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Der Angeklagte mit seinem Hamburger Rechtsanwalt Mathias Noack kurz vor Prozessbeginn in Saal 21. (Foto: phs)

Wer fuhr auf die Zeugen los?

Von Rainer Schubert
Lüneburg. Der 25-Jährige räumt ein, bei der Bande mitgemischt zu haben, er sei mit Kokain gelockt worden. Zum Auftakt des Prozesses gegen ih n am Landgericht Lüneburg gestand der staatenlose Mann, bei drei Tatkomplexen dabei gewesen zu sein – unter anderem beim Geldautomaten-Raub am 21. November 2016 in Bienenbüttel. Den schwersten Vorwurf von Staatsanwältin Anna Kaiser aber stritt er ab: Er soll versucht haben, zwei Menschen zu ermorden. Im Bereich einer Spielhalle in Kassel soll er mit einem Lastwagen mit Tempo 60 auf zwei in einem Hauseingang stehende Zeugen zugerast sein, die Männer konnten sich nur durch mutige Sprünge retten, bevor der Laster gegen die Hauswand krachte. Der 25-Jährige nannte ein anderes Bandenmitglied als Fahrer.
Ende 2016 hielt eine in wechselnder Besetzung agierende Bande die Polizei in Norddeutschland mit einer besonders dreisten Masche in Atem: Sie stahl zunächst Autos und Lastwagen in der Nähe von Spielhallen, SB-Bereichen von Banken oder Einkaufszentren, band die dortigen Geldautomaten mit Spanngurten an Lastwagen. So sollten die Automaten aus ihren Verankerungen gerissen werden. Nur in zwei Fällen wurde Beute gemacht, der Bienenbütteler Coup gehört mit 25 000 Euro dazu. Bereits 2017 wurden neun Täter vom Landgericht zu Bewährungs- und längeren Haftstrafen verurteilt, bei den meisten von ihnen handelt es sich um osteuropäische Roma. Der jetzt angeklagte 25-Jährige war rechtzeitig abgetaucht, wurde dann im vergangenen November von den italienischen Behörden ausgeliefert.
Über eine von seinem Verteidiger Mathias Noack verlesene Erklärung legte der Roma ein Teilgeständnis ab, er sei aber nicht bei allen angeklagten Taten dabei gewesen, bei denen ein Schaden von mehr als 170 000 Euro an Automaten, Gebäuden und Fahrzeugen entstanden ist. Geboren wurde er in Rom, jobbte später für eine Gemeinde als „Faktotum“, wurde unter anderem als Bordsteinfeger und Bademeister eingesetzt.
Nach nur einem Monat ging es zurück nach Italien
2014 kam er mit seiner Frau nach Deutschland: „In der Hoffnung auf eine Arbeitserlaubnis.“ Die gab‘s nicht, so ging es nach nur einem Monat zurück nach Italien. Im Herbst 2016 dann der zweite Anlauf. Mit seiner Frau und seinem heute drei Jahre alten Sohn kam er in einem Asylantenwohnheim bei Celle unter, traf zwei Männer wieder, die er im Auffanglager Braunschweig kennengelernt hatte – sie gehörten der Bande an.
Die Darstellung des Angeklagten: Das Trio fuhr nach Hannover, einer kaufte drei Gramm Kokain. „Das haben wir geschnupft, ich fühlte mich toll.“ Später kam ein vierter Mann dazu, zusammen fuhren sie zur Spielhalle in Bienenbüttel, in der Nähe klauten sie einen Lkw, stiegen in eine Autovermietung ein, griffen sich Autoschlüssel, einer passte zu einem VW-Bus T 4. Mit dem Geldautomaten an der Spielhalle ging alles glatt, er wurde aus seiner Verankerung gerissen: „Ich hielt den Geldautomaten für einen Zigarettenautomaten“, er sei abtransportiert und später aufgemacht worden: „Ich sollte Schmiere stehen“, dafür habe er auch einige Zigaretten aus der Beute haben wollen und erst da erfahren, dass es um Geld ging. Von den 25 000 Euro habe er 2300 Euro erhalten. Ein Teil davon habe er seiner Frau gegeben, den Rest in Spielhallen verzockt und Kokain gekauft.
Zudem räumte der Mann seine Mittäterschaft in Kassel ein und einen Versuch in Burgwedel, hier habe ihn ein Komplize gelockt: „Er wedelte mit einem Tütchen Kokain.“ In dem Einkaufszentrum sei der Komplize „mit Getöse ins verglaste SB-Center gefahren“, Beute wurde aber keine gemacht. Für seinen angeblichen Ausstieg aus der Bande nannte der 25-Jährige einen Grund: „Meine Frau hat sich fürchterlich aufgeregt, als sie erfuhr, dass ich stehlen gehe.“
Urteil könnte Ende des Monats gesprochen werden
Dennoch macht ihn die Staatsanwältin für weitere Taten verantwortlich. Hier werden im Prozess Auswertungen von Handydaten eine große Rolle spielen, das Handy des Angeklagten war zu Tatzeiten in Bereichen der Tatorte eingeloggt – der 25-Jährige allerdings gibt an, sein Handy mal verliehen und später verkauft zu haben.
Die Strafkammer hat zunächst zehn Verhandlungstage angesetzt, ein Urteil könnte Ende April gesprochen werden.