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Bis dicht an die Wohnbebauung reicht dieser Acker an der Schnellenberger Allee. Deutlich zu erkennen auf dieser Aufnahme aus dem vergangenen Jahr ist der verdorrte Grünstreifen.

Chemische Spritzmittel bis ins Wohnzimmer?

Lüneburg. Wird das chemische Pflanzenschutzmittel Glyphosat in der Nähe von Wohngebieten und Spielplätzen ausgebracht? Und wie lässt sich das verhindern? Dieser Frage wird sich der Umweltausschuss in seiner kommenden Sitzung am Donnerstag, 12. April, widmen. Eingebracht hat die Anfrage die Stadtratsfraktion der Linken. Erst kürzlich hatte sie sich für Lüneburg als „pestizidfreie Kommune“ eingesetzt und war damit auf offene Türen gestoßen, auch, weil die Stadt auf dem Gebiet bereits seit Längerem aktiv ist.

Laut Anfrage der Linken bestehe der „Verdacht“, dass beiderseits der Schnellenberger Allee intensiv Glyphosat auf den dortigen landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht wird. Das Problem: Die Flächen liegen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohnbebauungen im Stadtteil Jüttkenmoor, außerdem grenzen sie direkt an einen Spiel- und Bolzplatz.

Wie Magdalena Deutschmann berichtet, habe sie den Fraktionsvorsitzenden der Linken, David Amri, auf dieses Thema angesprochen. Die Lüneburgerin setzt sich seit Längerem für ein Verbot von Totalherbiziden wie Glyphosat ein, sie sieht in dem Einsatz dieser Pflanzenschutzmittel einen entscheidenden Faktor für den Rückgang der Artenvielfalt. „Wir haben Fotos, die nahelegen, dass auf einem Acker Glyphosat ausgebracht wurde“, sagt Deutschmann.

Landwirte sollen nicht angeprangert werden

Einen Nachweis dafür gebe es zwar nicht, „meine Erfahrung im Umgang mit dem Mittel lassen das aber vermuten“. Ihr gehe es nicht darum, einzelne Landwirte anzuprangern, sondern Möglichkeiten der Stadt zur Einflussnahme auf einen Verzicht von Herbiziden zu prüfen.

Mit ihrer Anfrage wollen die Linken nun von der Stadt wissen, durch wen die Felder bewirtschaftet werden und ob dabei Pestizide zum Einsatz kommen. Zudem fragen sie, ob die Flächen Eigentum der Stadt sind und welche Möglichkeiten die Verwaltung sieht, um die Anwendung von Glyphosat in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten zu verhindern.

Anfang März hatte sich der Ausschuss schon einmal mit dem Thema beschäftigt. In der Sitzung hatten die Linken beantragt, die Stadt möge sich dem Kreis der „pestizidfreien Kommunen“ anschließen und auf den Einsatz von Glyphosat auf seinen Flächen verzichten und dies auch bei Pächtern dieser Flächen sowie Unternehmen mit kommunaler Mehrheitsbeteiligung erwirken (LZ berichtete). Im Ausschuss stieß der Antrag auf wohlwollende Unterstützung, auch, da die Stadt aufzeigen konnte, dass sie in Sachen Glyphosatverzicht bereits umfangreich aktiv ist. Vor einem Beitritt zum Kreis der „pestizidfreien Kommunen“ aber sollten noch abstimmende Gespräche mit der Landwirtschaftskammer Niedersachsen geführt werden mit dem Ziel, bei Neu-Verpachtungen den Einsatz von Pestiziden zu verringern und die Totalherbizide Glyphosat und Glufosinat und die bienengefährdenden Neonicotinoide zu verbieten. Ähnliches sollte auch mit dem Bezirksverband der Kleingärtner vereinbart werden.

Kleingärtner verzichten auf Glyphosat

Bereits aktiv geworden ist in dieser Sache der Kleingartenverein Schildstein. Die mit 285 Mitgliedern größte Lüneburger Kolonie hatte sich im Februar für den Verzicht von Glyphosat ausgesprochen, wie der erste Vorsitzende Frank Becker bestätigt. Unumstritten sei die Entscheidung indes nicht gewesen, „in diesen Fragen erreichen Sie nie völlige Übereinstimmung, schon gar nicht, da Glyphosat ja auch nicht verboten ist“, sagt Becker.

Unterstützung bekommt die Kolonie von Joachim Roemer, Präsident des Landesverbands Niedersächsischer Gartenfreunde und Vorsitzender des Kleingärtner-Bezirksverbands Lüneburg: „Aus unserer Sicht gibt es keinen Anwendungsfall nur für Glyphosat. In Kleingärten kann man daher auch darauf verzichten, es gibt Alternativen.“

Weitere Themen im Umweltausschuss

Sandabbau Häcklingen

In der Sitzung des Umweltausschusses am Donnerstag, 12. April, 16 Uhr, im Huldigungssaal des Rathauses berichtet die Verwaltung über den aktuellen Stand zum Verfahren über die geplante Wiederaufnahme des Sandabbaus in Häcklingen.

Ebenfalls auf der Tagesordnung stehen die Themen Belastung des Lüneburger Grundwassers mit Nitraten aus der Landwirtschaft, Informationen zur Messung von Luftschadstoffen sowie die Verwendung von Einweggeschirr in städtischen Unternehmen.

Von Ulf Stüwe

6 Kommentare

  1. Bevor man solche Anfragen im Stadtrat stellt hätte es der Linken gut getan sich zu informieren. Glyphosat ist nicht flüchtig, das bedeutet es gelangt nicht in Wohnzimmer.
    Diese Diskussion im Kommunale Verbote sind ein unglaublicher Akt, hier werden Gesetze des Bundes und der EU missachtet, besser kann man die Gesetzgeber und Gesetze nicht als unnütz herabstufen. Kein Wunder, dass die EU und auch Deutschland immer weiter Gefahr laufen vom Bürger nicht ernst genommen zu werden, der Brexit sollte auch Kommunalpolitiker zum Nachdenken anregen, leider passiert das nicht.
    Glyphosat hat alle gesetzlichen Anforderungen zur Zulassung als nicht selektives Herbizid erfüllt und das sollte anerkannt werden, ansonsten können wir uns Gesetze sparen und lassen in Zukunft nach Lust und Laune von wenigen Politikern Medikamente, Pflanzenschutzmittel und und und abstimmen. Aufwendige Prüfverfahren und Risikobewertungen verschlingen viele Geld, das kann man sich sparen, wenn Politiker meinen sich daran nicht zu orientieren. Noch schlimmer, wenn man Bundesbehörden als Politiker nicht trauen möchte, das stellt unser gesellschaftliches System in Gänze in Frage. Immerhin haben die Grünen das BfR gegründet und mit einem klaren Auftrag versehen.

    Und die Artenvielfalt wird durch Glyphosat nicht anders beeinflusst wie durch Maschinen und dem Pflug. Vielleicht kommt die Linke mal aus der Stadt heraus und spricht mit Landwirten, warum und wieso der Einsatz von Glyphosat sinnvoll sein kann und welche Vorteile der Verzicht auf intensive Bodenbearbeitung und den Pflug bietet. Der Pflug ist die Hauptursache für Bondenerosion durch Wasser oder Wind.

    Übrigens sind in die Biolandwirtschaft über 100 „Pflanzenschutzmittel“ zugelassen, auch dort kommt man nicht grundsätzlich ganz ohne aus, anscheinend ist auch das der Linken nicht bekannt. Und auch dort ist ein „Totalherbizid“ zugelassen – Pelargonsäure – bei diesem Wirkstoff kann man tatsächlich nicht ausschließen das er nicht im Wohnzimmer landet, wenn der Landwirt diese einsetzt. Um so bedenklicher, dass dieser Wirkstoff nun von Kommunen in den Städten in Parks und Spielplätzen eingesetzt wird.

  2. Tilman Küntzel

    Einen besonders guten Überblick darüber, wie lebensbedrohlich das Sprühen von Pestizide wie Glyphosat tatsächlich für Anwohner ist gibt die Arte-Dokumentation: „Roundup, der Prozess“ die auf YouTube zu finden ist.

    Roundup® ist unter diesem und anderen Markennamen das weltweit am meisten gespritzte Pflanzenschutzmittel. Vierzig Jahre nach dessen Markteinführung wurde sein Wirkstoff Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen eingestuft. Vor dem Hintergrund der in der Europäischen Union anstehenden Entscheidung über ein Glyphosat-Verbot geht die Doku dem Skandal auf den Grund.

    Allein 2014 wurden 825.000 Tonnen des starken Unkrautvernichters Glyphosat auf Feldern und in Gärten ausgebracht. Die Besorgnis hinsichtlich der Gefahren, die von dem weltweit meistgespritzten Pflanzenschutzmittel ausgehen, ist groß. Zumal die Internationale Agentur für Krebsforschung Glyphosat im März 2015 als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen einstufte und damit zu einem ganz anderen Schluss kam als die großen amerikanischen und europäischen Gesundheitsbehörden, die Monsantos Roundup® und dessen Wirkstoff Glyphosat als ungefährlich bezeichneten. Anknüpfend an ihren investigativen Dokumentarfilm „Monsanto, mit Gift und Genen“ aus dem Jahr 2008, zeigt die Autorin Marie-Monique Robin in ihrem neuen Film, dass Roundup® noch gefährlicher ist als bisher befürchtet: Der „Allestöter“ – so der Beiname des Produkts im Spanischen – macht krank und vergiftet Böden, Pflanzen, Tiere und Menschen, denn er ist überall anzutreffen: im Wasser, in der Luft, im Regen, in der Erde und in Lebensmitteln. Außerdem ist Glyphosat nicht nur krebserregend, sondern auch eine hormonaktive Substanz, ein starkes Antibiotikum und ein Chelatbildner, der Spurenelemente bindet. Der Film enthüllt die katastrophalen Folgen dieser Eigenschaften und zeigt aufwühlende Bilder von Opfern in den USA, Argentinien, Frankreich und Sri Lanka; auch zahlreiche Wissenschaftler kommen zu Wort. Roter Faden des Dokumentarfilms ist der symbolische Prozess vom Oktober 2016 in Den Haag: Beim internationalen Monsanto-Tribunal klagte eine Bürgerinitiative den Saatgut-Multi in dessen Abwesenheit auf Ökozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Ergebnis des Prozesses ist ein hieb- und stichfestes Rechtsgutachten, das möglicherweise dazu führen wird, dass „Ökozid“ als Tatbestand im internationalen Recht Anerkennung findet.

    Den Anwohnern der besagten Felder rechts und links der Schnellenberger Allee William-Watt-Str., Alec-Moore-Str., Vor dem Weißen Berge, Auf dem Kirchstieg, Auf der Höhe, Am Eiskeller ist zu empfehlen sich über eventuelle Erkrankungen ihrer Kinder die dort aufgewachsen sind auszutauschen und ggf. zu hinterfragen, ob das jährliche Versprühen von Glyphosat an ihren Gärten damit in Zusammenhang zu bringen ist.

    • Marie-Monique Robin hat schon so einige „Dokumentationen“ und Bücher veröffentlicht, gegen Impfen und das Übersinnliches „wissenschaftlich“ bewiesen ist. Der eine oder die andere mögen solche Dinge glauben, muss man aber nicht.

      Der Prozess läuft aktuell noch, für den Richter konnten die Ankläger bis heute keine wissenschaftliche Beweise vorlegen, die das Risiko von Glyphosat bestätigen.

      Was definitiv klar ist, ein Verbot von Glyphosat in Deutschland bedeutet rund 200.000 to Diesel mehr Verbrauch, Dieselabgase sind definitiv krebserregend.

      Heißgetränke sind laut IARC auch wahrscheinlich krebserregend…
      Sonnenlicht ist definitiv krebserregend.
      Die Liste 1 und 2a der IARC kann im Internet eingesehen werden, mehrere tausend Stoffe und Tätigkeiten sind dort genannt.
      Gefahr und Risiko sollten Berücksichtigung finden und das scheint nicht statt zu finden, wenn man die IARC hier nennt aber die Risikobewertung von rund zwei Dutzend Behörden weltweit ignoriert oder gar eine Verschwörung dahinter sehen möchte.

      • Es reicht, wenn man/frau sich „gefährdet fühlt“. Was ist da so schwer dran zu verstehen?
        Deshalb muss Glyphosat umgehend verboten werden und Lüneburg muss sich ganz dringend dem Kreis der „pestizidfreien Kommunen“ anschließen.

        Gut, es gibt keine wissenschaftliche Untersuchungen, die beweisen, dass Glyphosat schädlicher/gefährlicher ist, als was sonst so auf die Felder gekippt werden darf (-und muss?).
        Aber hey, seit wann lassen wir uns unsere Gefühle und Hysterie von Fakten kaputtmachen?

        • „seit wann lassen wir uns unsere Gefühle und Hysterie von Fakten kaputtmachen?“

          Leider ein wahrer Satz, Hysterie kann man mit Fakten meist nicht beseitigen. Das merkt man an der Glyphosat Diskussion.

  3. Norbert Kasteinecke

    Alles Verschwörungstheorien.

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