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Der jährliche Zuwachs der Wolfspopulation liegt bei mehr als 30 Prozent – Tendenz steigend. 2017 haben Wölfe im Landkreis Cuxhaven die ersten Deichschafe getötet und 22 ausgewachsene Rinder. (Foto: Rolfes/DJV)
Der jährliche Zuwachs der Wolfspopulation liegt bei mehr als 30 Prozent – Tendenz steigend. 2017 haben Wölfe im Landkreis Cuxhaven die ersten Deichschafe getötet und 22 ausgewachsene Rinder. (Foto: Rolfes/DJV)

Der Wolf soll ins Bundesjagdgesetz

Berlin. Naturliebhaber sind begeistert, Bauern fürchten um ihr Tiere. Der Wolf ist auch in unserer Region zurück, breitet sich zügig aus – und spaltet die Gemüter. Der Deutsche Jagdverband (DJV) fordert nun in einem aktuellen Positionspapier zeitnah die Aufnahme des Wolfs in das Bundesjagdgesetz, um bundeseinheitliche Regelungen zum künftigen Umgang mit dem Wolf auszugestalten.

Eine generelle Bejagung sei damit nicht möglich, da der große Fleischfresser über die FFH-Richtlinie weiterhin streng geschützt ist, heißt es in dem Papier des DJV. Allerdings werde so eine Grundlage geschaffen, um bundesweit gültige Managementmaßnahmen auf Basis des Koalitionsvertrages der Bundesregierung zu erarbeiten. Der DJV lehnt Vorstöße wie in Brandenburg und Südwestdeutschland ab, über Behörden bewaffnete Eingreiftrupps installieren zu wollen. „Wenn es um die Entnahme von Wölfen geht, muss immer der ortskundige Jäger erster Ansprechpartner sein, alles andere wäre ein inakzeptabler Eingriff ins Eigentumsrecht“, erklärte DJV-Präsident Hartwig Fischer. Nur wenn der Jagdausübungsberechtigte notwendige Managementmaßnahmen nicht umsetzen kann oder möchte, sollten Behörden eingreifen können.

Im Koalitionsvertrag hat sich die Bundesregierung verpflichtet, einen gesellschaftlichen Konsens herzustellen zwischen Wolfsschutz, Sicherheit des Menschen und Erhalt der Artenvielfalt. „Wir nehmen die Politik beim Wort und erwarten, dass Konflikte offen benannt und auch gelöst werden“, sagte Fischer. Die Zeit dränge: Im Herbst 2017 hätten Wölfe erstmals in Deutschland Deichschafe tödlich verletzt. Schafe seien unersetzlich für die Instandhaltung von Hochwasserschutzanlagen. Zudem hätten sie wichtige Aufgaben in der Landschaftspflege, extensive Beweidung ist eines der wichtigsten Naturschutzinstrumente in Deutschland. Auch ausgewachsene Rinder hätten Wölfe 2017 vermehrt getötet, die ökologisch hochwertige Grünlandwirtschaft wird stark beeinträchtigt.

Der DJV begrüßt es, dass laut Koalitionsvertrag der Schutzstatus des Wolfes überprüft werden soll, um „eine notwendige Bestandsreduktion herbeiführen zu können“. Zudem soll ein Kriterien- und Maßnahmenkatalog zur Entnahme von Wölfen entwickelt werden. Der DJV hat bereits mehrfach praktikable Lösungen, insbesondere im Umgang mit verhaltensauffälligen Tieren, angemahnt. Für den Dachverband der Jäger sind Wölfe bereits verhaltensauffällig, wenn sie tagsüber mehrfach in Siedlungsnähe auftauchen oder es verstärkt zu Nahkontakten kommt. Eine natürliche Scheu vor dem Menschen besitzt der Wolf nicht. lz

Hintergrund

Konflikte mit dem Wolf

Knapp 20 Jahre nach der ersten Reproduktion in der Lausitz erschließen sich Wölfe in Deutschland zunehmend neue Lebensräume. Der jährliche Zuwachs der Population liegt bei über 30 Prozent. Mit einem weiter exponentiell wachsenden Wolfsbestand ist zu rechnen. Der DJV geht von einem derzeitigen Bestand von etwa 800 Tieren in Deutschland aus.

Ende 2017 hat das Bundesamt für Naturschutz erstmals öffentlich festgestellt, dass der Wolf keine natürliche Scheu vor dem Menschen hat. Damit er diese wieder erlernt, hat der DJV einen konsequenten Umgang mit „Problemtieren“ gefordert und die vom BfN publizierten „Empfehlungen zum Umgang mit auffälligen Wölfen“ als nicht ausreichend kritisiert. Demnach sei es „ungefährlich“, wenn Wölfe in Dunkelheit durch Siedlungen laufen oder tagsüber in Sichtweite von Häusern. Die Sorgen und Ängste der ländlichen Bevölkerung müssen ernst genommen werden.

Die Zahl der Übergriffe auf Nutztiere hat sich in den vergangenen zehn Jahren rasant entwickelt. Waren es im Jahr 2007 bundesweit noch etwa 100 verletzte oder getötet Nutztiere, wurde 2016 erstmals die Grenze von 1000 Nutztieren überschritten (Quelle: DBBW). Im Landkreis Cuxhaven haben Wölfe 2017 die ersten Deichschafe getötet und 22 ausgewachsene Rinder. Daraufhin wurde die Mindesthöhe für einen wolfssicheren Zaun von 1,20 Meter auf 1,40 Meter erhöht. Diese Höhe wurde jedoch bereits überwunden.

Bei der weiteren Ausbreitung des Wolfes müssen auch höherrangige Ziele gewahrt bleiben. So sind z.B. Küstendeiche und Almen nicht durch Zäunung zu schützen. Problematisch ist dies auch in Grünlandregionen mit hoher Weidetierdichte. Gerade die Weidetierhaltung stellt eine besonders naturverträgliche Form der Landnutzung dar. In den genannten Gebieten besteht zudem die Gefahr einer Verdrahtung der Landschaft, die dem Gedanken einer Biotopvernetzung widerspricht.

Was die Nutztierhaltung anbetrifft, so kann die Aufrüstungsspirale beim Herdenschutz (unter anderem durch Erhöhung von Zäunen, Installation zusätzlicher Elektrolitzen, Flatterbändern, Einsatz von Herdenschutzhunden) zu Lasten der Betroffenen nicht zielführend sein. Wirksame und legale Mittel zur Vergrämung von Wölfen stehen nicht zur Verfügung. Problemtiere müssen daher konsequent entnommen werden, ggf. auch ganze Rudel, damit erlernte Erfahrungen (Erbeuten von Nutztieren) nicht weitergegeben werden können. djv

9 Kommentare

  1. Nicht jeder Naturliebhaber ist Wolfsfreund. Ich komme auch gut ohne ihn aus. Im Gegenteil, durch den Wolfsfanatismus häufig städtischer Naturblödler kommt der gesamte Naturschutz in den Geruch der Feindschaft auch gegenüber naturnaher Landwirtschaft. Von der Missachtung menschlicher Sicherheitsinteressen ganz zu schweigen. Wem ist damit gedient?

  2. der wolf ist ein rückkehrer. wer braucht jäger, wenn es wölfe,luchse und bären gibt? niemand. was jäger hauptsächlich hegen und pflegen ist ihr ego, die sucht nach trophäen und macht. töten gehört da mit dazu. wer von der natur fabuliert, sollte auch was von ihr verstehen.

    • Herr Bruns, Sie scheinen wenige bis keine Jäger persönlich zu kennen, auch waren Sie wahrscheinlich noch nie bei der Jagd dabei.
      Ich kann ja gut verstehen, das der alles abknallende, blutrünstige, Trophäen jagende Waidmann in Ihr Weltbild passt aber die Wirklichkeit sieht anders aus.
      Vorweg – „Schwarze Schafe“ gibt überall und Pauschalisierungen sind falsch, das wissen Sie selbst.
      Es gibt Jäger, die verbringen ettliche Stunden in ihrem Revier ohne etwas zu schießen und fahren trotzdem zufrieden nach Hause. Andere sitzen auf dem Hochsitz und beobachten die Tiere in Wald und Flur und erfreuen sich daran.
      Falls Sie Fleisch essen, was wäre Ihnen lieber -Fleisch von Wildtieren die bis zu ihrem letzten Moment eines freies, instinktives Leben geführt haben oder Fleisch von Zuchttieren, wo viele von der Geburt bis zur Schlachtung ein grausames, eines Lebenwesens unwürdiges Leben durchlitten haben?

      • mein lieber
        Eratosthenes
        ich kenne in meinem umfeld einige jäger. habe mit ihnen auf schießstände um die wette geschossen. die ich kenne sagten mir: ein drittel der jäger halten sich an die spielregeln, ein drittel nur hin und wieder und ein drittel garnicht. bei meinen kommentaren meine ich immer nur die, die sich einen dreck um die natur kümmern, aber immer so tun. ich esse auch wild. wildschweine deswegen zu füttern ist nun mal fatal. für wolf und mensch gibt es genug wild in unseren wäldern. man muss nur gönnen können und sich richtig verhalten. es wurde gerade von jemanden ein wolf erschossen. leider hat derjenige seine visitenkarte nicht dort liegen gelassen. der straßenverkehr tut sein übriges. und wer weiß, wie rudel sich zusammensetzen, weiß auch um deren panikmache. und wer sorgt dafür? derjenige, der eine neue trophäe in seinem jagdzimmer aufhängen möchte. er benutzt die ängstlichen in unserer gesellschaft als munition.

  3. Mitschke, Thomas

    Wie wir wissen hat sich der lokale Kreisjägerschaft gegen die Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht stark gemacht und das sachlich und fundiert begründet. Es wäre doch interessant bei den lokalen Jägern einmal nachzufragen, wie diese mit der politischen Intension des LJV klar kommen. Wer übernimmt das bei der LZ?

  4. Bevor ich zu den Wölfen in der Lausitz und im Lauenburgischen komme, möchte ich die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland in den Zusammenhang eines größeren Geschehens einordnen, in einen naturgeschichtlichen Trend, den man schon lange beobachten kann, der aber der Öffentlichkeit erst jetzt ins Bewusstsein tritt und – wie man anhand der Kommentare hier sieht – für Verwirrung und Unsicherheit sorgt.

    An alarmierende Nachrichten über den offenbar unaufhaltsamen Schwund der Artenvielfalt hat man sich gewöhnt. Nach dem gerade veröffentlichten Artenschutzbericht des Bundesamtes für Naturschutz sind ein Drittel der in Deutschland vorkommenden Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Verzweifelt stemmen sich Naturschützer gegen das Artensterben. Der Schutz der Biodiversität steht längst ganz oben auf der Agenda der internationalen Politik. Das alles konnte global gesehen den verhängnisvollen Trend bisher nicht stoppen.

    Trotzdem ist Artenschutz nicht vergebens, ja er kann sogar spektakuläre Erfolge feiern und zwar gerade bei Arten und in Lebensräumen, bei denen man das nicht unbedingt erwartet. Ausgerechnet im dicht besiedelten Europa, dessen Naturräume seit Jahrhunderten völlig vom Menschen überformt sind, erleben große Raubtiere eine erstaunliche Renaissance. Wolf, Bär und Luchs und in Skandinavien auch der Vielfraß, ein Großmarder, breiten sich wieder aus, nachdem sie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in weiten Gebieten ausgerottet worden waren. Die Rückkehr der Wölfe nach Mitteleuropa, seit langem Dauerthema in den Medien, ist nur ein besonders spektakulärer Ausschnitt aus diesem Gesamtgeschehen.

    Ende 2014 veröffentlichten mehr als 70 Wissenschaftler aus 26 europäischen Ländern im Wissenschaftsjournal „Science“ eine differenzierte Bestandsaufnahme über Verbreitung und Populationsgrößen von Wolf (Canis lupus), Braunbär (Ursus arctos), Eurasischem Luchs (Lynx lynx) und Vielfraß (Gulo gulo) auf dem europäischen Festland ohne Russland, Weißrussland und die Ukraine (Guillaume Chapron et al.: Recovery of large carnivores in Europe’s modern human-dominated landscapes). Sie trugen alle verfügbaren Daten zusammen und kamen zu dem einigermaßen erstaunlichen Gesamtbild, dass das von Kulturlandschaften geprägte Europa ein durchaus „wilder“ Kontinent ist. Mindestens eine der genannten Arten kommt in fast allen Staaten vor. Die Autoren machen noch die Ausnahme Niederlande, Belgien, Luxemburg und Dänemark, aber auch dort ist jedenfalls der Wolf inzwischen aufgetaucht.

    Das Untersuchungsgebiet umfasst rund 4,5 Millionen Quadratkilometer. Auf einem Drittel dieser Fläche, auf 1,5 Millionen Quadratkilometern, zeigt mindestens eine der vier Beutegreiferarten dauerhafte Präsenz, kommt also permanent vor. Bär, Wolf und Luchs gleichzeitig kommen auf einer Fläche von rund 600.000 Quadratkilometern vor. Das ist ein Gebiet von fast der doppelten Größe Deutschlands.

    Wie groß sind die Bestände an großen Prädatoren in Europa? Bemerkenswerter Weise ist die größte der vier Arten, der Braunbär, auch die in absoluten Zahlen häufigste. Etwa 17.000 von ihnen leben in Europa in 22 Staaten. Dem Bär folgt der Wolf mit rund 12.000 Individuen in 28 Ländern. Der Luchs – gemeint ist der in Europa und Asien verbreitete Eurasische Luchs, nicht der tatsächlich vom Aussterben bedrohte Iberische Luchs oder Pardelluchs – bringt es auf 9.000 Individuen in 23 Ländern. Der Vielfraß ist auf Nordeuropa beschränkt und kommt mit etwa 1.200 Exemplaren nur in den skandinavischen Ländern vor.

    Aufschlussreich ist der Vergleich mit Amerika, vor allem, was die Wölfe angeht. Vergleichbar mit dem europäischen Untersuchungsgebiet sind die Vereinigten Staaten von Amerika ohne Alaska, die „contiguous US“. Sie sind mit acht Millionen Quadratkilometern etwa doppelt so groß wie Europa ohne Russland, Weißrussland und die Ukraine und mit 40 Einwohnern pro Quadratkilometer weniger als halb so dicht besiedelt. Trotzdem leben hier nur halb so viele Wölfe (5.500), und auch das nur, weil man in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts begann, Wölfe in einigen Nationalparks wieder anzusiedeln. Amerikanische Naturschützer handeln überwiegend nach dem Grundsatz, dass Raubtiere und Menschen getrennt werden müssten, wenn Raubtiere eine Chance haben sollen. Sie richten ihre Anstrengungen deshalb darauf, Reservate einzurichten und Wildnisgebiete zu schützen. Die Tiere halten sich zwar nicht immer an dieses Ordnungsmuster. Vor allem Pumas und Schwarzbären suchen oft die Nähe menschlicher Siedlungen auf. Doch im Prinzip gilt die Separation Mensch-Raubtier. In Amerika gibt es so viel Platz, dass diese Naturschutzstrategie der Trennung der Lebensräume von Mensch und Raubtier den meisten plausibel erscheint.

    In Europa, stellen die Autoren des Science-Reports fest, gäbe es keine großen Beutegreifer, wenn man diesem Separationsmodell folgte. Zwar werden auch in Europa immer mehr Nationalparks eingerichtet. Für Wolf, Bär und Luchs spielen diese Schutzgebiete aber keine Rolle, weil selbst die größten noch zu klein sind, um den Lebensraum ganzer Populationen zu umfassen. Unsere 10.000-Hektar-Parkwinzlinge im Schwarzwald, der Eifel oder dem Hunsrück sind selbst als Streifgebiet eines einzigen Wolfsrudels zu klein. Wir haben nicht die Option, dass große Beutegreifer in Schutzgebiete gehören. Wir haben diese Wildtiere entweder als unmittelbare Nachbarn, oder wir haben sie gar nicht.

    Schaut man auf die Entwicklung der Populationen, muss man zu dem Schluss kommen, dass es in Europa mit dieser Nachbarschaft zwischen Mensch und Raubtier gar nicht so schlecht bestellt ist. Wenn man sich die Voraussetzungen dafür vor Augen führt, wird einem schnell klar, wie eng soziale, politische, kulturelle und natürliche Prozesse miteinander verflochten sind.

    Wichtigste natürliche Voraussetzung für die Rückkehr der großen Beutegreifer ist ein historisches Populationshoch ihrer klassischen Beutetiere, also der großen wildlebenden Paarhufer Reh, Rothirsch und Wildschwein. Diese Arten sind längst auch in Gebiete etwa Italiens, der Schweiz oder Frankreichs zurückgekehrt, wo sie durch Jagd nahezu ausgerottet waren. Die Jagdtradition im deutschsprachigen Raum mit ihrer „Hege“ hatte zwar immer für relativ hohe Schalenwildbestände gesorgt. Hier kam es seit etwa 30 Jahren auf hohem Niveau zu einer weiteren drastischen Vermehrung dieser Arten, vor allem aufgrund veränderter Landnutzung. Zu fressen also finden Wolf und Luchs überall in Europa genug.

    Der vom Menschen geformte Lebensraum, der mit intakter Natur nichts zu tun hat, ist für die großen Räuber kein Problem, sondern eher ein Schlaraffenland, in dem es aus ihrer Sicht nur einen großen Haken gibt. Und das sind die menschlichen Mitbewohner. Nur wenn die ihre pelzigen Nachbarn akzeptieren, haben diese eine Chance.

    Noch vor einer Generation hielt die Mehrzahl der Europäer die Ausrottung der großen Raubtiere für einen Fortschritt, zumindest für einen notwendigen Tribut an die Moderne. Selbst Naturschutzpioniere wie Bernhard Grzimek glaubten nicht daran, dass Wölfe noch einmal ihre Fährte in Deutschland ziehen könnten. Diese gesellschaftliche Grundeinstellung hat sich, zumindest in der urbanen Bevölkerung, gründlich geändert. Beutegreifer werden heute von den meisten als notwendiger Teil einer insgesamt schützenswerten Natur betrachtet, womit die Frage noch nicht beantwortet ist, wie nah der Einzelne diese Tiere in seiner Nachbarschaft haben will.

    Ein Glücksfall für den Artenschutz ist es, das ist der dritte wichtige Faktor, dass die europäischen Nationen auf diesem Gebiet verbindliche Formen der Kooperation gefunden haben. Die von mehr als 40 europäischen Staaten unterzeichnete Berner Konvention zum Schutz wildlebender Tiere und Pflanzen machte 1979 den Anfang. Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU aus dem Jahr 1992 implantierte ein Naturschutzregime, das die Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, bedrohte Arten und ihre Lebensräume nicht nur zu schützen, sondern aktiv auf einen „günstigen Erhaltungszustand“ dieser Arten hin zu arbeiten. Bär, Wolf und Luchs profitieren also von starken rechtsstaatlichen Verfahren und Institutionen, die auch im ehemaligen sowjetischen Machtbereich relativ schnell und erfolgreich eingeführt werden konnten. Rechtssicherheit ist nicht nur die wichtigste Voraussetzung für das Glück der Bürger, sondern auch für das ihrer tierischen Mitgeschöpfe. Es ist die relative politische, rechtliche und soziale Stabilität Europas, die dem Wilden sein Daseinsrecht verschafft. Dieses Wilde existiert nicht als romantisches Gegenbild zur Zivilisation, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der vom Menschen geprägten Lebenswelt. Das Wilde ist nicht dort, wo die Zivilisation noch nicht hingekommen ist, wie man das in amerikanischer Tradition meint. Es ist mitten unter uns. Diese Erkenntnis mag für manchen noch überraschend sein. Sie ist nicht leicht einzuordnen in ein weit verbreitetes Denkmuster, das „Natur“ nur als vom Aussterben bedrohte „Reste“ kennt, als etwas „Ursprüngliches“, das vom Menschen „zerstört“ wird. Die großen Räuber aber nutzen Verhältnisse, die vom Menschen geschaffen wurden.

    Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Europäer den zurückkehrenden Raubtieren wohlwollend gegenübersteht. Wenn die neue Nachbarschaft auf Dauer gut gehen soll, sind Nüchternheit und Realismus nötig. Romantisch verklären als ultimativen Friedenschluss zwischen Mensch und Natur darf man diese neue Nachbarschaft nicht.

    Obwohl man den Trend zur Rückkehr der Räuber eigentlich schon lange beobachten kann, hat die stürmische Wiederausbreitung der Wölfe doch selbst Experten überrascht. Als im Jahr 2000 in der sächsischen Oberlausitz zum ersten Mal seit 150 Jahren ein Wolfspaar in Deutschland Welpen großzog, rechnete niemand ernsthaft damit, dass 15 Jahre später der deutsche Wolfsbestand auf mehr als 30 Rudel angewachsen sein würde. Die Ausbreitungsrichtung ist Nordwesten. Ein territoriales Paar hat sich in der Nähe von Cuxhaven angesiedelt. Ost- und Norddeutschland wird in absehbarer Zeit flächendeckend von Wölfen besiedelt sein. Aber auch im Süden und Südwesten zeigen sich immer öfter Zuwanderer. Bei Frankfurt wurden im Frühjahr zwei Wölfe überfahren und kürzlich einer bei Lahr in Südbaden. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die mitteleuropäische Flachlandpopulation, zu der die deutschen Wölfe überwiegend gehören, und die italienisch-französische Population, die bis in die Alpen, den Jura und die Vogesen vorgedrungen ist, sich berühren und zu einem genetischen Austausch kommen, was die Zukunftsperspektiven für die mitteleuropäischen Wölfe dramatisch verbessern würde.

    Aber deren Zukunft hängt eben nicht nur von ihrer natürlichen Vitalität ab, sondern vor allem von der Akzeptanz, die sie bei ihren menschlichen Nachbarn finden.

    Lassen Sie mich abschließend einige kurze Anmerkungen zu drei Konfliktfeldern machen.

    An Bedeutung alle anderen überragend ist der Konflikt zwischen Schafhaltung beziehungsweise extensiver Weidewirtschaft und Wolf. Das ist auch ein Zielkonflikt innerhalb des Naturschutzes. Wenn der Wolf tatsächlich die extensive Weidewirtschaft dauerhaft zurückdrängen würde, wäre das ein Desaster. Wirksame Methoden des Herdenschutzes sind noch nicht für alle Landschafts- und Haltungsformen gefunden, ich nenne die Almwirtschaft und den Küstenschutz. Hier muss noch nach praktikablen Wegen gesucht werden, auch was die Abgeltung zusätzlicher Kosten und zusätzlichen Arbeitsaufwandes angeht.

    Beim Konfliktfeld Jagd-Wolf plädiere ich für Gelassenheit. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass der Wolf den Jäger arbeitslos macht. Bei den großen Schalenwildarten, vor allem beim Rotwild, müssen wir Jäger umdenken, aber das müssten wir auch ohne den Wolf. Er zwingt dazu, dass aus dem Lippenbekenntnis des großräumigen Wildmanagements endlich Taten folgen. Und er macht die Fixierung auch so mancher Hegegemeinschaft auf die gerechte Verteilung der Einser-Hirsche obsolet. Und wie im Hochgebirge Wintergatter bei Wolfspräsenz funktionieren sollen, das weiß noch kein Mensch. Auch dieses Thema muss wie überhaupt die ganze zuweilen an Halbdomestikation grenzende Rotwildhege gründlich bearbeitet werden. Wenn der Wolf überall hin darf, kann man das Rotwild eigentlich nicht mehr in Bewirtschaftungsbezirke einsperren.

    Schließlich die Frage, wie gefährlich Wölfe für uns Menschen selbst sind. Die letzten tödlichen Attacken von nicht tollwütigen Wölfen gab es in West- und Mitteleuropa in den Fünfziger- und Siebzigerjahren im Nordwesten Spaniens, wo vier Kinder von Wölfinnen getötet wurden, die Welpen in unmittelbarer Nachbarschaft von Geflügelfarmen großzogen. Sie waren zumindest habituiert, also an den Menschen gewöhnt, wahrscheinlich auch konditioniert, betrachteten den Menschen also als Nahrungsquelle. Das Entstehen solcher Bedingungen muss konsequent unterbunden werden. Der auffällige Welpenjahrgang aus Munster, der uns in den vergangenen Monaten beschäftigt hat, hätte schon viel früher die Alarmglocken schrillen lassen müssen. Es ist gut, dass nun genau beobachtet wird, was da auf dem Truppenübungsplatz passiert.

    Ein Restrisiko lässt sich bei einem großen Raubtier wie dem Wolf nicht ausschließen. Aber ich stehe auf dem Standpunkt, dass wir Europäer uns nicht auf ein Gewohnheitsrecht berufen können, nur mit ungefährlichen Tieren zusammen zu leben, während wir von Afrikanern verlangen, dass sie sich mit Löwen, Krokodilen, Nilpferden und Elefanten arrangieren, die Jahr für Jahr mehr Opfer fordern als in Europa Wölfe in hundert Jahren.

  5. Eratosthenes schrieb: „Es gibt Jäger, die verbringen ettliche Stunden in ihrem Revier ohne etwas zu schießen und fahren trotzdem zufrieden nach Hause. Andere sitzen auf dem Hochsitz und beobachten die Tiere in Wald und Flur und erfreuen sich daran.“

    Das mache ich auch. Wenn es DARUM geht, wozu braucht man dann eine Jagdwaffe? Fast noch ärgerlicher als die Hobbyjagd selbst sind die vorgeschobenen Gründe dafür.

    Und was soll die Anspielung auf das Wildfleisch? Die Wölfe wollen Sie ja wohl nicht essen.

    Das übrige, meist bei Drückjagden erlegte Wild, wird der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz zufolge bei Bewegungsjagden nur zu einem Drittel sofort tödlich getroffen. Zwei Drittel flüchten zunächst mit Schussverletzungen. Welcher redliche Metzger würde sich mit so einer schlechten Tötungsquote abgeben, bei der er nur ein Drittel der Tiere sofort tötet, während der Rest in Panik, ängstlich und schwer verletzt in sämtliche Ecken des Schlachthofes flüchtet, um dann – mit viel Glück – Stunden später von einem Hund gestellt und dann per Hundebiss, Messer oder mit der Schusswaffe zu Tode kommt? Guten Appetit.

    „Wenn es um die Entnahme von Wölfen geht, muss immer der ortskundige Jäger erster Ansprechpartner sein, alles andere wäre ein inakzeptabler Eingriff ins Eigentumsrecht“, erklärte DJV-Präsident Hartwig Fischer.“

    Darum geht es doch. Denn die Bejagung einer Zahl X an Wölfen hilft weder den Tierhaltern beim Herdenschutz (siehe Cuxhaven!) noch kann sie ängstlichen Menschen die Angst vorm bösen Wolf nehmen und ihnen garantieren, dass sie niemals einem Wolf begegnen. Diese Unsicherheiten wurden übrigens vielfach gerade aus dem jagdlichen Umfeld geschürt, um sich dann als edler Problemlöser à là Grimms Märchen anzubieten. Dabei wird übersehen, dass der Wolf im Märchen vom Rotkäppchen lediglich eine Metapher darstellt und die Bejagung eine reine Scheinlösung ist, die niemandem dient außer denen, die selbst Spaß am zweifelhaften Vergnügen der Wolfsjagd zu Hobbyzwecken haben.

    Es gibt mittlerweile eine Reihe von Studien aus Europa, den USA, Asien und Afrika, die belegen, dass eine Bejagung von Wölfen nicht nur NICHT zum Herdenschutz beiträgt, sondern die Anzahl der Risse gar noch erhöht – siehe in der Praxis aktuell in Cuxhaven, wo nach einer illegalen „Bejagung“ die Zahl der Risse überdurchschnittlich angestiegen ist.

    VET-MAGAZIN, 19.09.2016: Wolfsabschüsse schützen keine Nutztiere
    https://vet-magazin.de/wissenschaft/wildtierkunde/Wolfsabschuesse-schuetzen-keine-Nutztiere.html

    Und wenn der DJV die „Verdrahtung der Landschaft“ zu Herdenschutzzwecken beweint, sollte man ihm ein virtuelles Taschentuch reichen und ihn mal tröstend fragen, warum er die Verdrahtung der Landschaft aufgrund des Hobbys seiner Mitglieder zum Schutz vor Verbissschäden an Forstkulturen durch überhegte Schalenwildbestände nicht gleichermaßen betrauert:

    „Ein Ergebnis der Bundeswaldinventur 3, bei der in Niedersachsen mit Stichtag 01.10.2012 4.600 Stichproben erfasst wurden, sind > 50.000 ha Waldflächen eingezäunt, um so Wildschäden am Jungwuchs weitgehend zu vermeiden. Das entspricht ca. 15.000 Kilometer Zaun, also der Größenordnung der Außengrenzen der EU – allein in Niedersachsen.“

    (Statement des Niedersächsischen Ministers für Umwelt, Energie und Klimaschutz zur Entwicklung der Nutztierrisse, 16.11.2016, Anhang Faktensammlung
    https://www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/themen_im_fokus/wolf/statement-des-niedersaechsischen-ministers-fuer-umwelt-energie-und-klimaschutz-zur-entwicklung-der-nutztierrisse-149054.html )

    Übrigens hat das Bundesamt für Naturschutz entgegen der Darstellung des DJV nicht erst erstmals Ende 2017 festgestellt, „dass der Wolf keine natürliche Scheu vor dem Menschen hat“.

    So schrieb das Bundesamt für Naturschutz bereits 2006: „Wölfe, wie auch andere Tiere, haben keine „arttypische“ Scheu vor menschlichen Siedlungen oder Strukturen. Auch die Scheu vor dem Menschen ist nicht angeboren, sondern individuell erworben.[…] Dort, wo Tiere den Menschen nicht als Feind kennen gelernt haben, ignorieren sie ihn in aller Regel.“ (Seite 111) und „Selbst in einem so dünn besiedelten Gebiet wie der Oberlausitz, ist ein fast tägliches Zusammentreffen von Mensch und Wolf nahezu unvermeidbar. Wölfe werden gesehen, wenn sie Straßen oder Felder überqueren. Anfangs sind die Leute überrascht oder auch beunruhigt, wie nahe sich Wölfe an die Siedlungen „trauen“. […] Durch die Vermittlung möglichst detaillierter Kenntnisse über die „eigenen Wölfe“, kann es sogar gelingen, eine Art Vertrautheit im Zusammenleben mit dem Neubürger zu erreichen.“ (Seite 80)

    https://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/service/skript201.pdf

    Wenn jetzt der DJV behauptet, das Bundesamt für Naturschutz hätte seine Beurteilung über die angebliche „Scheu“ der Wölfe Ende 2017 geändert, fallen einem schon die Worte „Trickserei“ und „Täuschung“ dazu ein, die die Integrität eines solchen Teilnehmers in der Wolfsdebatte deutlich in Frage stellen und nicht gerade Vertrauen in dessen Seriosität erwecken.

    So entsteht allenfalls der Eindruck, dass der Wolf möglichst bejagt werden soll, BEVOR die breite Bevölkerung die Erfahrung machen kann, dass sich die Zahl der Wölfe ohne Zutun der menschlichen Jäger auf natürliche Weise reguliert (wie es die Wildbiologie längst erkannt hat), dass sich die Menschen wieder an die Anwesenheit der Wölfe gewöhnen und unaufgeregt mit ihnen in Nachbarschaft leben können und dass sich Nutztierrisse über einen flächendeckenden Herdenschutz, der von der Allgemeinheit finanziert wird, auf ein erträgliches Niveau einpendeln.

    Genau das gilt es offenbar zu verhindern – anders ist die Ungeduld derer, die den Wolf so gern auch im eigenen Land bejagen möchten, nicht zu erklären.

    Denn: Haben die Menschen erst einmal festgestellt, dass es beim Wolf ohne Jagd geht, werden sich die
    Waidmänner langfristig auch nach dem Sinn der Bejagung anderer Beutegreifer und Wildtiere fragen lassen müssen. Nichts geringeres als die Hobbyjagd als solche steht dabei auf dem Spiel.

    • Oh , Sie als Jagdexpertin müssen es ja wissen.
      Wahrscheinlich habe mir als Treiber bei vielen Jagden meine Eindrücke nur eingebildet(war ich jemals bei einer Jagd? War alles nur ein Traum???).
      Bei meinen ersten zwei Treibjagden hatte ich mir, naiverweise, ausgemalt , wieviel Wild wohl geschossen werden würde – Ergebnis: 0,0.
      Bei der ersten, alle Jäger hatten zwar Wild vor der Linse aber keiner ein eindeutiges Schussfeld. O-Ton damals:“Warum soll ich das Wild leiden lassen und nachsuchen?“.
      Bei der zweiten – einer Drückjagd im Maisfeld – nichts, weil die Wildschweine erfahren waren und einfach im Maisfeld sitzen geblieben sind. Natürlich waren einige Jäger enttäuscht das Sie nichts erlegt hatten aber wie sagte mein Onkel einmal passend:“Man fährt zehnmal in den Wald und hat einmal Erfolg.“.
      Vielleicht haben Sie recht und wir sollten die Privatjagd komplett verbieten und die Natur, in dem Fall dann wohl den Strassenverkehr alles regeln lassen.
      Soviele Wölfe kann es dann gar nicht geben wie die Wildpopulation dann explodiert da – was viele Wolfsfreunde weiterhin negieren ist – die norddeutsche Tiefebene ein zersiedeltes, urbanes Gebiet ist indem solch große, dann nötigen, Wolfsrudel gar nicht bestehen könnten.

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