Donnerstag , 18. Oktober 2018
Aktuell
Home | Lokales | Wo einst Sträflinge schufteten…
Auszubildende des Maurerhandwerks bauen die Einfassung der ehemaligen Kettenstrafanstalt wieder auf. Heute ist auf dem Gelände die Herberge Plus untergebracht. Mehr Informationen zum Projekt gibt es auf der Seite www.lebensraum-diakonie.de im Internet. (Foto: t&w)

Wo einst Sträflinge schufteten…

Lüneburg. Mauern haben im Regelfall etwas Trennendes. Sie sollen Menschen davon abhalten, von einer Seite auf die andere zu gelangen. Gerade die Deutschen können ein Lied davon singen. In Lüneburg gibt es aber auch das Gegenbeispiel: In der Altstadt entsteht eine Mauer, die verbindet. Denn der Wiederaufbau der im vergangenen Jahr abgetragenen Einfassung Am Sülzwall vereint viele Institutionen und Gruppen, die entweder aktiv mitwirken durch Arbeitskraft und Fachverstand oder Geld geben, damit die Stadt ihr schönes Gesicht behält. Auch wenn die Arbeiten eigentlich schon deutlich weiter vorangeschritten sind, wurde gestern offiziell der Grundstein gelegt. Die LZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

Warum musste die alte Mauer weichen?
Sie war marode und brüchig, hatte Risse und Abplatzungen, war zum Teil aus qualitativ schlechten Ziegeln gebaut worden und auf Dauer nicht mehr standsicher.

Warum wird die Mauer überhaupt wieder aufgebaut?
Sie steht unter Denkmalschutz, hat eine stadtbildprägende Funktion. Deshalb werden auch alte Ziegel verwendet.

Was ist denn so besonders an ihr?
Es ist weniger das Alter als vielmehr die Geschichte des Areals. Die Mauer gehörte zur Kettenstrafanstalt, die zwischen 1837 und 1841 erbaut wurde. Dort waren Sträflinge untergebracht, die im Kalkbruch Steine schlagen mussten. Ein Teil der bis zu 3,10 hohen Mauer entstand schon beim Bau der Anstalt, ein anderer Part in der 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Der Gipsabbau wurde 1921 eingestellt, zuletzt waren wohl an die 300 Insassen hier untergebracht. Später diente der Block als Jugendherberge, seit 1968 nutzt ihn der Herbergsverein, unter anderem sind hier Obdachlose untergebracht.

Woher kommen die Ziegel?
Ein Großteil aus Uelzen. Dort ist eine Essigfabrik zurückgebaut worden, 12 000 gebrauchte Ziegel davon werden nun in Lüneburg wiederverwendet. Auch aus den Resten der alten Mauer konnten Ziegel gerettet werden, hinzu kamen Exemplare aus dem Abriss von zwei privaten Bauwerken in Lüneburg.

Wem gehört die Mauer?
Dem Verein Lebensraum Diakonie, zu dem sich der Diakonieverband Nordostniedersachsen und der Herbergsverein Lüneburg Anfang 2018 zusammengeschlossen haben.

Welche Ausmaße hat das Bauwerk?
Die Mauer ist 73 Meter lang und 1,16 Meter hoch, die 21 Stützpfeiler sind etwa 1,30 Meter hoch.

Wer baut die Mauer?
Auszubildende des Maurerhandwerks. Die Abdeckung werden Schüler der Georg-Sonnin-Schule herstellen.

Wie lange soll das dauern?
Bis zum Ende der Sommerferien soll das Teilstück links des großen Torbogens fertig sein, danach geht es an den Torbogen und das Teilstück rechts davon. Dafür gibt es noch kein festes Zeitfenster.

Was kostet das?
In den vergangenen Jahren war meist von 200 000 bis 300 000 Euro die Rede. Durch Sponsoren – Firmen ebenso wie Nachbarn und andere Privatleute –, die Geld gegeben haben, und Fachleute, die ihre Arbeitskraft kostenfrei zur Verfügung stellen, konnten die Kosten deutlich gesenkt werden, laut Dörthe Grimm fallen wohl um die 25 000 Euro an, hauptsächlich für Material.

Wer ist alles beteiligt?
Neben dem Eigentümer rund ein Dutzend Partner, vor allem aus dem Handwerk, dazu der Architekt Amando Esfandiary, die Stadt Lüneburg, der Arbeitskreis Lüneburg Altstadt, die Georg-Sonnin-Schule und die Jugendbauhütte im Landkreis Stade.

Von Alexander Hempelmann