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Dirk John (l.) und seine Eltern Christel und Lothar John freuen sich, dass Jim Teo mit seinem Sohn Oliver (7) zu Besuch ist. (Foto: phs)
Dirk John (l.) und seine Eltern Christel und Lothar John freuen sich, dass Jim Teo mit seinem Sohn Oliver (7) zu Besuch ist. (Foto: phs)

Eine Freundschaft fürs ganze Leben

Lüneburg. Passanten mögen sich wundern, gute Freunde wissen um die Bedeutung, wenn im Vorgarten der Familie John in Oedeme die kalifornische Flagge gehisst ist. Dann haben die Johns wieder einmal Besuch von Jim Teo aus San Francisco – wie kürzlich. Der heute 47-Jährige war vor 29 Jahren erstmals als Austauschschüler zu Gast. Daraus entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, und er ist ein bisschen ein dritter Sohn.

„Bier trinken und Brezel essen, das ist eine sehr gute Idee, habe ich damals als 16-Jähriger gedacht, als meine Lehrerin Eva Cohn mir vorschlug, als Austauschschüler nach Lüneburg zu gehen“, berichtet Jim Teo mit einem verschmitzten Lächeln im Wohnzimmer von Christel und Lothar John. Ihm gegenüber sitzt Dirk John, der damals mit ihm sozusagen in den Austausch ging. Eva Cohn hatte ihre Wurzeln in Lüneburg, die Jüdin ging im Zweiten Weltkrieg erst nach England, dann nach Amerika. Lüneburger mögen sich an sie erinnern, als sie 1995 mit anderen jüdischen Mitbürgern auf Einladung der Stadt ihre Heimatstadt besuchte.

Vier Familien standen damals zur Auswahl für Jim. Bei den Johns stand Windsurfen mit im Angebot, das gab für den damals in Palo Alto lebenden Schüler den Ausschlag. „Der passt zu uns, war sofort unser Gefühl, als wir Jim am 4. Juli 1989, dem Independence Day, vom Hamburger Flughafen abholten“, sagt Christel John.

„Als ich damals zurückflog, war ich am Boden zerstört. Ich war mir nicht sicher, ob es weitere Treffen gibt. Doch es kam glücklicherweise anders.“ Dirk John

Die ersten beiden Wochen besuchen Dirk und Jim gemeinsam das Gymnasium, gehen schwimmen, treffen sich mit Mitschülern und besuchen das Stadtfest. Menschen und deren Kultur kennenlernen, das war es, was die beiden Jugendlichen wollen. Mit der Familie geht es nach Berlin, München, Rothenburg ob der Tauber, Paris und Venedig. Jim ist begeistert, manchmal auch erstaunt, wie dicht Länder in Europa beieinander liegen. Als sie in Dömitz an der zerstörten Brücke an der innerdeutschen Grenze stehen, fragt er, ob die Mauer jemals fallen könnte. „Wir haben alle nein gesagt“, erinnert Dirk John und Jim Teo ergänzt: „Vier Monate später habe ich Euch angerufen und gesagt, da habt Ihr Euch geirrt.“

Lang ist‘s her, dass Dirk John (l.) und Jim Teo zur Interrail-Tour starteten. (Foto: privat)
Lang ist‘s her, dass Dirk
John (l.) und Jim Teo
zur Interrail-Tour
starteten. (Foto: privat)

Zuvor im August war Dirk zum Austausch in Palo Alto. „Als ich damals zurückflog, war ich am Boden zerstört. Denn in Anbetracht des teuren Flugs, der damals noch fast 1900 Mark kostete, war ich mir nicht sicher, ob es weitere Treffen gibt. Doch es kam glücklicherweise anders.“ Regelmäßig wurde telefoniert, höchstens drei Minuten, die damals immerhin 15 Mark kosteten. Zwei Jahre später machte der Amerikaner seinen Highschool-Abschluss. Als Geschenk erhielt er von seinen Eltern einen Trip zu seiner „Familie“ in Lüneburg und eine Interrail-Fahrkarte. Gemeinsam düsten die Jungs quer durch Europa. Vier Wochen Camping und gerne Eis. „Dirk war dabei die Sparkasse. Meine Eltern waren angenehm überrascht, wie wenig ich ausgegeben habe“, sagt Jim mit einem ihm eigenen netten Lächeln.

Gast-Freundschaft verbindet

Danach studierte er Umwelttechnik, unter anderem in Schottland. Weil die Weihnachtsferien zu kurz waren für einen Flug in die USA, ging es nach München, wo ihn die Johns abholten zum Ski-Urlaub in Österreich. Dirk war derweil bei der Marine, studierte anschließend Elektrotechnik. Natürlich war er in der Zeit auch bei seinem Austausch-Freund an der Westküste zur Tour nach Las Vegas, in den National-Park und die Route 66 runter.

Auch zwischen den Eltern entwickelte sich eine enge Freundschaft, unzählige Male haben sie sich in den vergangenen drei Jahrzehnten gegenseitig besucht. Gast-Freundschaft verbindet sie im besten Sinne.

Inzwischen sehen sich Jim Teo und Dirk John nur noch alle zwei bis drei Jahre, weil beide beruflich stark eingebunden sind. „Jim hat nur drei Wochen Jahresurlaub, deshalb fliege ich öfter rüber.“ Und der 47-Jährige, der jetzt in San Francisco lebt, hat inzwischen Familie, „mit unseren kleinen Kindern empfiehlt sich eher ein kleiner Urlaub in Kalifornien bei meinen Schwiegereltern“. Zum ersten Mal ist nun Jim Teo mit seinem siebenjährigen Sohn Oliver auf große Reise gegangen. Vielleicht wird er auch einmal wie sein Vater als Austauschschüler in Lüneburg ankern. Oliver ist von dem Besuch jedenfalls schwer begeistert. Zu seinem Vater hat er schon gesagt: „Wenn ich eine Woche fürs Erste hier bleiben würde, wäre das kein Problem, denn Christel ist wie eine Oma.“ Und vielleicht ist auch ihm das eigen, was seinen Vater und Dirk John verbindet: eine Offenheit, andere Menschen und Kulturen kennenlernen zu wollen und dabei immer wieder die gleiche Wellenlänge zu spüren, wenn man auf gewachsene Freundschaften und die Familie trifft.

Von Antje Schäfer