Donnerstag , 18. Oktober 2018
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Schulleiterin Uta Hommel stellte sich der Debatte um ihr Schulkonzept. Rund 100 Zuhörer waren erschienen. Es wären sogar mehr gewesen, hätte parallel nicht die Sportlerehrung stattgefunden. (Foto: t&w)

Bildung oder Betreuung?

Amelinghausen. Freundschaften leiden, persönliche Kontakte werden abgebrochen: Die Diskussion um das richtige Modell des Ganztagskonzeptes an der Grundschule Amelinghausen schlägt in der Elternschaft emotional hohe Wellen. Das wurde bei der Sitzung des Schulausschusses der Samtgemeinde Amelinghausen am Donnerstagabend in der Grundschulaula deutlich, an der mehr als 100 Zuhörer teilnahmen. Die Auseinandersetzung ist längst zur Glaubensfrage geworden. Dabei prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite Eltern, die es nicht akzeptieren wollen, dass ihr Familienleben an drei Tagen in der Woche von der Schule beschnitten wird. Auf der anderen Seite stehen die Eltern, die das neue pädagogische Konzept honorieren, wonach die Kinder an drei Tagen erst um 14.30 Uhr die Grundschule verlassen können, dann aber bereits gegessen und Hausaufgaben gemacht haben.

Den Weg zur Ganztagsschule hatte die Samtgemeinde bereits in der vergangenen Wahlperiode eingeschlagen, und zwar mit dem Millionen Euro schweren Umbau des Grundschulkomplexes in Amelinghausen mit neuen Unterrichtsräumen und Mensa.

Im vergangenen Jahr waren Schule und Samtgemeinde bei der Einführung der Ganztagsschule noch an einer Hürde gescheitert, die unter anderem auf einem Missverständnis bei der Kommunikation mit der Landesschulbehörde beruhte. Die Behörde hatte dringend davon abgeraten, die Ganztagsschule einzuführen, sollten 20 Prozent der Eltern erklären, ihr Kind von der Schule abzumelden, sollte ihnen das Konzept nicht passen. Ihnen stünden die Grundschulen Betzendorf und Soderstorf als Alternativen offen. Daraus wurde, dass bei einer Elternbefragung 80 Prozent zustimmen müssten. Es gab zwar eine Mehrheit, wenn auch nur 53,6 Prozent. Doch Schulleitung und Politik hielten sich notgedrungen an die selbstverordnete 80 Prozent-Hürde und ließen die Einführung der Ganztagsschule 2018/19 erstmal sausen. Jetzt der zweite Anlauf für das Schuljahr 2019/20.

Fronten bei dreistündiger Diskussion verhärtet

Obwohl die Stimmung unter den Eltern bei der Ausschusssitzung sichtbar gereizt war, waren sich alle in einem Punkt einig: Dass Schulleiterin Uta Hommel und ihr Kollegium einen guten Job machen. Dennoch blieben die Fronten unter den Eltern auch während der mehr als dreistündigen Diskussion verhärtet. Hommel warb wiederholt für das Konzept der teilgebundenen Ganztagsschule, hinter dem auch 100 Prozent des Kollegiums stünden. Aus ihrer Sicht sei die Teilgebundenheit an drei Tagen in der Woche pädagogisch sinnvoll. So könnten reine Unterrichtsstunden auch in den frühen Nachmittag verlegt und der Vormittag mit Praxisstunden und Exkursionen aufgelockert werden. Zudem ginge das Pflichtangebot nur bis 14.30 Uhr. Die daran anschließende Nachmittagsbetreuung sei weiterhin freiwillig. Hommel: „Ich bin nicht bereit, die Betreuung für einen Teil der Kinder zu organisieren. Ich will Schule machen. Schule ist Bildung, und die will ich für alle verbessern.“

Einige Mütter meldeten sich kritisch zu Wort, die selbst Grundschullehrerinnen sind und ihre Kinder nachmittags lieber zu Hause hätten. Eine sagte: „Für uns ist das gemeinsame Mittagessen und das Erledigen der Hausaufgaben essentiell.“ Dazu Hommel: „Ich habe volles Verständnis für Eltern, die das selber organisieren können.“ Auf der anderen Seite bedeute ihr Konzept für Kinder, die bereits heute bis zur sechsten Stunde Unterricht haben, eine Stunde und fünf Minuten länger in der Schule zu verbringen. Unterstützung erhielt sie auch von Familienvater Andreas Witte. Er appellierte an die anderen Eltern, nicht nur die persönliche Situation als Maßstab zu nehmen, sondern „die Vorteile für alle Kinder zu sehen“.

Bei der Diskussion betonte Samtgemeindebürgermeisterin Claudia Kalisch (Grüne), dass die Politik nur beschließen könne, ob es eine Ganztagsschule geben werde, das Konzept sei aber Sache der Schule. In Folge weigerte sich die Mehrheit des Ausschusses, eine neue Empfehlung auszusprechen. Jetzt soll das Votum der Gesamtkonferenz der Schule am Montag abgewartet werden. Auf dieser Grundlage soll der Samtgemeinderat entscheiden am Dienstag, 10. April, ab 20 Uhr im Rathaus.

Ganztagskonzepte

Die unterschiedlichen Konzepte von Ganztagsmodellen für Grundschulen unterteilen sich in offen, teilgebunden und vollgebunden. Bei der offenen Organisationsform können einzelne Schüler auf Wunsch an den ganztägigen Angeboten teilnehmen. Dabei wird der Unterricht in der Regel geblockt, danach folgen Mittagstisch und nachmittägliche AGs, ähnlich der verlässlichen Grundschule mit Nachmittagsbetreuung.

Bei der teilgebundenen Variante sind die Ganztagsangebote an zwei bis drei Tagen verbindlich für alle Schüler – für jeweils mindestens sieben, höchstens acht Zeitstunden. Vorteil: regulärer Schulunterricht kann auch in die Nachmittagsstunden verschoben werden, die Unterrichtsblöcke werden durch ergänzende Angebote aufgebrochen. Bei der vollgebundenen Version ist das Ganztagsangebot in der ganzen Schulwoche verpflichtend.

Von Dennis Thomas

2 Kommentare

  1. Schule als Dienstleister für Familien.. wo ist da die Flexibilität der Schule? Zwangsmodelle? Zwangsschulmodelle mit politischer eigener Vorstellung wer, wie oder was und wann Familie stattfindet?

  2. Andreas Janowitz

    Ein schweizer Erbreicher kauft sich seine fünfte Kolonne und macht hier „Politik“? Dagegen sind die schwarzen Konten Helmut Kohl`s „honoriges Verfahren“?!
    Das ist der Grad intelektueller Verwahrlosung, der man feinsinnig, brav und bieder, am Besten noch gegendert, auf Augenhöhe begegen soll? Wohl kaum!