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Alpaka Nono wacht über die Hühner auf dem Biohof der Familie Dreyer in Thunpadel kurz vor Dannenberg. Foto: Vogt

Bodyguard im Wollgewand

Thunpadel. Der große Nono, der cremefarbene Topaz und der braune Andi sind zurzeit arbeitslos. Das heißt – fast arbeitslos. Die scheuen, aber neugierigen Alpakas passen auf einige wenige Hühner auf, die es auf die „Krankenstation“ geschafft haben – eine kleine, mit Bäumen umstandene Wiese unweit des Prisserschen Mühlenbachs, der um die alte Wassermühle in Thunpadel, kurz vor Dannenberg, mäandert. „Henni ist halbblind und Hinke-Lotta humpelt“, berichtet die sechsjährige Eva-Marie, die das sehgeschädigte Huhn auf dem Arm hält. Neugierig kommt Nono an und schnuppert.

Die Alpakas stampfen, schlagen aus und beißen

„Ich bekomme immer gute Laune, wenn ich die Jungs sehe“, lacht Steffi Dreyer. Die „Jungs“, das sind ihre drei Alpakas, freundlich, aber nicht zu jedem. Denn der Job der kleinen Andenkamele ist es, auf die 225 Hühner aufzupassen, die den Dreyers Bio-Eier liefern. Normalerweise – zurzeit findet ein Generationswechsel statt. Die alte Hühnergarde war in die Jahre gekommen, sie legten nicht mehr genug. „Es wurde Zeit für jüngere. Aber kein einziges unserer alten Hühner ist im Kochtopf gelandet“, versichert Steffi Dreyer, die gemeinsam mit ihrem Mann Christian am Mühlenbach, etwas abseits vom Ort, eine kleine Biolandwirtschaft im Nebenerwerb betreibt. Anfang voriger Woche kamen Mitarbeiter des Vereins „Rettet das Huhn“ nach Thunpadel und holten alle Hähne und Hühner ab. Dreyer: „Sie wurden in ganz Deutschland verteilt, und alle dürfen weiterleben.

Nächste Woche kommen frische Hühner, die tagsüber auf der sanft gewellten Wiese scharren können. Nachts werden sie in einem großen Hühnermobil untergebracht. Und schon bald gibt es dann wieder jede Menge zu tun für Nono, Topaz und Andi. Denn die kleinen Andenkamele sind hervorragende Bodyguards für die Hühner. Habichte und andere Raubvögel trauen sich nicht mehr auf die Weide. Der Schutz­instinkt der wolligen Vierbeiner ist so ausgeprägt, dass sie auch Füchse verscheuchen, die versuchen, Beute auf der Wiese zu machen. „Sogar Katzen auf Raubzug werden von den Alpakas gestellt“, freut sich Dreyer. Die ungleiche Gemeinschaft lebt ein wahrhaft idyllisches Leben auf der großen Wiese am Mühlenbach.

Die Kinder der Dreyers führen ein mindestens ebenso idyllisches Leben. Mit ihrer kleinen Schwester saust Eva-Marie auf dem Fahrrad die Straße ins Dorf hoch. Durchgangsverkehr gibt es hier nicht mehr, seit die kleine Brücke wegen Baufälligkeit gesperrt wurde, nur Fahrräder passen noch durch die Absperrung. Ein Hauch von Bullerbü – gekrönt von einem Plakat, das Marunde für die Familie gemalt hat. Ein Hahn und ein Alpaka inmitten einer Hühnermeute lächeln dem Betrachter entgegen.

Ziegen und Schafe als Hütetiere zu klein

Lamas und Alpakas sind keine Fluchttiere, sie stoßen bei Gefahr einen Warnschrei aus und stellen sich zwischen Angreifer und Herde oder greifen an. Sie rennen auf den Angreifer zu und versuchen, ihn mit heftigem Stampfen, Ausschlagen und Beißen zu vertreiben. Sie sind sehr aufmerksam und neugierig, sie patrouillieren in der Herde und halten Ausschau. Dabei sind Alpakas ziemlich pflegeleicht. Sie machen wenig Mühe, fressen Gras, bekommen nur ein bisschen was zusätzlich, da sie aus den Anden mehr Flechten gewohnt sind, als sie in der Norddeutschen Tiefebene finden. Die Alpakas kommen, ebenso wie die Hühner, nachts in einen Stall. „Sie gehen gut am Zügel, bekommen alle sechs Wochen die Fußnägel geschnitten, und einmal pro Jahr werden sie geschoren. Das war‘s an Mühe“, berichtet Steffi Dreyer. Die Wolle ist begehrt. Sie geht an Weberin Elke Gehrke in Lüggau. Auch Steffi Dreyer webt, wenn ihre knapp bemessene Zeit als Bäuerin und dreifache Mutter es zulässt. Ihr Ziel ist es, ihren eigenen Teppich aus der eigenen Alpakawolle zu weben.

Und wie kommt man zu Alpakas als Hütetiere? „Ziegen und Schafe waren uns zu klein. Die versuchen nämlich, mit in den Hühnerstall zu klettern. Alpakas sind zu groß dafür.“
Als Hühnerschützer werden sie in Süddeutschland allmählich populär, im Norden gibt es das noch nicht. Dreyers kamen über den Tipp eines Bekannten auf die Idee. „Er sagte uns, dass auf dem Dannenberger Weihnachtsmarkt Alpakas stehen. Die haben wir uns angeschaut, mit der Züchterin gesprochen, und waren uns schnell einig.“ Denn Dreyers mussten was tun: „In Thunpadel herrscht Raubvogeldruck, und der Fuchs ist gefürchtet.“ Alpakas sind so freundlich, dass die sanften Kamele immer öfter als Therapietiere in der Heilpädagogik eingesetzt werden. Nur bei Hunden und Füchsen auf Hühnerjagd – da verstehen sie absolut keinen Spaß.

Von Björn Vogt