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Claudia Nitsche und Markus Bikowski sind täglich von zehn Kindern umgeben, sie haben das Erdgeschoss ihres Wohnhauses in eine Kindertagespflege umfunktioniert. (Foto: t&w)
Claudia Nitsche und Markus Bikowski sind täglich von zehn Kindern umgeben, sie haben das Erdgeschoss ihres Wohnhauses in eine Kindertagespflege umfunktioniert. (Foto: t&w)

„Ein richtiger Mama-Ersatz“

Lüneburg. Für Kristina von Teichman war klar: Wenn sie ihr Kind in eine Betreuungseinrichtung gibt, dann soll es „ein richtiger Mama-Ersatz“ sein. Den sieht die Mutter zweier Kinder zumindest in den ersten Lebensjahren nur bei Tageseltern. Nach Johann, der inzwischen den Kindergarten besucht, hat die Adendorferin auch Sohn Fritz im „Kinderbürgergarten“ von Claudia Nitsche und Markus Bikowski (54) angemeldet. „Das ist super familiär hier“, schwärmt die Mutter, die auf dem Teppichboden in einem der drei großen Spielräume kniet. Ihr zweijähriger Blondschopf wirbelt mit weiteren neun Kindern um sie he­rum. Vor 15 Jahren hatte das Ehepaar Bikowski das Erdgeschoss seines Hauses in ein Kinder-Paradies verwandelt. Es war damals die erste Großtagespflege in Lüneburg.

Wenn Claudia Nitsche an die Anfänge zurückdenkt, muss sie lächeln. Die ausgebildete Erzieherin versuchte, als Mutter von zwei Kindern wieder ins Berufsleben einzusteigen. „Das war ganz schön schwer“, erinnert sich die 53-Jährige. Aus ihrer Tätigkeit beim Kinder- und Jugendschutzbund wusste sie von der großen Nachfrage nach Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren. So kam ihr die Idee, sich in den eigenen vier Wänden selbstständig zu machen. „2003 haben wir den Kinderbürgergarten eröffnet.“

Damals war die Ausbildung noch freiwillig

Damals hätte es kaum Auflagen gegeben für Tagespflegeeltern, sagt sie. Die Erlaubnis zu bekommen, sei kein Problem gewesen, auch sei die Ausbildung beim Tagespflegeverein noch freiwillig gewesen. Ein Problem, das es vor 15 Jahren noch gab, konnten sie und ihr Mann umgehen: So war es damals noch nicht erlaubt, dass sich zwei Tagespflegeeltern zusammentun. „Wir sind verheiratet, man konnte ja nicht von uns erwarten, dass wir uns trennen“, erzählt sie mit einem Augenzwinkern. Größere Hürden hatten dagegen die Eltern zu bewältigen: Sie mussten die Beiträge damals noch in vollem Umfang selbst zahlen. Erst seit 2006/2007 übernimmt das Jugendamt einen Teil der Kosten. „Damit kamen die Auflagen.“

Auch heute noch nimmt Claudia Nitsche eine 50- bis 60-Stunden-Woche gern in Kauf. Markus Bikowski arbeitet nebenbei noch als Architekt. Beide sind sich einig: „Man bekommt sofort das zurück, was man investiert, hat strahlende und zufriedene Kinder um sich, die einem morgens in die Arme laufen.“ Auch sei es eine gute Sache, wenn man selbst Mutter ist, sagt Claudia Nitsche. „Mein Sohn und meine Tochter sind in dem Umfeld großgeworden.“ Anton, inzwischen 19 Jahre alt ist, packt heute regelmäßig mit an, wenn er aus der Schule kommt oder einen Tag frei hat.

Rund 100 Jungen und Mädchen haben in den 15 Jahren in den Räumlichkeiten getollt, im Gewächshaus im Garten Gemüse geerntet und Ausflüge in die Stadt unternommen. Fotos auf bunten Papier-Luftballons erinnern an die Ehemaligen. Sie verzieren die Wände des Zimmers, das für den Mittagsschlaf stets in eine Matratzen-Landschaft umfunktioniert wird. „Das ist eine ganz besondere Atmosphäre“, sagt Nitsche, die sich dann stets dazu legt, ein Lied singt und aus einem Buch vorliest. „Jedes Kind hat mit Decke und Schnuller einen festen Schlafplatz, sie können sich an mich kuscheln, miteinander Händchen halten.“

Eltern schätzen die besondere Vertrautheit

Diese Vertrautheit ist es, die sich Kristina von Teichman für ihren Sohn wünscht. „Claudia bereitet für jedes Kind einen kleinen Haufen aus Klamotten vor, sie weiß nachmittags noch, wer welche Socken anhatte, wer wie viel gegessen hat, wer sich gut benommen hat.“ Bibiane Rzeha hat nach Sohn Kasimir auch Töchterchen Karlotta in die Betreuung des Ehepaares gegeben. „Gerade am Anfang ist es nicht einfach, sein Kind wegzugeben. Man muss ein gutes Gefühl haben.“ Die Lüneburgerin hatte lange gesucht, etliche Krippen kontaktiert. Dass sie letztlich bei Nitsche und Bikowski Erfolg hatte, sei „pures Glück“ gewesen.

In Notfällen springen die beiden auch vor 7 und nach 15 Uhr ein. „Wir können über den normalen Rahmen hinaus für die Eltern da sein“, sagt die Erzieherin und nennt eine Geburt als Beispiel. „Auch nachts sind wir mal zu einer Familie gefahren.“

Zur Sache

Großtagespflege in Stadt und Kreis

Elf Einrichtungen , die unter die Bezeichnung Großtagespflege fallen, gibt es in der Stadt Lüneburg, sechs sind betrieblich organisiert. Im Landkreis sind es vier Großtagespflegen in Amelinghausen, Wendisch Evern, Deutsch Evern und Barendorf. In der Regel arbeiten dort zwei hauptamtliche Tageseltern, die acht bis zehn Kinder betreuen. Manche haben eine dritte Vertretungskraft. Ein Info-Abend zur Qualifizierung in der Kindertagespflege findet am Donnerstag, 19. April, ab 19.30 Uhr in St. Johannis statt.

Der Bedarf für Kinder unter drei Jahren ist nach Auskunft der Stadt besonders im östlichen Teil Lüneburgs groß, also in der Nähe des Bahnhofs, in Neu Hagen, Kaltenmoor und dem Hanseviertel. Der Kreis ist vergleichsweise gut aufgestellt, Bedarf gibt es aber nach wie vor in Dahlenburg, Bleckede und im Amt Neuhaus. Ausbaufähig ist die Randzeitenbetreuung.

Von Anna Paarmann

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