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Das Portal nebenan.de wirbt in Lüneburg auch mit Handzetteln. Verbraucherschützer warnen in diesem Zusammenhang vor einer leichtfertigen Preisgabe der eigenen Daten. (Foto: t&w)
Das Portal nebenan.de wirbt in Lüneburg auch mit Handzetteln. Verbraucherschützer warnen in diesem Zusammenhang vor einer leichtfertigen Preisgabe der eigenen Daten. (Foto: t&w)

Alles nette Nachbarn?

Der Lüneburg. Viele Lüneburger entdeckten es schon in seinem Postkasten: ein freundlich formuliertes Anschreiben von Paul oder Sonja aus der Straße um die Ecke. Um Nachbarschaftshilfe wird geworben, ein hilfreiches Vernetzen, eine knuffige und zugleich praktische Alternative zur anonym-urbanen Isoliertheit. Doch was auf den ersten und zweiten Blick wie eine Initiative agiler Stadtviertel-Bewohner daherkommt, erweist sich bei näherer Prüfung als groß angelegtes Werbeprojekt einer Start-Up-Firma mit Sitz in Berlin. Seit mehr als zwei Jahren zieht das Unternehmen „Good Hood GmbH“ hinter der Fassade der Online-Ansprache „Schön, dass wir Nachbarn sind“ bundesweit seine Vernetzungsfäden.

In Lüneburg sind 13 „aktive Nachbarschaften“ mit rund 1800 akkreditierten Bürgern am Start: Altstadt, Häcklingen/Rettmer, Rotes Feld/Wilschenbruch, Bockelsberg, Am Zentralfriedhof, Lüne/Schützenplatz, Neu Hagen, Kaltenmoor, Kreideberg, Mittelfeld, Goseburg-Zeltberg/Ochtmissen, Weststadt, Ebensberg/Moorfeld. In Hamburg, die 2016 als zweite Stadt nach Berlin startete, gibt es sogar 230 Nachbarschaften mit 50 000 Beteiligten.

Die Motivation der Betreiber „Wir möchten, dass sich die Menschen in ihrer Straße und ihrem Viertel zu Hause fühlen und aus Fremden Nachbarn werden“ findet nicht nur Zuspruch. Denn während sozial engagierte Stadtteil-Bewohner „nebenan.de“ als Plattform für Verkäufe, Dienstleistungen und Freizeitgestaltung schätzen und nutzen, warnen Skeptiker und Verbraucherschützer vor zu viel Naivität. Zumal bei der Anmeldung neben Namen und Adresse auch Beruf und Hobbys angegeben werden sollen.

Daten als Zahlungsmittel

„Grundsätzlich sollte man gut überlegen, wem man seine Daten gibt“, empfiehlt Kathrin Körber, Rechtsexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Sie hatte bereits im vergangenen Jahr davor gewarnt, dass der Dienst zu einem Angebot werden könnte, „bei dem man mit seinen Daten, die man abgeliefert hat, bezahlt.“ Die Internetplattform sei ein weiterer Schritt zu einem gläsernen Verbraucher.

Auslöser der Debatte war die Reaktion von Kommunalpolitikern im Hannoverschen Stadtbezirksrat Südstadt-Bult auf den Einstieg des Medienunternehmens Burda beim Portal nebenan.de. Der Verlagsgigant unterstützt den Newcomer seit 2016 mit 5,5 Millionen Euro, nachdem er auch schon das Karrierenetzwerk Xing großgemacht hat. Die CDU-Ratsfrau Ute Krüger-Pöppelwiehe reagierte darauf mit dem Hinweis, das Unternehmen werde sicher in Zukunft Geld verdienen wollen. „Mir kann doch keiner erzählen, dass die das aus reiner Nächstenliebe machen.“

Der Mitbegründer und Geschäftsführer von nebenan.de, Till Behnke, hingegen betonte: „Wir werden nicht mit Daten handeln, weil wir das Vertrauen der Nutzer nicht missbrauchen werden.“ Motivation für die Gründung von nebenan.de sei gewesen, nachbarschaftliche Beziehungen zu fördern. Behnke ist als Mitbegründer der vordergründig sozial engagierten und gleichzeitig wirtschaftsnahen Spendenplattform Betterplace bereits in die Kritik geraten. Zweiter hauptsächlicher Mitbegründer des Nachbarn-Netzwerks ist Christian Vollmer, unter anderem Gründer, Mitbetreiber und Geschäftsführer der Dating-Plattform edarling.de sowie Vorstandsmitglied des Bundesverbands deutscher Startups und Beiratsmitglied der Organisation „Junge digitale Wirtschaft“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.

Vorbilder machen Milliardenumsätze

„Unsere vierzig Mitarbeiter bezahlen wir zurzeit noch mit Investoren-Geldern, wollen aber selbstverständlich mit nebenan.de Gewinne machen“, sagt Pressesprecherin und Mitbegründerin Ina Brunk gegenüber der LZ. Wie bei vergleichbaren US-Online-Portalen soll das Geld von örtlichen Anbietern fließen, die auf nebenan.de für ihr Angebot werben. In Konkurrenz oder in „nachbarschaftlicher Ergänzung“ zu Facebook bietet die Plattform lokalen Betrieben sorgfältig nach Wohngebiet sortierte Daten der Nutzer an. Restaurants, Geschäfte, Apotheken, Optiker, Friseure oder Discounter können speziell abgestimmte Werbung platzieren und gezielt das gewünschte Klientel ansprechen.

Betrachtet man die Entwicklung der Vorbilder, können die Berliner Betreiber und der teilhabende Burda-Konzern auf satte Gewinne hoffen. Die US-Plattform „Nextdoor“ konnte laut eines Berichts des Manager Magazins vom Juli 2017 aus 210 Mil­lio­nen Dol­lar Ri­si­ko­ka­pi­tal in nur sechs Jahren ihren Wert auf über 1,1 Mil­li­ar­den Dol­lar steigern.

Von Ina Freiwald

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