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Oskar Gröning sitzt im April 2015 am Anklagetisch in der zum Gerichtssaal umfunktionierten Lüneburger Ritterakademie. Das jetzt erschienene Buch geht auch auf die Frage ein, warum es so lange dauern musste, bis Gröning vor Gericht gestellt wurde. (Foto: t&w)

Die Schuld des Oskar Gröning

Lüneburg. Der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning, 2015 in Lüneburg wegen Beihilfe zu 30 000 Morden in Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt, starb am 9. März 2018 im Alter von 96 Jahren in einem Krankenhaus. Nur wenige Wochen nach seinem Tod ist jetzt das 192 Seiten starke Buch „Der Buchhalter von Auschwitz – Die Schuld des Oskar Gröning“ erschienen. Es setzt sich mit dem Leben eines Täters auseinander, geht auf die Jugendzeit, die Kriegsverbrechen und das bürgerliche Leben Grönings ein – einem Mann, der sich in dem Lüneburger Prozess in der Ritterakademie zu seiner moralischen, nicht aber zu seiner strafrechtlichen Schuld bekannt hatte. Der Autor Reiner Engelmann geht auch auf die Opfer ein und die Frage, welche Bedeutung das Lüneburger Verfahren für sie hatte.

Für sein Buch recherchierte
Reiner Engelmann in Archiven
und wertete
Gerichtsprotokolle
aus.

Der Autor aus Rheinland-Pfalz, Jahrgang 1952, war im Schuldienst tätig, nebenher veröffentlichte er Bücher, vorwiegend zu sozialen Brennpunktthemen, aber auch Kinderbücher. Für Schulklassen und Erwachsene organisiert er Studienfahrten nach Auschwitz, hat sich bereits 2015 in zwei Büchern mit dem Konzentrationslager beschäftigt: „Wir haben das KZ überlebt – Zeitzeugen berichten“ und „Der Fotograf von Auschwitz“. Schon vor dem Lüneburg-Prozess fokussierte Engelmann sich auf Oskar Gröning: „Weil er jemand war, der nicht sagte: ,Damit hab‘ ich nichts zu tun.‘ Er gestand seine moralische Schuld ein.“ Nach dem Prozess telefonierte er mit dem Verurteilten, der sich aber auf Geheiß seiner Anwälte nicht zum Prozess und den Taten äußern durfte, aber Gröning habe einen gebrochenen Eindruck gemacht: „Er sagte: ,Ich mag nicht mehr, ich kann nicht mehr.‘“ Ganz anders aber zeigte Gröning sich in seiner Jugend- und SS-Zeit.

„Er fühlte sich in der Rolle eines Unbeteiligten“

Der Autor skizziert es so: Gröning wuchs unter den Maßstäben Disziplin, Gehorsam, Zucht auf. Seine Wertmaßstäbe setzten sein im Ersten Weltkrieg verwundeter, kaisertreuer Vater und sein Großvater, der in einem Eliteregiment des Herzogtums Braunschweig diente. Der junge Oskar marschierte bei Aufmärschen der Stahlhelm-Jugend in seiner Heimatstadt Nienburg mit. Er trat 1940 freiwillig in die Waffen-SS ein, kam 1942 nach Auschwitz und wurde – durch seine Ausbildung bei der Sparkasse – zum Buchhalter. Engelmann: „Er fühlte sich in der Rolle eines Unbeteiligten bei diesen Vernichtungsaktionen. Selbst wenn er auf der Rampe Dienst tat, fühlte er sich für das Schicksal der Ankommenden nicht zuständig. Dass in Auschwitz Menschen starben, fand er normal. Deutschland sei im Krieg und im Krieg werde nun mal gestorben. So war seine Einstellung.“ Der Autor schildert auch bestialische Szenen der Tötungsmaschinerie.

Reiner Engelmann

Nach der Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft führte Gröning in seiner Heimatstadt ein gutbürgerliches Leben, verbot seiner Frau und seinen Söhnen, ihn nach dem Kriegsgeschehen zu fragen und erzählte niemandem von seiner Vergangenheit. In einem späteren Interview mit der BBC begründete er: „Jeder, der in Auschwitz war, dort gearbeitet hatte, egal in welcher Position, ob als Wachmann, am Schreibtisch oder als jemand, der die Dosen mit dem Zyklon B in die Gaskammern schüttete, hatte nicht das Gefühl, es unbedingt allen auf die Nase binden zu müssen, wo er war.“ Gröning wirkte in einer Glasfabrik als Buchhalter, arbeitete sich zum Personalchef hoch. Er war anerkannt, wurde sogar zwölf Jahre lang als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Nienburg eingesetzt. Engelmann: „Er blendete seine Zeit in Auschwitz komplett aus seinem Leben aus.“

Den Wendepunkt bei Gröning sieht der Autor 1985, angestoßen bei der Jahresversammlung des Philatelisten-Vereins in Nienburg durch ein Treffen mit einem Holocaust-Leugner, der ihm das Buch „Die Auschwitz-Lüge“ schenkte. Engelmann: „Er konnte nicht fassen, was er da las.“

Der Prozess sollte ihm selbst mehr Klarheit verschaffen

Als Gröning erklärte, dass der Holocaust sehr wohl stattgefunden habe und er dabei gewesen sei, habe er etliche Briefe von Leugnern bekommen. Und er habe sich selbst Fragen gestellt wie: „Bin ich ein Täter? Bin ich ein Mittäter? Trage ich eine Schuld in mir oder bin ich unschuldig?“ Fragen, die ihn immerwährend beschäftigt hätten und auch Grund gewesen seien, warum er sich dem Prozess in Lüneburg gestellt habe.

Fazit des Autors: „Wenn wir die Erkenntnisse aus der Vergangenheit, gerade auch mit Blick auf die Opfer, zur Grundlage für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft nehmen, dann können wir behaupten, aus der Geschichte gelernt zu haben. So hat der Prozess gegen Gröning auch heute noch, viele Jahre nach den Verbrechen, einen Sinn.“
» „Der Buchhalter von Auschwitz – Die Schuld des Oskar Gröning“ von Reiner Engelmann, erschienen im Verlag cbj, ISBN 978-3-570-16518-8, 16,00 Euro.

Von Rainer Schubert