verwöhne ich sie.“

„Ich brauch‘ die Menschen hier.“ Das sagt Schweinsberg immer wieder. Was ohne sie wird? „Da denke ich gar nicht dran.“ Und doch kommen die Zweifel in den letzten Monaten immer häufiger. Wie lange hält sie das noch durch? Was wird, wenn die Aushilfe nicht bald wieder kommt? Was, wenn sich einfach keiner findet, der mal den Laden übernimmt? Oft quälen sie diese Fragen, wenn sie allein in der Gaststube steht, alles still ist im Haus und sie dann doch mal hinhören muss, wie die Zeit zerrinnt.

Der Takt der alten Wanduhr begleitet Hildegard Schweinsberg, solange sie sich erinnern kann. Einer ihrer Stammgäste zieht ihr die Uhr inzwischen auf, der soll sie mal erben. Für den Fall, dass sie stirbt. „Wahrscheinlich ist dann auch Schluss hier“, sagt sie, „und vielleicht wäre es auch das Beste.“ Trotzdem hat sie gerade noch den Maler bestellt. „Der muss dringend den Zaun streichen.“

Von Anna Sprockhoff