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Den sportlichen Nachlass von Handball-Legende Werner Vick unter die Lupe genommen und das Übergabeprotokoll unterschrieben haben (v. l.): Erik Eggers, André Kutzick, Claudia Kutzick, Wolfgang Ullrich, Gerald Glöde und Prof. Dr. Detlef Kuhlmann. (Foto: t&w)
Den sportlichen Nachlass von Handball-Legende Werner Vick unter die Lupe genommen und das Übergabeprotokoll unterschrieben haben (v. l.): Erik Eggers, André Kutzick, Claudia Kutzick, Wolfgang Ullrich, Gerald Glöde und Prof. Dr. Detlef Kuhlmann. (Foto: t&w)

Der Handball-Schatz aus Süttorf

Lüneburg/Süttorf. Erik Eggers, Sporthistoriker aus der Nähe von Itzehoe, kann sich sich kaum satt sehen an den Medaillen, Alben, Filmrollen, Briefen und Büchern. Und Sportwissenschaftler Prof. Dr. Detlef Kuhlmann schwärmt: „Ein Sensationsfund, einzigartig für den Handballsport und auch darüber hinaus.“ Was die beiden Experten so bewegt, ist der sportliche Nachlass von Werner Vick, als Spieler und Trainer über Jahrzehnte eine Handball-Legende, geboren 1920 in Hamburg, wohnhaft in Süttorf bei Neetze, verstorben im Jahr 2000. Gemeinsam mit Vertretern des Handball-Verbands Niedersachsen (HVN) holten Eggers und Kuhlmann die riesige Sammlung in dieser Woche aus Lüneburg ab.

Die WM-Goldmedaille von 1966 gehörte zu den Schätzen, die es Erik Eggers besonders antat. Auch die goldene WM-Plakette von 1959, als Trainer errungen, die Goldmedaille von 1952 – als Spieler erkämpft– prüfte Eggers besonders genau. Ein Album mit Fotos vom Finale der Deutschen Meisterschaft im Feldhandball 1943 in Hamburg sorgte für große Augen, auch viele Briefe der Handball-Legende.

Ans Tageslicht gebracht hatten den Fund Claudia und André Kutzick aus Süttorf. Schon ab 1998, als sie Werner Vicks Nachbarhaus gekauft hatten, waren sie Nachbarn der Handball-Legende. „Zuerst wussten wir gar nicht, welche Bedeutung Werner Vick hat. Der Kontakt war nicht so eng, aber es war ein nettes Miteinander unter Nachbarn“, erinnert sich Claudia Kutzick.

Das „Handball-Zimmer“

Als 2011 auch Werners Vicks Witwe Lieselotte verstarb, nutzte Claudia Kutzicks Mutter die Gelegenheit. Sie kaufte das Vicksche Haus von den Erben als ihr neues Domizil. „Komplett mit allem, was darin war“, erinnern sich Claudia und André Kutzick. Und darin enthalten war eben auch das „Handball-Zimmer“ der Sport-Koryphäe. Ob es ein Foto davon gibt, wollte Sporthistoriker Eggers wissen – „das haben wir leider nicht“, mussten die Kutzicks passen.

Für Claudia und André Kutzick war früh klar: Sie haben kein Interesse an den Handball-Schätzen. Gegenüber der Landeszeitung, die am 10. März über die „Schätze“ aus Süttorf berichtete, sagten sie: „Wir würden uns freuen, wenn wir die Gegenstände in Hände abgeben könnten, die diese historischen Trophäen zu schätzen wissen.“

„Ein Sensationsfund, einzigartig für den Handballsport und auch darüber hinaus.“ Prof. Dr. Detlef Kuhlmann, Sportwissenschaftler

Die Resonanz auf den Aufruf war groß: Zuerst meldete sich der MTV Treubund Lüneburg. Neben seinen nationalen und internationalen Verpflichtungen war Werner Vick in den 1970er-Jahren Co-Trainer des damaligen Männer-Oberligisten. Auf den Fund aufmerksam wurden durch den Artikel in der LZ auch Wolfgang Ullrich, Ehrenpräsident des Handball-Verbands Niedersachsen, HVN-Geschäftsführer Gerald Glöde sowie eben Detlef Kuhlmann und Erik Eggers.

Viele Aspekte machen Werner Vick für die Sporthistorie interessant, erklärt Detlef Kuhlmann. Mit seiner Dienstzeit von 1955 bis 1972 sei er zum Beispiel der dienstälteste Männer-Bundestrainer gewesen. „Er war auch der Erste, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln als Dozent hauptamtlich Handball lehrte.“ Vicks Kollegen dort, weiß Detlef Kuhlmann: Sepp Herberger, Trainer der Fußball-Weltmeistermannschaft von 1954, und Helmut Bantz, Olympiasieger im Kunstturnen von 1956.

Eine gesamtdeutsche Figur im Leistungssport

Erik Eggers: „Werner Vick ist auch interessant als eine gesamtdeutsche Figur im Leistungssport: 1959 in Österreich holte er mit einer Mannschaft aus je acht Spielern der Bundesrepublik und der DDR den Titel bei der Weltmeisterschaft im Feldhandball.“ Detlef Kuhlmann: „Die Weltmeister von damals sind ewige Weltmeister, es war nämlich die letzte Weltmeisterschaft im Feldhandball.“ Der große Umfang der Sammlung, mache sie so wertvoll, findet Kuhlmann. „Die geschlossene Sammlung soll auch erhalten bleiben.“

Eggers, Kuhlmann, Ullrich und Glöde eint ein Ziel: Sie wollen die Geschichte des Handballs in Norddeutschland dokumentieren, auch die gesamtdeutsche Handballgeschichte. Und sie wollen dazu beitragen, einmal ein Institut für die Geschichte des Handballsports zu gründen, auch ein Deutsches Handballmuseum. Kuhlmann: „Beim Fußball gibt es das, auch in anderen Sportarten, beim Handball dagegen nicht.“

Ihre jüngste regelmäßig stattfindende Gesprächsrunde zu diesem Thema verlegte das Experten-Quartett in dieser Woche von Hannover in die Volkshochschule in Lüneburg – um dort die Schätze von Werner Vick abzuholen. Die werden nun zunächst in der HVN-Zentrale in Hannover sortiert und aufbereitet, dann weiter untersucht.

Zur Person

Handball-Legende Werner Vick

Werner Vick als Spieler in den 1950er-Jahren – beim Schuheputzen. (Foto: privat)
Werner Vick als Spieler in
den 1950er-Jahren – beim
Schuheputzen.
(Foto: privat)

Ob als Spieler, als Trainer oder später im Schiedsrichterwesen – Werner Vick war eine besondere Figur im Welthandball. Für den SV Polizei Hamburg holte er zwischen 1941 und 1955 sechs Deutsche Meistertitel im Feldhandball, 1952 und 1955 wurde er als Spieler Weltmeister, bis zu 50  000 Zuschauer kamen damals zu den großen Spielen. Ebenfalls als Spieler holte Vick zwischen 1950 und 1953 mit den Hamburgern vier DM-Titel im Hallenhandball.

Als Trainer triumphierte Werner Vick 1959 und 1966 als Weltmeister im Feldhandball, von 1955 bis 1972 war der Süttorfer Herren-Bundestrainer. Von 1973 bis 1981 trainierte er die deutschen Damen. Weltweit war Werner Vick unterwegs – für die Trainer-und Methodikkommission der Internationalen Handball-Föderation (IHF) von 1972 bis 1981 und für die IHF-Schiedsrichterkommission von 1981 bis 1992.

Von Ingo Petersen