Donnerstag , 19. September 2019
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Dr. Dirk Remien von der Lüneburger Tierklinik untersucht "Ruben", einen Mischling, der ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hat. Frauchen Amike Holst hält ihn dabei behutsam fest. Foto: phs

Wenn der Bauch am Boden schleift

Lüneburg. Mischlingshund Ruben hat schon fast 15 Jahre auf dem haarigen Buckel – und ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen. Seit ihre Kinder aus dem Haus sind, verwöhnt Besitzerin Regina Holst aus Uelzen ihren Hund gerne mit Leckerlis und Würstchen. Das Resultat: Ruben ist adipös, also übergewichtig – so wie viele andere Haustiere heutzutage. Fast täglich sehen die Tierärzte der Lüneburger Tierklinik sowie der Tierärztlichen Klinik Oerzen in Melbeck Hunde und Katzen, die zu dick sind. Der Grund: Immer mehr Tierhalter umsorgen ihre Vierbeiner beinahe wie eigene Kinder – tun ihnen damit aber nicht immer einen Gefallen.

Futter als Trost ein Fehler

Dass Ruben mittlerweile zu dick ist, ist Frauchen Regina Holst bewusst. „Ich weiß, dass es nichts bringt, ihn so zu verwöhnen“, gibt die 60-Jährige zu, während Dr. Dirk Remien in der Lüneburger Tierklinik den Mischling gerade auf dem Behandlungstisch untersucht. „Aber seit unsere drei Kinder aus dem Haus sind, muss ich ihn trösten, weil er sie so vermisst“, erzählt sie verlegen im Beisein von Tochter Amike. Dabei ist Ruben kein Einzelfall – immer häufiger sehen Dr. Re­mien und seine Kollegen übergewichtige Haustiere.

„Etwa 30 Prozent der Hunde sind zu dick. Auch bei Katzen haben wir dieses Problem sehr oft“, sagt Dr. Remien. Bei einigen tierischen Patienten müsse daher regelmäßig ein Gewichtsprotokoll geführt werden, „manche müssen zudem wöchentlich zum Wiegen kommen“. Denn Übergewicht bei Tieren ist ein Problem, das nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf, warnt der Tierarzt – denn genau wie beim Menschen, können die zusätzlichen Kilos auch bei Tieren gesundheitliche Folgen nach sich ziehen.

„Man tut seinem Tier damit keinen Gefallen. Hunde zum Beispiel sind Lauftiere – wenn der Bauch am Boden schleift, ist das nicht biologisch.“ – Dr. Dirk Remien, Tierarzt

„Die Lebenserwartung kann bei dicken Hunden durchaus geringer sein“, warnt Dr. Remien. „Es erhöht zum Beispiel das Risiko für Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder für Herz-Kreislauferkrankungen, und auch die Gelenke können sehr darunter leiden.“ Immer häufiger behandeln Dr. Remien und seine Kollegen Tiere mit eben diesen Folgeerkrankungen. Einen Grund für diese Entwicklung sehen die Lüneburger Tierärzte in „übermäßiger Zuwendung und Liebe“.

„Haustiere nehmen heute einen immer größeren Stellenwert ein“, sagt Dr. Remien. „Sie dürfen ins Bett, kriegen das beste und teuerste Essen, werden schön beerdigt. Man kann sogar einen Diamanten aus der Asche seines Haustiers pressen lassen.“ Tiere haben sozialen Charakter, sind wie Familienmitglieder – und werden auch dementsprechend behandelt. Vor allem für ältere Menschen seien Haustiere von Bedeutung – denn die sind so weniger alleine, sagt Dr. Friedrich Müller von der Lüneburger Tierklinik. „Nicht nur der alte Mensch umsorgt den alten Hund, sondern auch umgekehrt. Zudem bringen Tiere Leute unter Leute, man kommt über sie mit anderen ins Gespräch, zum Beispiel beim Gassi gehen.“

Bewegungsmangel ein Hauptgrund

Auch Dr. Urte Inkmann aus der Tierärztlichen Klinik Oerzen in Melbeck behandelt immer häufiger Tiere aufgrund von „Wohlstandserkrankungen“. Sich ein Tier anzuschaffen, bloß um nicht einsam zu sein, reicht für sie als Grund nicht aus. „Damit verbunden ist eben auch Arbeit“, sagt sie. Doch regelmäßig sei auch Bewegungsmangel ein Grund für das Übergewicht zahlreicher Haustiere. „Viele Hunde werden kaum ausgeführt oder wenn, dann nur mal kurz für ein schnelles Geschäft“, sagt die Tierärztin. Vor allem betroffen seien zudem Hauskatzen – denn „die sind häufig alleine, weil sie einzeln gehalten werden und die Besitzer oft nicht da sind“. Inkmann erklärt: „Die sitzen dann am Fenster und schauen raus, haben kaum Bewegung, langweilen sich den ganzen Tag teilweise einfach zu Tode – und beginnen dann zu essen.“

Statt sich mit den Tieren zu beschäftigen, mit ihnen zu spielen oder rauszugehen, „füttern viele Besitzer ihre Tiere einfach, um ihnen auf diese Art etwas Gutes zutun.“ Für die Tierärztin „ganz furchtbar“: „Ein Dackel mit einer Plautze zum Beispiel kann das ja gar nicht halten. Die quälen sich dann damit bei jedem Schritt.“ Auch Dr. Dirk Remien appelliert an Tierbesitzer: „Man tut seinem Tier damit keinen Gefallen. Hunde zum Beispiel sind Lauftiere – wenn der Bauch am Boden schleift, ist das nicht biologisch.“

Daher raten die Tierärzte der Lüneburger und der Melbecker Tierklinik dazu, die Bewegung des Tieres der Kalorienzufuhr anpassen – heißt: „Futter runter, Bewegung rauf. Und dabei konsequent sein!“, sagt Dr. Remien. „Es gibt viele gesunde Alternativen, zum Beispiel spezielle Abnehmfutter, die satt, aber nicht dick machen.“ Zudem könne auch mal Gemüse wie Möhre oder Gurke gefuttert werden – „solange es der Hund mag“. In Sachen Futter solle man sich am besten vom Tierarzt beraten lassen.

Mit einer Diät gegen das Fettdepot

Und wann ist ein Tier zu dick? Zwar gebe es keine Art von Body-Mass-Index (BMI) für Tiere, erklärt Dr. Remien, „aber wenn beim Hund die Rippen seitlich nicht mehr zu spüren sind, oder bei Katzen zwischen den Hinterbeinen ein Fettdepot schwabbelt – dann sind die Tiere definitiv zu dick.“

Auch Mischlingshund Ruben kommt an diesem Tag nicht an einer verordneten Diät vorbei. „Er muss ab jetzt etwas auf seine Linie achten“, rät Dr. Dirk Remien Familie Holst aus Uelzen. Zwar wird das auch für Frauchen Regina Holst eine Umstellung – aber zum Wohle ihres Vierbeiners sieht sie ein: „Wir müssen das jetzt angehen, damit wir ihm da helfen.“

von Patricia Luft