Aktuell
Home | Lokales | Durch Schrumpfen aus dem Minus
Der Michaelisfriedhof zählt zu den drei großen Lüneburger Friedhöfen. Insgesamt gibt es sieben in der Stadt. Foto: be

Durch Schrumpfen aus dem Minus

Lüneburg. Sieben aktive Friedhöfe hat die Stadt, mit einer Gesamtfläche von 48 Hektar sind sie so groß wie 68 Fußballfelder. Der jährliche Aufwand für Pflege un d Unterhalt übersteigt Jahr für Jahr die Einnahmen. Doch Gebührenerhöhungen allein werden das Problem nicht lösen.

Herr Mädge, Lüneburg ist attraktiv, der Zuzug ungebremst. Auf den städtischen Friedhöfen dagegen werden trotz des Bevölkerungswachstums immer seltener Grabstellen beansprucht. Was läuft da schief?
Ulrich Mädge: Es läuft eigentlich nicht viel schief. Wir haben um die 1000 Todesfälle im Jahr, davon sind etwa die Hälfte Lüneburger. Und von diesen Todesfällen gehen durchschnittlich fünf bis zehn Prozent auf auswärtige Friedhöfe oder nutzen andere Bestattungsarten wie Friedwald oder Seebestattung, ein Anteil wie bei anderen Städten auch. Zugleich haben wir sehr hohe Grundkosten, weil wir eben sieben Friedhöfe in aktiver Nutzung haben und diese unterhalten und pflegen müssen.

Mit den sieben Lüneburger Friedhöfen haben Sie in den vergangenen Jahren ein Defizit von rund einer Million Euro eingefahren, pro Jahr kommen gut 100 000 Euro dazu. Wie soll das denn gestoppt werden?
Wir haben mit dem Zentralfriedhof, dem Waldfriedhof und dem Michaelisfriedhof drei große Friedhöfe. Und die Ortschaften haben ihre kleinen Friedhöfe eingebracht. Wir unterhalten jede Menge Wegeflächen, die Verkehrssicherungspflicht gilt auf dem Friedhof genauso wie auf dem Bürgersteig. Die Frage ist daher, ob der derzeitige Pflegeaufwand noch angemessen ist. Deshalb werden wir dem Rat vorschlagen, keine neuen Grabfelder mehr einzurichten und eine neue Belegungsstruktur für die Friedhöfe zu entwickeln.

Also keine Gebührenerhöhungen?
Erstmal müssen wir die Kostenstrukturen anschauen. Dabei müssen wir uns zum Beispiel fragen, ob wir noch so viele Friedhofsflächen vorhalten müssen? Sollten wir nicht mit Teilstilllegungen über einen Zeitraum von 20 Jahren beginnen? Können wir rationeller arbeiten? Wieviel Personal brauchen wir noch? Unser Friedhofsmanager geht in den Ruhestand, mit der Nachfolge werden wir diese Themen angehen, um Kostensteigerungen aus Tariferhöhungen von drei bis vier Prozent für eine gewisse Zeit aufzufangen. Klar ist aber auch: Man wird nie zu einer hundertprozentigen Kostendeckung kommen, das zeigt meine Erfahrung aus 40 Jahren Ratsarbeit.

Man könnte einen Friedhof doch auch ganz schließen?
Eine Stadt wie Lüneburg muss nicht sieben Friedhöfe haben, da würden auch drei reichen. Aber eine Schließung passt nicht zu unserer städtischen Kultur. Auch in den Ortschaften sollen die Angehörigen ihre Friedhöfe in der Nähe behalten. Es würde auch nicht viel bringen, wenn wir Häcklingen oder Rettmer schließen, vielmehr muss jeder einzelne Friedhof so schrumpfen, dass wir über einen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren zum gleichen Ziel kommen.

In Bardowick kostet ein Reihengrab für 25 Jahre 300 Euro, in Lüneburg 910 Euro. Können die es besser?
Erstmal kann man die Strukturen dieser Friedhöfe nicht mit unseren vergleichen, ich kenne auch deren Kosten-/Leistungsrechnung nicht. Wir können uns nur mit Städten unserer Größenordnung vergleichen, und die sind nicht günstiger als wir. Wenn von rund 500 verstorbenen Lüneburgern fünf Prozent außerhalb bestattet werden, weniger in Adendorf oder Bardowick, sondern eben auch im Friedwald, auf See oder am Wohnort der Kinder, sehe ich darin nicht den großen Rückgang aus Kostengründen, sondern eher den Wunsch nach anderen Formen der Bestattung und eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen.

Heißt das, man kann künftig auch seinen Lieblingshund mit bestatten lassen?
Das ist eine Idee, die wir aufnehmen können, aber es wird keine entscheidende Entlastung bei den Einnahmen bringen.

Eine Gebührenerhöhung wird im Rat aber, so sieht es jedenfalls zur Zeit aus, eher keine Mehrheit finden.
Das weiß ich nicht, wir führen gegenwärtig Gespräche. Wenn die Erhöhung nicht kommt, werden die Defizite aus Steuern und über Liquiditätskredite zu bezahlen sein. Das würden wir bedauern, auch würde es das Problem nicht lösen. Deshalb haben wir ja die Erhöhung vorgeschlagen, die wir für angemessen halten. Am Ende ist das aber eine Ratsentscheidung.

Die Anzahl der Friedhöfe bleibt also bestehen?
Aus meiner Sicht ja.

Auch die Bezahlbarkeit der Grabstätten?
Es ist immer schwierig, bei einem Friedhof auch betriebswirtschaftlich zu argumentieren, das ist ja eine Frage von Pietät und Emotionen. Zugleich müssen wir darüber reden, wie wir attraktiver werden können. Wenn modernere Friedhofsformen gewünscht werden, dann werden wir das auch machen, sofern es das deutsche Bestattungswesen erlaubt. Auch gilt es, Friedhöfe vor Ort zu erhalten. Beim Blick auf die Kosten aber setze ich auf das Schrumpfen der Friedhöfe. Das führt zu einer Kostenerleichterung, es wird uns aber dennoch nicht davon befreien, in zwei Jahren erneut die Gebühren in den Blick zu nehmen.

Von Ulf Stüwe

One comment

  1. Andreas Janowitz

    Die Kosten liegen auf hohem Niveau, weil es defacto eine Subventionierung religiöser Gruppen ist. Nur bestimmte Riten verlangen bestimmte Gräberführsorge?
    Wesshalb kann nicht ein Areal in einen Friedwald umgewidmet werden? Ich werde auf jeden Fall diese Art der Bestattung vorziehen. Es ist nunmal Realität, das ein erheblicher Anteil der Bevölkerung Konfessionslos ist.
    Naturnahe Areale innerhalb der Stadt kosten weniger und erfüllen weitere Aufgaben, wie erhalt der Artenvielfalt, Luftreinigung, Regulierung des Wasserhaushalts, ect. …
    „Leichenwasser“ ist eben ein Resultat bestimmter Verfahrensweisen, die bei Verbrenung und Urnenbestattung in Friedwäldern nicht anfallen.