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Rund 40 Zuhörer waren zur Ratssitzung ins Amelinghausener Rathaus gekommen. Zu ihnen zählte Anneke Böhm (stehend). (Foto: ape)
Rund 40 Zuhörer waren zur Ratssitzung ins Amelinghausener Rathaus gekommen. Zu ihnen zählte Anneke Böhm (stehend). (Foto: ape)

Unterricht am Nachmittag

Amelinghausen. Wie ein Mantra schallen die Hoffnungsbekundungen durch das Rathaus in Amelinghausen: Man möge sich doch bitte auf der Straße oder beim Einkaufen weiterhin freundlich in die Augen schauen, noch normal miteinander reden. Auch jetzt, wo klar ist: Die Grundschule im Ort wird ein teilgebundenes Ganztagskonzept bekommen. Nach langen Diskussionen hat der Rat der Samtgemeinde dazu einen Beschluss gefasst. Wie kaum einer zuvor brachte dieser die harte, emotionale Seite lokalpolitischer Arbeit zutage.

Ab dem Schuljahr 2019/2020 werden in Amelinghausen die Schüler nun an drei Tagen pro Woche erst um 14.30 Uhr nach Hause gehen. Sie sollen dann bereits zu Mittag gegessen und ihre Hausaufgaben erledigt haben. Das Angebot gilt allerdings, anders als es an Schulen mit einem offenen Ganztagskonzept der Fall ist, verbindlich für alle. Für diese Variante hatte sich Schulleiterin Uta Hommel eingesetzt, weil so auch der reguläre Unterricht in die Nachmittagsstunden verlegt werden darf und Praxisstunden oder Exkursionen den Schulalltag auflockern könnten.

Doch bis zum Schluss wurden Stimmen besorgter Eltern laut, die ihr Familienleben von der Neuerung beschnitten sehen. „Ich meine, jeder von uns, der hier ist, möchte eigentlich die Ganztagsschule – es ist nur die Frage der Form“, sagte Jürgen Langer, einer der rund 40 Zuhörer im Kultursaal. 77 Prozent der Ganztagsschulen in Niedersachsen haben nach Angaben des Kultusministeriums im Schuljahr 2017/2018 ein offenes Modell angeboten. Der Rest bevorzugt teilgebundene und vollgebundene Varianten.

Kalisch: Konzept ist nicht vom Himmel gefallen

„Gibt es einen Grund, warum die Samtgemeinde so extrem gegen den Strom schwimmt“, will Langer angesichts dieser Zahlen wissen. Zuhörerin und Mutter Jana Schrader geht noch einen Schritt weiter: „Haben Sie da nicht das Gefühl, dass Amelinghausen sich so ein bisschen als Versuchskaninchen hergibt?“ Samtgemeindebürgermeisterin Claudia Kalisch (Grüne) weist dies zurück, schließlich sei das Konzept „nicht vom Himmel gefallen, sondern in pädagogischer Begleitung, unter Beratung der Landesschulbehörde und auch von anderen Schulen entwickelt worden“.

„Mir wäre wichtig, dass das jetzt hier nicht als Schulkrieg endet.“ Gisela Plaschka, Ratsvorsitzende

Gerrit Böhm ist gleich mit einer ganzen Liste an Fragen in die Sitzung gekommen. „Ein anderes Problem sehe ich darin, dass aktuell die Kinder in Oldendorf von 9 bis 12 Uhr in den Kindergarten gehen. Das sind drei Stunden“, rechnet der 43-Jährige vor. „Kann das nicht eine Überforderung für die Kinder sein – schlagartig von drei Stunden auf sechseinhalb Pflichtstunden in der Schule?“ Uta Hommel aber versichert, dass man, sofern ein Kind Anzeichen von Überforderung zeige, wie bisher individuelle Lösungen mit den Eltern suchen werde. 30 Minuten müssen Hommel und der Rat den Skeptikern Rede und Antwort stehen. Denn der Punkt Einwohnerfragen geht auf Antrag der AfD in die Verlängerung.

Eltern, deren Vorstellung von Familienleben sich nicht mit dem neuen Konzept der Grundschule Amelinghausen vereinbaren lässt, können ihre Kinder auch an Schulen in den umliegenden Gemeinden anmelden. Der Landkreis müsste dann für den Transport aufkommen. Doch dazu bedarf es der Zustimmung beider Schulen. „Können wir uns als Eltern darauf verlassen, dass unsere Kinder aus Oldendorf abgeholt und zur Schule unserer Wahl pünktlich und zuverlässig gebracht werden“, will ein anderer Vater wissen. Bislang, versichert Kalisch, habe das immer geklappt.

Zwei Gegenstimmen in der Gesamtkonferenz der Schule

Immer wieder muss Ratsvorsitzende Gisela Plaschka (FDP) mit dem Flaschenöffner gegen ihr Wasserglas schlagen, um die erhitzten Gemüter wieder zur Ruhe zur bringen. „Mir wäre es sehr wichtig, dass das jetzt hier nicht als Schulkrieg endet“, sagt sie. Man brauche daher dringend eine Entscheidung. Dazu sollte auch das Ergebnis der Gesamtkonferenz der Schule tags zuvor beitragen. Von den 23 stimmberechtigten Elternvertretern und Mitarbeitern hatten sich laut Hommel zwei gegen das Konzept ausgesprochen. Drei enthiellten sich, 18 stimmten dafür.

Dass diese Entscheidung richtig sei, bezweifelt auch Felix Petersen nicht. Trotzdem fehlt es ihm an Verbindlichkeit für Eltern, die ihre Kinder an anderen Schulen anmelden wollen. Zum Beispiel bei der Gewährleistung des Schülertransports. Der CDU-Mann hätte lieber erst Antworten und dann eine Abstimmung. Kalisch aber erwidert: „Entscheiden sie dagegen oder dafür – aber bitte heute. Wenn jetzt Eltern ihre Kinder auf eine Schule bringen, die dann eine andere Form bekommt als sie im Moment denken, dann sind noch mehr Eltern betroffen.“ Am Ende hieß es 15 zu fünf für die Befürworter des neuen Ganztagsschulkonzepts, bei einer Enthaltung.

Von Anna Petersen