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Heinrich Ehlers zeigt einen selbst gebauten Tisch der neusten Ferienwohnung – der Betreiber einer Pension ist Tischler. (Foto: t&w)

Es geht auch schöner

Bollersen. Über die Tapete im kleinen Schlafzimmer hätte es fast einen Familienkrach gegeben. Mutter und Tochter liebten das blau-weiße Karo, der Vater nicht. „Wir haben so lange diskutiert, bis wir uns durchgesetzt haben“, erzählt Marion Ehlers und lächelt zufrieden. „Jetzt sagen viele Gäste bei der Buchung sogar, sie hätten gern das Zimmer mit der karierten Tapete.“
Marion Ehlers und ihr Mann betreiben eine kleine Pension in Bollersen in der Lüneburger Heide. Bei der Einrichtung der neuen Ferienwohnung wollten sie alles, nur nicht altmodisch wirken. Ihr Mut macht sich bezahlt: Sie sind gut gebucht, und bei einer Rundtour für Tourismusunternehmen wurden sie als Beispielbetrieb für gute Ideen besucht. Denn nicht alle Gastgeber in der Heide sind so weit wie die Familie im Landkreis Celle.

In die Heide kommen pro Jahr 2,3 Millionen Gäste

Zusammengewürfelte Möbel aus dem Familien- und Bekanntenkreis, aus den eigenen Wohnungen ausgemusterte Deko-Stücke: So haben viele Heidjer vor Jahrzehnten mit dem Betrieb ihrer kleinen Pensionen begonnen. Doch was damals durchaus probat war, wird sich auf Dauer kein Beherbergungsbetrieb mehr erlauben können, auch wenn jährlich 2,3 Millionen Gäste in die Heide kommen und die Übernachtungszahlen seit Jahren steigen, im Zuge von Deutschlandurlaub- und Wanderboom sogar einen neuen Rekordwert mit 5,56 Millionen Übernachtungen im Jahr 2017 erreichten.

„Die Heide ist im Umbruch, es passiert ganz viel. Die Gastgeber wollen nicht piefig wirken und Dinge ändern. Viele wissen nur nicht, wie, und fühlen sich hilflos.“
Susanne Schreiber-Beckmann, Raumgestalterin

Doch so zeitgemäß die Werbung für die Region läuft: mit dem Computerprogramm „Alexa“, das mündlich formulierte Fragen ebenfalls mündlich beantwortet und mit beeindruckenden Fotos in 360-Grad, so altbacken wirken noch einige Gästezimmer. Das sehen auch die Branchenkenner von der Tourismusgesellschaft Lüneburger Heide GmbH und der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg so. „Zurücklehnen und die Welle mitnehmen: Das funktioniert nicht“, sagt Ulrich von dem Bruch, Geschäftsführer der Lüneburger Heide GmbH. „Wenn wir besser sein wollen als andere, müssen wir uns anstrengen und wirklich besser sein. Es gibt viele tolle neue Betriebe im klassischen Landhausstil. Aber gerade ältere Betreiber investieren und ändern zu wenig.“

IHK-Tourismusberaterin Claudia Grützmacher ergänzt: „Wir wollen Moderne, Frische und Qualität steigern. Dafür beraten, unterstützen und vernetzen wir die Tourismusbetriebe.“ Gemeinsam haben Lüneburger Heide GmbH und IHK daher ein ganz besonderes Format für ihr Klientel entwickelt: Per Reisebus tourt Claudia Grützmacher mit ihrer Kollegin Babette Suhr von der Lüneburger Heide GmbH durch die Heide und macht Station bei verschiedenen Tourismusbetrieben. Rund 40 Betreiber kleiner Pensionen und Hotels oder Anbieter von Ferienwohnungen können die Tour buchen. Immer mit dabei ist die Raumgestalterin Susanne Schreiber-Beckmann: Sie gibt vor Ort Tipps, wie sich die Räumlichkeiten modern und trotzdem günstig gestalten lassen.

Kostenlose Touren für Betriebe

„Die Ansprüche der Gäste sind enorm gestiegen“, sagt Susanne Schreiber-Beckmann. „Das gilt für den Service genau wie für das Ambiente.“ Die blau-weiß-karierte Tapete von Marion Ehlers gefiel. „Super“, sagte Schreiber-Beckmann bei ihrem Besuch in Bollersen spontan. „Zugleich lenkt das auffällige Design von der Kleinheit des Raumes ab.“

Auch das echte Hirschgeweih auf einer dunkelgrünen Farbfläche an der Wand lobte die Designerin, weiß lackierte Geweihe sind schließlich gerade hip. Aber selbst bei der mutigen Familie Ehlers gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten: So sollte sich das Pink aus der bunten Decke auf dem Sofa an anderer Stelle des Raumes wiederfinden, denn das tut es bislang nicht: Die Kerzen auf der Fensterbank sind lila.

Mit dem kostenfreien Angebot wollen IHK und Lüneburger Heide GmbH ihre Mitgliedsunternehmen motivieren, ihre noch so kleinen Gasthäuser zeitgemäß zu gestalten. Nach den Erfahrungen der ersten Touren ist Susanne Schreiber-Beckmann überzeugt: „Die Heide ist im Umbruch, es passiert ganz viel. Die Gastgeber wollen nicht piefig wirken und Dinge ändern. Viele wissen nur nicht, wie, und fühlen sich hilflos.“

Kammer und Lüneburger Heide GmbH bieten im April weitere Touren an – der unschöne Charme der Siebziger lauert schließlich überall.

Von Carolin George